Bild: Terry Virts
Terry Virts hat in seinen 200 Tagen im Weltall mehr als 300.000 Fotos geschossen. Nun zeigt er eine Auswahl seiner spektakulärsten und interessantesten Aufnahmen weltweit zum ersten Mal in einer großen Ausstellung – und das in Graz! Wir haben mit dem früheren NASA-Astronauten über seine „kosmische Perspektive“ gesprochen, woran man Politik aus der Umlaufbahn erkennen kann und wie verrottete Orangen gegen das Heimweh helfen.
Terry Virts, 57, ist ein ehemaliger NASA-Astronaut. Der Amerikaner ist studierter Mathematiker und war als Kampfjet-Flieger der US Air Force unter anderem in Deutschland und Südkorea stationiert; er sammelte in seiner Karriere mehr als 5.300 Flugstunden in 40 verschiedenen Flugzeugtypen. Im Jahr 2000 unternahm er als Pilot des Space Shuttles Endeavour seine erste 13-stündige Reise ins All. Im November 2014 flog der zweifache Vater mit dem russischen Raumschiff Sojus zu einem insgesamt 200-tägigen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS (deren Kommandant er 2015 wurde). Terry Virts unternahm drei Weltraumspaziergänge und filmte für die IMAX-Produktion „A Beautiful Planet“. 2016 schied er aus der NASA aus und lebt heute als international gefragter Redner in Texas. Zur Eröffnung der Ausstellung „View From Above“ reiste Terry Virts nach überstandener Rückenoperation nach Graz und nahm sich Zeit für ein ausführliches Gespräch.
Einfach großartig! Es kommen so viele Erinnerungen zurück. Es ist, als wäre ich wieder da oben! Leider ist es unmöglich, den Weltraum wirklich zu erleben, wenn man nicht in der Schwerelosigkeit schwebt. Diese Ausstellung ist aber die beste Möglichkeit, das All zu sehen, ohne dort zu sein.
Ich bin ein begeisterter Fotograf, seit mir meine Eltern mit elf Jahren meine erste Kamera geschenkt haben. Damals musste man noch alles manuell einstellen. Außerdem konnte man pro Film nur 36 Fotos schießen, und das Ausarbeiten war unglaublich teuer, mindestens drei Dollar pro Film! Ich habe mir damals schon angewöhnt, sehr genau zu arbeiten. Dazu kommt, dass man im All nicht einfach im Automatikmodus knipsen kann – speziell bei den Aufnahmen aus der Raumstation hinaus war die Frage nach der Blende und der Belichtungszeit sehr wichtig: Wenn es hell ist, ist es nämlich viel heller als auf der Erde. Und auch das Schwarz ist wesentlich intensiver als wir es hier kennen und das bedeutet, dass die Kontraste viel extremer sind.
Ich habe sie selbst nie gezählt. Aber die NASA-Jungs, bei denen die Daten alle zusammengelaufen sind, haben mir gesagt, es waren um die 319.000 …
Nachdem mich Gotti (Anm.: Gottfried Eisenberger, der Veranstalter von „View From Above“) kontaktiert und gefragt hat, ob ich Lust hätte, in Graz eine große Ausstellung zu machen, habe ich mich hingesetzt und eine Liste von Themen erstellt, die ich zeigen wollte – von meiner Kindheit bis hin zum Weltraumspaziergang. Aber bitte frag mich nicht, wie viele Stunden ich dann wirklich am Computer gesessen bin und mir alte Bilder angeschaut habe (lacht).
Ich möchte Menschen inspirieren und Hoffnung geben! Ich möchte ihnen meine „kosmische Perspektive“ vermitteln, die ein gutes Mittel ist, mit all den negativen Nachrichten hier auf der Erde umzugehen.
Nachdem ich 2010 von meiner ersten Reise ins All zurückgekommen bin, habe ich in meinem Hotel den Fernseher aufgedreht. CNN, irgendeine Nachrichtensendung. Ich habe mir das 30 Sekunden lang angesehen und gleich wieder abgedreht. Ich habe diese dumme Kleingeistigkeit nicht ausgehalten. Gerade noch war ich da oben, habe wortwörtlich die ganze Welt gesehen – und dann muss ich mich wieder mit diesen negativen Geschichten beschäftigen. Man bekommt da oben tatsächlich eine ganz andere Wahrnehmung. Dir wird klar: Wir alle leben auf einem riesigen, wunderschönen Planeten, den es seit Milliarden von Jahren gibt – und den es Milliarden weitere Jahre immer noch geben wird. Wenn es mir schlecht geht, schließe ich die Augen und denke mir: Irgendjemand kreist gerade über mir und genießt den Blick auf den Sonnenaufgang. Und schon fühle ich mich leichter, weil die Probleme viel kleiner werden.
Ja, früher war ich ein Schwarz/Weiß-Typ, für den immer klar war, was richtig und was falsch ist. Das hat sich geändert. Ich akzeptiere, dass es viele Grauschattierungen gibt. Wobei ein paar Dinge für mich weiterhin nicht verhandelbar sind: Was Russland in der Ukraine macht, ist einfach falsch. Und etwas anderes ist mir da oben auch noch bewusst geworden.
Es gibt keinen Planeten B für uns. Wir haben nur die Erde! Ja, klar, Elon Musk träumt davon, zum Mars zu fliegen. Aber das wird nicht passieren.
Aus vielen Gründen. Unter anderem, weil der Mars ein furchtbarer Ort ist! Trockener als die Sahara, außerdem hat dieser Planet keine Atmosphäre und er hat kein Magnetfeld wie die Erde. Das heißt, wir Menschen wären dort unglaublich gefährlichen Strahlungen ausgesetzt.
Ich erinnere mich ganz genau an meine fünfte Nacht im Weltall. Wir sind übers Mittelmeer geflogen und ich habe mir gedacht: Schau dir das an! Die Türkei. Griechenland. Ägypten. Da ist der Nil! Da haben wir Israel und Jordanien, alles auf engstem Raum. Ich dachte mir, vielleicht ein bisschen vereinfacht: Leute, wo ist das Problem? Ihr lebt alle auf der Fläche der gleichen Briefmarke, warum habt ihr so viel Ärger miteinander?
Das stimmt ja so gar nicht. Manche Grenzen kann man sogar ganz deutlich erkennen, vor allem bei Nacht. Der krasseste Unterschied ist zwischen dem hoch entwickelten Südkorea und Nordkorea, das wie ein schwarzes Loch wirkt: Die einen leben im Licht, die anderen im Dunkeln. Also, ja, man kann Politik aus dem Weltall sehen …
In den 200 Tagen auf der ISS habe ich insgesamt 23 dieser extremen Wetterphänomene erlebt. Besonders beeindruckend war für mich der Taifun Maysak mit seinem unheimlich großen, perfekt geformten Auge im Inneren. Es war ein faszinierendes Schauspiel – und gleichzeitig weißt du: Was von oben so spektakulär aussieht, tötet unten auf der Erde im selben Moment zahlreiche Menschen.
Ich fühlte mich gesegnet. Ich wusste, wie glücklich ich mich schätzen darf. Einmal habe ich mich mit den anderen Crew-Mitgliedern zusammengesetzt und gesagt: Schaut mal: Da unten sind sechs Milliarden Menschen – und wir sind hier oben zu sechst!
Von der Raumstation aus siehst du alle 93 Minuten einen Sonnenaufgang. Manche meiner Kollegen sind die Sache recht nüchtern angegangen und haben Dinge gesagt wie: „Ach, schau mal, da ist die Erde ja schon wieder.“ Für mich war es jedes Mal aufs Neue unglaublich aufregend, und ich wollte eigentlich nichts anderes tun, als jeden dieser Momente auf Film oder Foto festhalten.
98 Prozent deiner Zeit hast du nichts als Metall direkt vor deinem Gesicht. Du bist da draußen permanent mit Arbeiten direkt an der Raumstation beschäftigt, die auf der Erde nicht besonders spektakulär sind: Kabel verlegen, Bolzen mit Schmierfett servicieren. Solche Sachen. Aber einmal habe ich mich ganz langsam umgedreht und ein paar Sekunden lang ins Weltall hinausgeblickt. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Es war ein Sonnenaufgang über der Erde, ich habe den gesamten Planeten vor mir gehabt und dazu all diese anderen Sterne! Ich konnte Gott sprechen hören. Ich habe etwas gesehen, was wir Menschen nicht sehen können, vielleicht gar nicht sehen sollen. Für einen Moment habe ich die Schöpfung aus Gottes Blickwinkel erlebt. Dann habe ich mich wieder umgedreht und weitere Kabel fixiert.
Eine interessante Vorstellung! Aber, nein, daran habe ich nicht gedacht. Es gab diese berühmte Rede von Präsident John F. Kennedy im Jahr 1962, in der er versprochen hat, dass wir innerhalb weniger Jahre auf den Mond fliegen werden. Die wichtigste und faszinierendste Passage darin war für mich der Zusatz, dass wir von da oben sicher zurückkehren werden.
Elon Musk hat mit SpaceX vergangenes Jahr fast 150 Raketenstarts durchgeführt, mehr als alle Nationen und anderen Unternehmen zusammen. Raumfahrt entwickelt sich also zum ernsthaften Geschäftszweig – und ganz ehrlich: Es ist nicht besonders schlau, gegen Elon Musks Geschäftssinn zu wetten. Andererseits sind diese Reisen ins All unglaublich energieintensiv und damit unglaublich teuer. Und unglaublich gefährlich. Ich will dich nicht mit mathematischen und physikalischen Details überladen, aber für einen Flug ins Weltall brauchst du ungefähr die 900-fache Menge an Energie wie für einen Flug nach New York. Aber, ja, irgendwelche Leute werden sicher diese Tickets um eine Million Dollar kaufen, um mit Jeff Bezos für zehn Minuten ins All zu fliegen …
Ich habe zu Hause ein Teleskop und schaue natürlich immer wieder hinauf. Dann denke ich mir: Ja, das ist schon ziemlich cool. Aber jetzt bin ich froh, hier zu sein. Es gibt auf der Erde nämlich viele großartige Dinge, die es da oben nicht gibt. So wie euer fantastisches Wiener Schnitzel (lacht).
Ja, zum Beispiel die Geräusche eines vollbesetzten Cafés. Und einmal, an einem Samstag, haben wir auf allen 50 Laptops Regengeräusche abgespielt. Das hat uns sehr gutgetan, aber am Sonntag haben wir den Regen wieder abgedreht. Aber nicht nur das, wir haben uns auch Gerüche von der Erde ins All geholt.
Einmal pro Monat kommt ein Versorgungsschiff und bringt Nachschub. Wir haben uns Obst schicken lassen – und nicht nur, um es zu essen. Das kann man in der Ausstellung eh auch sehen, wie wir uns über frische Äpfel und Karotten freuen. Die Orangen, die Wochen vorab verpackt wurden, kommen zwar komplett kaputt oben an. Aber einen Tag lang oder zwei riechen sie herrlich!
Ja, wie heißt es so schön: Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. Und heute bin ich wirklich sehr glücklich auf der Erde. Wenn ich die Bilder in meiner Ausstellung sehe, muss ich aber schon sagen: Es war eine wunderschöne Zeit!
Die Bilder der Ausstellung wurden im aufwändigen ChromaLuxe-Verfahren in der Steiermark hergestellt. Im sogenannten Thermosublimationsprozess öffnen sich Poren der Beschichtung auf einer Aluminiumplatte, woraufhin Tinte aus einem zuvor gedruckten Transferpapier direkt in die Oberfläche des Metalls übergeht. Die Bilder – in einer Größe von 90 x 60 bis 120 x 180 Zentimeter – sind kratzfest, lichtecht und wasserabweisend. Um ungewünschte Reflexionen zu verhindern, ist die dreigeschoßige Ausstellungsfläche in Graz mit weißen Bodenmatten ausgelegt.
„View From Above“ läuft noch bis 31. März 2025 im ehemaligen Kastner & Öhler Home, Murgasse 10, 8010 Graz. Geöffnet ist die Ausstellung täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr.
In fünf Stationen wird die Geschichte eines Astronauten erlebbar gemacht – von den intensiven Vorbereitungen bis zur Rückkehr auf die Erde:
1. Intro: Der Auftakt, der die Besucher*innen auf das Abenteuer einstimmt und NASA-Astronaut Terry Virts vorstellt.
2. NASA-Training: Einblicke in die anspruchsvollen Vorbereitungen eines Astronauten – körperlich wie mental.
3. Startvorbereitung und Raketenstart: Die spannenden Momente vor dem Abheben und der spektakuläre Raketenstart.
4. Die Erde von oben: Atemberaubende Bilder unseres Planeten, wie sie nur aus dem All zu sehen sind.
5. Leben auf der ISS: Das tägliche Leben in der Internationalen Space Station, faszinierende Spacewalks und einzigartige Erlebnisse jenseits der Erdatmosphäre.
Jede Station bietet nicht nur visuelle Eindrücke, sondern auch persönliche Geschichten von Terry Virts, der mehr als 7 Monate auf der ISS verbrachte.