"She had a history, but she had no past“, heißt es im Songtext zu „Jubilee Street“ über ein leichtes Mädchen namens Bee. Nicht so jedoch Nick Cave, der australische Poète maudit und geistige Vater dieser Gunstgewerblerin: Vormals bei The Boys Next Door, später bei The Birthday Party tätig und ab 1983 schließlich im Kollektiv mit den Bad Seeds kann er dieweil auf ein reiches Œuvre zurückblicken. Eines, das wir unter dem Titel „Lovely Creatures“ (erscheint am 5. Mai) unifiziert nun gemeinsam rekapitulieren: Bewusst wurden da das Schwesternprojekt Grinderman und die Ausflüge in die Welt der Filmmusik ebenso ausgeklammert, wie auch das aktuelle Album „Skeleton Tree“. Dafür wird die De-luxe-Edition von einem prachtvollen Buch begleitet, das neben Archivaufnahmen und Replika von Memorabilia auch eine Vielzahl an Essays offeriert.
1984, kurz nach deinem Umzug nach London, bist du dem Elvis-Presley-Fanclub beigetreten. In „A beautiful, evil thing“ – einem Kapitel aus „Lovely Creatures“ – wirst du zitiert, du hättest deine Unschuld mit Johnny Cash verloren . Was bräuchte eine ihrer Retrospektiven, dass du sie dir zulegen würdest?
Bei Elvis wünschte ich mir, sie würden Aufnahmen der letzten Shows veröffentlichen – einiges davon finde ich außergewöhnlich, seine Rehearsals überwältigend. Von Johnny hingegen würde ich viel von seinen frühen Stücken haben wollen – er hatte eine exzeptionelle Karriere und natürlich eine ungemeine Anzahl an Songs.
Ich fand den Titel deiner Restrospektive interessant, werden mit „Creatures“ immerhin üblicherweise Lebewesen bezeichnet – und seien sie noch so imaginär. Was qualifiziert deine Musik als „lebendig“?
Der Titel suggeriert in allererster Linie, dass die Stücke eine Einheit bilden – sie alle sind befremdliche, sonderbare kleine Wesen, die zusammen existieren. Ich mag die Vorstellung, dass sich die Songs untereinander irgendwie verständigen, was vorwiegend damit zu tun hat, dass ich seit 30 Jahren den gleichen Song schreibe: Meine Noemata sind heute sehr ähnlich zu denen, die ich bereits in meiner Adoleszenz hatte. Allein meine Perspektiven haben sich mit der Zeit gewandelt und meine Kunstfertigkeit verbessert.
Wachsen deine Stücke mit der Zeit oder löst sich der initiative enge Konnex sukzessive?
Manche blühen auf und andere wiederum verdorren. Einige von ihnen haben kein Stehvermögen – auch in der Welt der Musik geht es um das Überleben der Stärksten. Das macht sie nicht zwangsweise zu schlechten Stücken, sondern bedeutet nur, dass sie nicht die Fähigkeit haben, gewisse Grenzen zu überschreiten. Andere wiederum verselbstständigen sich, leben nicht nur in unterschiedlichen Lebensphasen von mir und den Bad Seeds, sondern auch auf sich allein gestellt weiter.
Als ihr diese Kollektion zusammengestellt habt, sind dir störende Momente ins Ohr gesprungen – Noten oder Textzeilen, die du rückblickend gerne geändert hättest, oder ist es wie bei Kindern: Man liebt sie genauso, wie sie sind?
Die Stücke selbst haben ihre Berechtigung, genauso, wie sie gemacht wurden. Negativ herausstechend war hier und da jedoch ihr Klang, das, was einzelne Produzenten aus ihnen gemacht haben. Gerade der Bruch von analog auf digital ist frappant. Früher hatte ich meinen eigenen Fader für den Gesang, Blixa den für seine Gitarre und zwischen uns schwelte stets der Kampf um die Vorherrschaft, woraus einige sehr bizarre Kreaturen entwuchsen, die nicht wirklich songdienlich waren. Heute ist der Prozess ein gänzlich anderer, nicht allein vom Zeitgefüge her: Selbst kleine Nachbearbeitungen, die heute mit dem Computer in Sekundenschnelle möglich sind, haben einen positiven Effekt auf die Wirkungsmächtigkeit eines Songs.
Ist das aber nicht irgendwie dann auch der „Tod des Autors“, zumindest in seiner augenblicklichen Intention?
Ganz und gar. Deswegen haben wir mit den letzten beiden Alben, „Skeleton Tree“ und „Push The Sky Away“, versucht, wieder zu einem analogen Modus Operandi zurück zu schielen. Gerade „Skeleton Tree“ ist sehr räudig, rudimentär und expressiv. Aber um auf deine eigentliche Frage zurückzukommen: Das einzige Problem, das sich mir beim Zusammenstellen der Stücke präsentierte, waren die klanglichen Unterschiede der einzelnen Phasen. Warren Ellis hat maßgeblich dazu beigetragen, sie so auszuwählen und anzuordnen, dass zwar die Chronologie beizubehalten wird, dabei aber der Eindruck einer Homogenität erweckt wird.
Welcher Moment des künstlerischen Schaffensprozesses ist dir eigentlich der Befriedigendste?
Ich brauche das Schreiben als unabdingbare Notwendigkeit, um überhaupt existieren zu können: Wenn ich nicht arbeite, kommt es mir vor, als breche die Welt um mich herum zusammen, da bin ich ein Wrack, ein Desaster. Stehe ich auf der Bühne, hat das einen transformativen Effekt auf mich: Die Musik reflektiert die Phasen meines Lebens und hält mich dabei jung und am Leben. Das Aufnehmen ist nur Mittel zum Zweck, da verliert man die Eigentümerschaft über seine Ideen, hier setzt du deine Gedanken der Welt aus. Dies ist auch der Moment, wo sich meine intensive Beschäftigung mit der Musik löst. Naturgemäß evozierte also die für „Lovely Creatures“ notwendige Auseinandersetzung ein Gefühl der Beklemmung, ich hatte Ängste, mich diesem ungeheuren Monster zu stellen. Es ist wie ein Besuch bei einer unliebsamen Verwandtschaft gewesen, der sich aber dann doch irgendwie als angenehm herauskristallisierte.
Wie merkst du eigentlich, dass ein Song in seiner jeweiligen Entwicklungsphase "fertig" ist?
Wir nehmen einfach einmal alles auf und beurteilen dann. Wir proben nicht im Vorfeld lange herum. Bei einigen Platten kam ich mit den fertigen Stücken, die ich am Klavier geschrieben hatte, ins Studio und stellte die Band mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen, während gerade die letzten Platten darauf basierten, dass Warren und ich im Studio jammten.