Bild: Constantinescu Niculai
Als erste Single seines siebenten Studioalbums „Recovery“ erschien Eminems Song „Not Afraid“ Ende April 2010. Darin zeigt sich Marshall Mathers überraschend handzahm, überlässt die Diss-Tracks lieber anderen und räsoniert pathetisch über seine überwundene Drogenabhängigkeit, kritisiert seine eigene große Klappe auf dem Vorgängeralbum „Relapse“ und verspricht den Fans reumütig, dass er sich vor allem auf seine Verantwortung als Vater konzentrieren wird. Inwieweit Zusammenhänge zwischen Eminem und Not-Afraid-Veranstalter Ewald Tatar bestehen, lässt sich ohne genauere Tiefenanalyse nicht so leicht ergründen, aber der Burgenländer, der unter anderem auch das Nova Rock verantwortet, will seinem neuen Festivalbaby Not Afraid unter Garantie auch ein guter Vater sein. Viele Jahre nach diversen Versuchen im beschaulichen Wiesen oder auf dem Open-Air-Gelände der Wiener Arena hat das Land nun endlich wieder ein Hip-Hop-Festival, das mit dem Spielort Wiener Donauinsel auch einen akkuraten und angenehm mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbaren Untergrund hat.
Insgesamt zwölf unterschiedliche Acts werden am 27. Juni auf zwei Bühnen für Furore sorgen und spiegeln dabei auch einen guten Querschnitt der Szene wider. Älter und jünger, männlich und weiblich, trendiger Cloud- und Trap-Rap gegen Old-School-Hip-Hop und die gut bekannte deutsche Schule. Fernab diverser, mit hastiger Schnappatmung geführter Quotendiskussionen ist in der lauen Sommernacht tatsächlich für so gut wie alle Genre-Geschmäcker etwas am Tableau. So gibt es ganze sechs Jahre nach seinen zwei erfolgreichen Aufritten beim Nova Rock und im Wiener Gasometer ein Wiedersehen mit Superstar Machine Gun Kelly. Seit damals ist bei Colson Baker, so sein bürgerlicher Name, so einiges passiert. Im Musiksektor fand er rund um die Pandemie mit Blink-182-Drummer und Punkrock-Szenepapst Travis Barker eine Bromance, die ihn vom Rap in den Pop-Punk und wieder zurückführte. Seine beiden aktuellen Alben „Tickets To My Downfall“ und „Mainstream Sellout“ landeten auf Platz eins der Billboard-Albumcharts, mit Barker teilt er sich mittlerweile schon Partner-Tattoos. Baker & Barker – true love!
Privat hat er während des ersten Lockdowns bei Schauspielerin Megan Fox angedockt und zur Verwunderung vieler hält die Glamour-Beziehung zwischen den zwei starken Charakteren noch immer ziemlich gut. Neben der Musik konzentrierte sich MGK auch auf seine Schauspielkarriere. Als Drummer Tommy Lee war er der einzig wirkliche Höhepunkt in der brustschwachen Netflix-Serie „The Dirt“ über die Glam-Rocker Mötley Crüe, im Western „The Last Son“ zeigte der Texaner dafür bravourös, dass seine stilistische Sprunghaftigkeit in Musik und Film nicht etwa einem ADHS-Syndrom geschuldet ist, sondern aus einer tiefen kreativen Freiheitsimplosion resultiert. Ob Machine Gun Kelly auf der Donauinsel nun derb rappt oder lieber mit engen Nietenbändern und Emo-Kajal um die Augen Millenniums-Punk zelebriert, das wissen wir Stand jetzt noch nicht genau. Wahrscheinlich ist aber eine flotte Mischung aus beidem.
Mit musikalisch weniger Überraschungen darf man bei Österreichs Aushängeschild Yung Hurn rechnen. Der Donaustädter war in seiner Hype-Phase jahrelang das alternative Liebkind des Feuilletons in den Qualitätsblättern, wurde nach ersten Zweifeln an seinen Texten aber von ebenjenen nur allzu gerne ins misogyne Eck gestellt. Dies soll nun keineswegs eine Verharmlosung seiner diskussionswürdigen Texte sein, doch bei einer solch rapiden Trendumkehr müssten genannte Medien konsequenterweise an die 80 Prozent aller Rapper angewidert fallen lassen. Yung Hurn warum machst du das, warum sagst du das, warum bist du so gemein? Dem 28-Jährigen wird es so egal sein, wie es bislang immer war. Neben seinen Klassikern wie „Ok cool“, „Ponny“ oder „Diamant“ darf man sich auch auf den einen oder anderen Track seines brandneuen Werks „Crazy Horse Club Mixtape Vol. 1“ freuen. Das Leben ist eben kein Ponyhof – und der Rap schon gar nicht.
Abgeschlossen wird der Reigen der Festival-A-Stars von der deutschen Rap-Legende Sido und der hat sich schon mit halb Österreich angelegt. In „Die große Chance“ gab es medienwirksame Scharmützel mit Krone-Postler Michael Jeannée, bei einer ORF-Gala empörte er Martina Kaiser und Eberhard Forcher mit schwarzhumoriger Hitler-Ironie, bei einer weiteren Auflage von „Die große Chance“ knockte er Society-Reporter Dominic Heinzl sogar zu Boden. Musikalisch hat der 42-Jährige eine weite Range, die vom unvergessenen „Arschficksong“ bis zu seinem aktuellen Studioalbum „Paul“ führt, das ihn erstmals an die Chartspitze aller deutschsprachigen Länder brachte. Nach seinem pandemiebedingten Totalabsturz ist das Enfant Terrible nun auf Kuschelkurs und versucht mehr Paul Würdig, so sein bürgerlicher Name, als Rapper Sido zu sein. Mehr Mensch als Star. Mehr Erwachsener als ewiger Teen. Wie gut diese Fusion in der Realität funktioniert, kann man auf der Donauinsel nachprüfen.
Zu den geheimen Highlights beim Not Afraid zählt aber die im Windschatten der großen Namen scharrende Frauenriege. Eli Preiss war 2022 zweifellos die Durchstarterin im heimischen Rap-Game, Mariybu steht für Feminismus und einer neuen Form von weiblicher Selbstverständlichkeit in einem lange von Männern dominiertem Genre, Futurebae wird von der Fachpresse als die vielleicht größte Zukunftshoffnung des deutschen Rap gehandelt und Babyjoy bringt Sentiment und Melancholie in den Club der dicken Hosen. Also – „be not afraid“ und geht hin. Hier ist etwas wirklich Spannendes im Entstehen!
Das Not Afraid findet am 27. Juni auf der Donauinsel statt. Tickets gibt es bei oeticket.com. Alle Line-Up-Informationen findet ihr hier.