Bild: oeticket / Cherie Hansson
Mit „Fremder Traum“ liefert Nils Keppel - einer der besten Vertreter der Neuen Neuen Deutschen Welle - einen weiteren Vorgeschmack auf sein Debütalbum „Super Sonic Youth“: Das ist Musik, die nach David Lynch klingt!
Begriffe wie “vintage” und “chabby chic” finden sich in zahlreichen Lebensbereichen wieder, selbst IKEA liebäugelt seit geraumer Zeit mit ehemaligen Kollektionen aus den Achtzigern, weil die Menschen auf den “Vibe” von damals so sehr abfahren. So ist es kein Wunder, dass auch immer mehr junge Künstler*innen Musik rausbringen, deren Sound sich herrlich an zum Beispiel den Achtzigern (oder anderen beinah schon archaisch anmutenden Jahrzehnten) anschmiegt – allerdings nicht an den grellen Momenten, sondern an den dunklen: Mit düsterem Synthesizer und melancholischen Texten ist die stetig wachsende Anzahl an post-punkigen Musiker*innen der Neuen Neuen Deutschen Welle eine Hommage und Weiterentwicklung der - klaro - Neuen Deutschen Welle.
In den Achtzigern überrollt damals die Neue Deutsche Welle nicht nur den deutschen, sondern sogar den internationalen Musikmarkt. In politisch turbulenten Zeiten – geprägt durch die 68er-Bewegung, den Kalten Krieg und das geteilte Deutschland – brach damals eine Fusion aus New Wave und Punk in die Bundesrepublik ein, der deutschsprachige Punk (Stichwort: Die Ärzte und Die Toten Hosen) spaltete sich schon früh von der NDW ab, die sich als deutlich innovativer und experimenteller verstand, ein Gegenteilpaar wie Dosenbier und eine Flasche Rotwein.
Gemein haben die Punks und die Künstler*innen der NDW lediglich die deutschen Texte und eine zumindest auf das erste Gehör Schlichtheit. Doch hinter den Texten stecken die Lebenserfahrungen von jungen Menschen, die Abziehbilder ihrer aus Herz- und Weltschmerz geprägten Realitäten schaffen – eingehüllt in den dunklen Klang der Synthesizer, die in jenen Jahren zu erschwinglichen Preisen auf den Markt kamen.
Heute sind die Vertreter*innen von damals – DAF, Nena, Nina Hagen, Falco, Andreas Dorau, Geier Sturzflug, Trio, Peter Schilling, die Frühphase der EAV – naturgemäß keine Jungspunde mehr, nicht alle sind weiterhin musikalisch aktiv oder überhaupt noch am Leben. Aber ihr Erbe haben die Jungspunde von heute angetreten, auch sie stecken in politisch und emotional turbulenten Zeiten fest: Sie erfinden mit ihrer Neuen Neuen Deutschen Welle das Rad nicht neu, klingen nostalgisch wie das Anno-dunnemals, während sie jedoch behutsam den jetzigen Zeitgeist einschieben.
Ein gutes Beispiel hierfür ist “UTOPIA”, von der treffend mit ENDE betitelten Band aus Linz und Wien: Sie pendeln zwischen Eskapismus und eben Utopie, Wunschgedanken teils unrealistischer Natur bilden das Fundament ihrer der Tristesse zum Trotz tanzbaren Lieder. Was auf dem Papier nämlich nach vor Verzweiflung gierender Realitätsflucht klingt, verwandelt sich in Musik, die gleichermaßen treibt, verletzt und Hoffnung durchschimmern lässt – ENDE sind dunkel, aber selbst im Dunkel, da gleißt noch das Licht. Ihre Brillanz: Minimalistischer Direktheit, die nicht verklärt, sondern trifft – kein kitschiges Pathos, nur pure Wucht.
Dann ist da auch noch der Nürnberger Hannes Weichelt alias Streichelt, dessen neue EP “Rosenkrieg” Anfang kommendes Jahres (inklusive zweier Konzerte in Österreich, in Graz und Wien) erscheint: Auch seine Musik ist wahnsinnig tanzbar, nimmt finsteren Themen die Schwere. Oder auch zwei Münchnerinnen unter dem Banner Spinnen, die in guter, alter Punk-Manier auch mal ordentlich ballern – aber stets mit Gefühl. Aus Thüringen kommen Mamoré, die zuletzt mit ihrer Single “Der Mann der nichts fühlt” nicht nur allen Schnickschnack von Bord warfen, sondern dabei auch die basslastige Technoline bis zum Exzess hochpfefferten und dazu einen Gegenpol zum vorherrschenden Männerbild ablieferten, Gefühlsideale hinterfrugen: „Schalala lala lala la“. Ungefähr so müsste ein Kind von Falco und Grönemeyer klingen. Nicht vergessen darf man natürlich auch die Hamburgerin Modular, die spätestens nach ihrem Cover des NDW-Hits „Goldener Reiter“ von Joachim Witt alle am Radar haben sollten – insbesondere, weil sie gemeinsam mit Mia Morgan und „Erste große Freiheit“ die vermutlich erste queere NDW-Hymne überhaupt geschrieben hat: Geil!
Und dann ist da auch noch: Nils Keppel, der Bube aus – wie Edwin Rosen! – der Südpfalz, der optisch an einen frühen Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) erinnert, und so klingt, wie die Filme von David Lynch ausschauen.
Sein Gesang: dramatisch. Seine Instrumentierung: kalt. Sein Duktus: verzweifelt. Seine akustischen Dystopien spielt er natürlich allein im Studio ein, weil das viel direkter ist: „Es kommt ein bisschen mehr aus der Seele.“ Auf der Bühne – in Österreich erstmals am 14. März 2024 im Flucc, dieses Jahr im April im Vorprogramm von Bilderbuch in der Wiener Stadthalle – wird er jedoch auch von Mitmusikern unterstützt.
Musik, das ist für ihn ein Trostspender – „seine kleine Therapie, sein Zuhause“. Deswegen trägt seiner erste EP auch den Namen „Heile Welt“, eine bewusste Flucht ins Surreale, weil wir alle wissen, dass die Welt sich zurzeit eigentlich genau ins Gegenteil verdreht. Auch auf seiner neuesten Single „Fremder Traum“ entführt Nils Keppel uns in eine verträumte Realität, zwischen Wunsch und Wirklichkeit erforscht er, wie die Realität mit der Traumwelt verschmelzen kann – und ich muss dabei unweigerlich an das wundervolle Kinderbuch “Florians wundersame Reise über die Tapete” von Franz Karl Ginzkey denken: “Er sprach zu mir im Schlaf, ich prügelte mich wieder ins Licht – erwachte, doch vergaß ihn nicht.”
Die Single ist ein Vorbote seines Debütalbums “Super Sonic Youth”, das am 13. Februar erscheint – und im März dann auch live erneut im Wiener Flucc vorgestellt wird. “In Nils Keppels ‚Super Sonic Youth‘ hallt der Geist einer zu schnell gelebten, wie ein Fiebertraum vorbeiziehenden Jugend wider. Der Geist, der, unbefriedigt vom jähen Ende des Rausches, bis in alle Ewigkeit dieselben Fragen spuken lässt: Haben wir es vollends ausgekostet? Haben wir es genossen, solang es noch anhielt?”, fragt da der Pressetext – und ich nehme mir fürs Flucc vor, den Rausch vollends auszukosten. Wer weiß schon, wann wir sterben?
Mit einer Mischung aus dadaistischem Humor, elektronischem Minimalismus und unwiderstehlichen Ohrwurmqualitäten schrieb übrigens auch DÖF - mit Joesi Prokopetz, Fredi Tauchen, Annette und Inga Humpe - 1983 Musikgeschichte. Nun erscheint am 14. November das legendäre selbstbetitelte Album mit dem Riesenhit “Codo … düse im Sauseschritt” erstmals seit Jahrzehnten wieder als LP-Reissue, und das in einer limitierten, farbigen und remastered Vinyl-Edition für Sammler und Fans der Neuen Deutschen Welle.
Wusstet ihr übrigens: Kraftklub haben in ihrem Lied “Sklave” (2017) auch “Codo” Tribut gezollt: Die Passage “Business, Ich mache Business. Ich bin der Boss” imitiert im Wortklang “Hässlich, ich bin so hässlich, [so grässlich hässlich,] ich bin der Hass!”