Nach einem skandalumwitterten Nicht-Auftritt im Wiener Viper Room vor einigen Jahren gaben sich Pestilence unlängst im Escape Metalcorner die Live-Ehre. Mit einem speziellen Klassiker-Set kramte Mastermind Patrick Mameli tief in der Nostalgie-Kiste.
Ende der 80er- bis Mitte der 90er-Jahre zählten die Holländer Pestilence zu den ersten und wichtigsten europäischen Death-Metal-Bands, danach warf Frontmann Patrick Mameli das Handtuch mehrmals, kehrte aber immer wieder an die Oberfläche zurück. Dieser Tage veröffentlicht er mit brandneuer Besetzung „Hadeon“ und tourt mit einem „Old-School-Special-Set“ durch Europa. Auf seiner Station im Wiener Escape Metalcorner schnappten wir uns den 51-Jährigen, um seine lange Karriere schonungslos, offen und ehrlich zu rekapitulieren.
Patrick, mit „Hadeon“ hast du dieser Tage ein neues Album veröffentlicht, bist in Europa aber trotzdem mit einem „Old School Special Set“ auf Tour. Was hat dich zu dieser eigenwilligen Entscheidung bewogen?
Es ist gar nicht so unlogisch, wie es wirkt, denn
da mein Label derzeit die alten Alben neu auflegt, kann ich den Fokus durchaus auch darauf legen. Wir konzentrieren uns auf die vier alten Klassiker und fokussieren uns erst später dann auf das neue Album. Die Promoter sind natürlich glücklich über diese Entscheidung, weil wir alte Songs liefern, die wir teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt haben.
An Klassiker bist du nicht arm, das ist bekannt. Macht es dir selbst immer noch Spaß, so tief in deiner eigenen Vergangenheit zu graben?
Das hat zwei Gesichter. Einerseits fühlst du dich wie eine Jukebox, wenn die Leute immer das alte Material hören wollen, aber aus der Fanperspektive sehe ich das ein. Wenn ich zu Slayer gehe freue ich mich auch auf die großen Klassiker von früher. Das neue Material ist natürlich näher an meiner gegenwärtigen persönlichen Präferenz, aber die Nostalgie ist etwas, die ich total nachvollziehen kann. Ich fühle mich den Neuauflagen der Klassiker jetzt bei Hammerheart Records auch näher, denn bei Roadrunner fühlte es sich so fremd an. Sie haben all meine Rechte verkauft und mich damals geknickt. Sie haben all ihre Produkte an Warner Music verkauft und die wollten das Material loswerden. So konnte ich mir die Rechte nach gut 29 Jahren wieder zurückholen und kann diese Reissues endlich herausbringen. Für mich ist das ein großer Erfolg, denn die Leute lieben mein altes Material und der Sound klingt jetzt auch viel besser. Wir haben wirklich jeden einzelnen Schritt der Neuauflagen begleitet – vom Sound über die Aufmachung bis hin zur Veröffentlichung.
Diese ständigen Kämpfe mit Roadrunner Records waren doch der Hauptgrund, warum du Pestilence 1994 das erste Mal zu Grabe getragen hast.
Das war nach dem „Spheres“-Album. Sie haben damals mit anderen Plattenfirmen die Szene mit so vielen schlechten Death-Metal-Alben geflutet und die Verträge für die Zugpferde nicht verbessert. Ich habe nicht eingesehen, warum wir gleich behandelt werden sollten wie alle anderen, denn wir waren von Anfang an dabei und hätten mehr Respekt verdient. Ich habe aus den Roadrunner-Verträgen niemals Geld eingenommen. Heute bin ich über 50 und beginne erstmals wirklich Geld zu verdienen. Das ist ziemlich traurig.
Hast du den musikalischen Stil für das „Spheres“-Album deshalb so stark verändert, weil du dich als Persönlichkeit und Musiker weiterentwickelt hast?
Nein, ich wollte einfach vom Label gefeuert werden. Das war für mich die beste Möglichkeit, dass sie mich aus den Verträgen werfen und ich endlich rauskomme. Erst danach konnte ich mich wirklich befreien und wieder richtig Künstler sein. Die Fans haben uns auch verlassen, weil alle ein weiteres Album im Stile von „Testimony Of The Ancients“ erwartet hätten. Die Fans und auch das Label mochten „Spheres“ nicht, also habe ich aufgehört und lange nichts mehr mit Musik zu tun gehabt. Ich hatte die Nase voll von der Szene und all dieser Cliquenbildung, wo es mehr um Bekanntschaften als um Talent ging. Wir haben unseren Tod nicht geplant, aber all die Dinge, die damals passierten, haben mir jeden Spaß am Metal genommen.
Als eine der ersten europäischen Death-Metal-Bands, die damals wirklich für Aufregung sorgte, habt ihr natürlich eine große Legende aus der Band geboren. Wie siehst du die Auswirkung von Pestilence aus heutiger Perspektive?
Es ist ziemlich cool, weil ich heute endlich Geld verdiene und diese Legende zu schätzen weiß. Damals war aber alles immer nur ein Kampf. Die Fans sehen dich nur bei guter Laune bei Livekonzerten, aber sie konnten nicht dahinterblicken, was alles danebenging. Damals hatte alles einen schalen Beigeschmack, aber heute, mit dem neuen Line-Up, kann ich auch die alten Songs wieder genießen.
Was hast du zwischen 1994 und dem ersten Comeback 2008 alles gemacht, als es Pestilence nicht gab?
Ich hatte einfach normale Jobs und habe ein gewöhnliches Leben gelebt, wie jeder andere auch. Es ist verdammt schwierig, ein Teil von extremer Musik zu sein und davon leben zu können. Ich habe in Bars gearbeitet, was mir wenig Spaß machte, aber als zweifacher Vater musste ich natürlich auf sie schauen.
Hast du in dieser Zeit immer Musik gemacht und für dich weitergeschrieben und komponiert?
Natürlich, ich habe nie damit aufgehört. Es ging aber nie wirklich etwas weiter, weil ich so viel Zeit mit meinem normalen Job verbrachte, dass ich damit nicht vorwärtskam. Ich habe sehr viel Zeit und Leidenschaft in die Musik gelegt, aber ich habe dann die Lust auch zunehmend verloren.
Warum hast du Pestilence 2008 dann wieder ins Leben gerufen?
Die Rahmenbedingungen haben gepasst, in dem Fall war es ein guter Plattenvertrag. Auch wenn ich oft sagte, dass ich niemals zurückkommen werde, die Band tot bleiben würde, war das nie wirklich ein Thema. Jeder kennt doch die Phasen, wo man so angepisst ist, dass man etwas Unbedachtes sagt und dann in der Retrospektive und bei genauerer Überlegung doch draufkommt, dass vieles gar nicht so schlimm war. Ich hatte neue Mitstreiter, bekam einen Vertrag und die Fans freuten sich. Die Leute haben das neue Material meist gemocht, viele waren aber auch wenig begeistert. Aber das ist ein Teil des Lebens. Du kannst niemals alle zufriedenstellen.
Die Nachfrage nach einer Pestilence-Reunion war aber immer sehr groß. Auch das Internet hat über die Jahre viel dazu beigetragen.
Das stimmt, aber was die Fans wollen und was die Labels bieten können, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Vom Death Metal zu leben ist schwer bis fast nicht möglich und mir war immer wichtig, dass alle Rahmenbedingungen für ein Comeback stimmen müssen.
Wie stark wurdest du von deiner Familie bei der Rückkehr bestärkt, welchen Anteil hat sie an deiner Karriere?
Speziell meine Eltern waren eigentlich immer dagegen und wollten mich in andere Bereiche stoßen. Ich bin aber ein Vollblutmusiker und kann nicht einfach irgendetwas anderes machen. Ich war bei jedem Album sehr enthusiastisch, aber so ging es leider nicht allen um mich herum.