Zugegeben, dass der Markenzwang heute größer ist als in seinem, dem vermeintlichen 13. Jahrhundert, sollte Peter Draxl eigentlich aufgrund seiner Berufserfahrung wissen - da ist es tatsächlich ein bisschen peinlich, wenn ein Unverständnis herrscht, warum der Teenager überteuerte Justin-Bieber-Fetzen braucht. Im Zeitalter von Internet und Co. sind Platten nicht mehr so wichtig wie dereinst, deswegen braucht der hungerdarbende Künstler Einnahmen aus anderen Quellen und schafft dort Begehrlichkeiten beim leichtesten Opfer: jungen, fanatischen Mädchen. Da hieße es eher zu kontern: Kind, du bist peinlich, weil du auf die Marketinglüge des Allerweltspop reinfällst. Aber das kann man dem Kind so auch nicht sagen, wenn dieser Allerweltspop und dessen Massentauglichkeit das eigene täglich Brot sind. Was viele Menschen - und gerade auch Kinder in ihrer juvenilen Blindheit - jedoch vergessen: Menschen aus der immercoolen Musikbranche sind auch nur Menschen. Unter Tags sind sie Götter in – nun – Schwarz, daheim sind sie aber Menschen wie du und ich. Wo es dem Nachwuchs herzlich tuttl ist, dass der Papa gerade einen Megaseller unter Vertrag genommen hat. Also, für österreichische Verhältnisse mega, wie eine bekannte Ö3-Redakteurin wohl pauschal verurteilend ätzen würde – und damit, international gesehen, im Prinzip vielleicht nicht gänzlich Unrecht hat. Zuhause kocht der Oberchecker halt auch nur mit Wasser – und manchmal auch mit Pilzen. Dass sich darüber das Fräulein Tochter mokiert, kann ich zumindest nachvollziehen: Mein Vater hat einmal Reisfleisch mit Erbsen verunstaltet und hierauf war sein Tag auch mehr als gerechtfertigt im Eimer. Das geht gar nicht. Kinder sind halt keine schwer verwöhnten, realitätsfernen Superstars. Kinder sind
wirklich diffizil – da liest sich selbst der Rider von Rihanna oder Madonna oder Elton John im Gegenzug wie eine Volksschul-Rechenaufgabe: easy-peasy.
Während Peter Draxl weiterhin den töchterlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt ist – Peter, irgendwann ist sie nicht mehr dein Problem, ha! –, gehe ich weiterhin mehrmals die Woche auf Konzerte und komme nicht immer, aber immer wieder einmal auch mit einem dezenten Damenspitzerl - manchmal auch einem Radierer - heim, ohne dass das jemandem sonders peinlich ist - erst recht nicht dem eigenen Kind, das etwa von einem Grönemeyer-Konzert früher abgeholt werden will, weil sich Papa Draxl nach ein paar Hopfenkaltschalten extrovertiert artikuliert und man neben ihm im Boden versinkt.
Peter Draxl wird also auch über die 45 pointierten Kurzgeschichten hinaus noch ein Weilchen am Verständnis seiner Tochter arbeiten müssen - und zwischendurch immer wieder scheitern, der Generationsgap ist halt nach wie vor kein Lärcherl. Im Gegentum freue ich mich schon quietschvergnügt und bar jedweder Verzweiflung auf mein nächstes Kind, das auch
nicht meines sein wird. Und auch dieses Kind wird schon vorher Bescheid wissen, welches Album von Slayer das Beste ist („Hell Awaits“. Abweichende Anschauungen werden mit Missachtung gestraft.) bevor es den Buchstaben Capital-R richtigherum schreiben kann. Und auch dieses Kind wird wissen, dass alles, was schwachbrüstiger als „Corporeal Jigsore Quandary“ von Carcass rockt, gar nicht rockt – auch wenn einem das gerade Boulevard-Schmierblätter gerne einbläuen wollen. Und auch dieses Kind wird die ikonischen Schriftzüge von Metallica und Iron Maiden anstatt von Schönschreibzeilen in die Volksschulheftchen kritzeln. Und auch diese Eltern werden für den Sprössling uncool sein. Ich aber nicht. Più bella cosa non c’è.
Post scriptum: In einem weiteren Punkt bin ich - wenngleich mit gänzlich anderer Motivation - beim Fräulein Tochter; „Nothing Else Matters“ von Metallica summen ist tatsächlich ebenso ursuperpeinlich wie als eines der zuvor angesprochenen Boulevardblätter titelte, diese Schmalzballade wäre Kernstück
einer jeden Setlist von Metallica. Peter, du bist keine bügelfanatische Hausfrau, sondern (wenngleich: sauberkeitswütiger) Hausmann – „Disposable Heroes“ it is! „Hell, hell is here! I was born for dying!!!“
„Papa Peinlich” erschien am 5. März im Milena Verlag. Präsentiert wird selbiges mit prominenten Gastars wie Manuel Rubey, Werner Brix, Clemens Haipl und Nadja Maleh am 13. März im Wiener Ateliertheater. Mehr Infos auf Facebook.
Foto: Patricia Weisskirchner