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Konzerte

Niemand hätte gedacht, dass Justin Bieber noch so viel Swag hat

10.09.2025 von Stefan Baumgartner

Die Familien- und Gesundheitsdramen der vergangenen Monate scheinen Vergangenheit zu sein: Binnen weniger Wochen hat Justin Bieber gleich zwei musikalische Liebesbekenntnisse veröffentlicht.

Vor drei Jahren hatte der kanadische Pop-Superstar Justin Bieber seine seltene neurologische Erkrankung, das Ramsay-Hunt-Syndrom, öffentlich gemacht: Es führt zu einer Entzündung und Lähmung des Gesichtsnervs sowie zu Hörverlust – gerade bei einem Musiker mehr als nur kontraproduktiv, und somit wohl auch der Hauptgrund dafür, dass er seine damalige Welttournee, die ihn am 24. März 2023 auch in die Wiener Stadthalle geführt hätte, unterbrechen musste. Es wäre dies nach 2013 und 2016 sein erst dritter Österreich-Besuch gewesen.

Es folgte jedoch kein Rückzug aus der Öffentlichkeit, vielmehr sorgte er auf Social Media mit teils verstörenden Postings für Aufsehen, es war überdeutlich, dass er sich „gebrochen“ fühlte und mit Wut und alten Traumata kämpfte – Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und erratisches Verhalten waren an der Tagesordnung, sodass sich sogar seine Frau Hailey öffentlich besorgt zeigte.

Ob das tatsächlich Mental-Health-Struggles waren, oder perfides Marketing – das wird wohl niemand erfahren (und wäre wohl auch übergriffig, es ihm anzudichten): Justin Bieber war so jedenfalls in aller Munde – und veröffentlichte zu Sommeranfang dann überraschend so etwas wie einen Silberstreifen am Horizont, nämlich nicht nur seine neue Modemarke „SKYLRK“, sondern auch sein siebentes Album „SWAG“.

Swag – Teil 1

Mit „Swag“ legte Justin Bieber inhaltlich drei große, ineinander verknüpfte Themen aufs Tableau: Beziehung, Familie, Vaterschaft – allesamt Themen, bei denen man schon fürchtete, er würde sich derer nicht gewachsen fühlen. Begleitet wurde das Album mit Familienfotos, die die Fotografin Renell Medrano geschossen hatte – sie hat etwa auch schon Kendrick Lamar mit Frau und Tochter für dessen Album „Mr. Morale & The Big Steppers“ abgelichtet. 

Die in schwarz-weiß gehaltenen Aufnahmen zeugen vor allem von familiärem Zusammenhalt: Wurde in den vergangenen Monaten gar noch die Scheidung von Hailey und Justin prophezeit, zeigte sich das Paar nun erstmals mit ihrem gemeinsamen Sohn Jack Blues. Aber auch auf musikalischer Ebene liefert Justin auf diversen „SWAG“-Tracks den Liebesbeweis für seine kleine Familie – allen voran mit „Go Baby“: „That’s my baby, she’s iconic“.

Dazu gibt es zudem keine erratischen Klänge, wie man es von einem gebrochenen Künstler erwarten könnte, sondern durchaus verzaubernden 80er-Jahre-Dream-Pop mit einlullenden Synths und ganz, ganz viel Soul und R’n‘B: Der Ohrwurm schlängelte sich gefällig durch die 21 neuen Swaggers.

Aus belasteten Erfahrungen Kreativschübe ziehen, beschreibt die Psychologie als posttraumatisches Wachstum: Gerade der unrühmliche Klub 27 (Amy Winehouse, Kurt Cobain), aber auch zahlreiche aktuelle Weltstars (Billie Eilish) sind Beleg dafür, dass aus Depression, Wut, Verzweiflung und daraus resultierendem Alkoholismus und Drogensucht erst recht Großartiges entstehen kann – ohne dabei das Leid glorifizieren zu wollen. Und auch wenn sich Justin Bieber gerade (zurecht) für seinen „SWAG“ feiern lässt und sicherlich auch den ein oder anderen SKYLRK-Merch verkauft, wäre es zu kurz gedacht, die letzten Jahre als Kalkül abzustempeln. Mit 15 Jahren und vielleicht viel zu jung (Was habt ihr mit 15 so erlebt???) wurde er nämlich nicht nur zum Weltstar, sondern allen voran die Zielscheibe von Klatsch, Tratsch und übergriffigem Verhalten – allen voran von Paparazzi. Drogenproblemen und Depressionen haben ihn wohl nebst dem Ramsay-Hunt-Syndrom schwer belastet – ein Loch, das er mit „SWAG“ jedoch zu verlassen haben scheint.

Swag – Teil 2

Und zwar so weit, dass sich nicht nur seine privaten Wogen vorerst geglättet haben, sondern es auch für einen wahren Kreativschub gesorgt hat: Nur wenige Wochen nach „SWAG“ gibt es bereits jetzt den Nachfolger. Die Einblicke über seine noch junge Familie, seine mentale Gesundheit, aber auch seinen Glauben sind wohl noch nicht auserzählt – es folgen 23 weitere Songs. Damit reiht sich Justin Bieber in eine illustre Runde ein: Von Taylor Swift bis Charli XCX haben schon andere Popstars vor ihm zuletzt gezeigt, dass ein Album selten allein kommen muss – „Super Fans“ nur selten gesättigt sind.

Die neuen Songs sind – wie die kaugummirosarote Farbe des Albumcovers, und die nun in Farbe gehaltenen Familienfotos bereits andeuten – groovy und sanft und springen zwischen 80s-Funk, 90s-Britpop und Indie hin und her, während sie doch allesamt im R’n‘B-Sound von „SWAG“ wurzeln. Aber „SWAG II“ ist lichter, optimistischer und weicher als sein Vorgänger – und wirkt auf den ersten Geburtstag seines Sohnes im August folgend wie ein verlängerter Liebesbrief an Mutter und Kind (und Gott). So erzählt Justin auf dem Closing-Track „Story of God“ mal eben auf knapp acht Minuten die biblische Erzählung von Adam und Eva nach: „Everything Hallelujah!“

Highlight ist jedoch „Love Song”: Auf einen verzerrten Piano-Loop singt Justin, dass er ein Liebeslied schreiben möchte, welches all die Magie und Leichtigkeit wiedergibt, die Verliebtsein für ihn bedeutet: „I wanna write you a love song, baby / I wanna write you a good one, you can’t stop singing to me“. Dieses Gefühl wird später nochmal pointiert, wenn Justin sich auf „Mother In You“ in die Perspektive seines Sohnes versetzt, um in dieser sanften, lieblichen Akustik-Ballade Hailey eben jenes Liebeslied zu widmen: „And I remember the moment, at two in the morning / I saw a reflection in you / When you looked right through me like you really knew me“.

Und damit hat das Album-Doppel, das wie ein Sonnenaufgang nach langer Dunkelheit wirkt, vielleicht sogar etwas Heilsames – fast so, als hätte Justin Bieber diesen großen Sprung geschafft, sich neu zu entdecken und seinen Hörer*innen auch mit auf dem Weg zu geben: Nach Dunkel folgt Licht. Und jetzt muss Justin Bieber seinen Swag – übrigens „Coolness“, für die älteren Semester – nur noch nach Österreich, in die Wiener Stadthalle bringen: „Dreh den Swag auf!“ (© Money Boy)


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