Ihr 2017er-Werk „Codex Omega“ kann man durchaus als das bislang ambitionierteste in der Bandhistorie werten – nun erobern Septicflesh die internationalen Konzert- und Festivalbühnen. Und das mit österreichischer Beteiligung, denn an den Drums sitzt der junge Niederösterreicher Kerim „Krimh“ Lechner, der bereits für die Größen Decapitated und Behemoth spielte - und sogar für Slipknot vorspielte. Wir haben uns in Wien mit dem Gitarristen und musikalischen Leiter Christos Antoniou über Krimh, Fehltritte in der Vergangenheit und die Tücken eines Familienbetriebs unterhalten.
Christos, Septicflesh erfreuen sich seit einigen Jahren steigender Beliebtheit und Popularität. Manche vergleichen euren opulenten Sound gar mit der Schönheit alter griechischer Bauten. Erkennst du als Musiker da wirklich eine Verbindung?
(lacht) Wir mögen solche Vergleiche, denn die Klassik dieser Architektur hat eine lange Geschichte und überstand alle Zeiten, Höhen und Tiefen.
Eure Band ist bekannt dafür, einen sehr breitwandigen, cinematischen und opulenten Sound vorzulegen. Was genau fasziniert euch daran und warum seid ihr diesem Weg gefolgt?
Ich studierte am Londoner College Of Music Komposition und Orchestration und das spielte für die Band schon immer eine sehr wichtige Rolle. Diese Elemente in unserem Sound sind wie eine Waffe, weil viele Menschen und auch Metalfans gar nicht wissen, wie ein Orchester arbeitet und funktioniert. Es klingt sehr luxuriös und uns ist es gelungen, den Metal meiner Bandkollegen mit den orchestralen Schablonen von mir zu verknüpfen. Alben mit einem Symphonieorchester aufzunehmen war schon immer ein Lebenstraum von mir.
Euer aktuelles Album „Codex Omega“ kam bei Presse und Fans gleichermaßen gut an. Würdest du sagen, dass sich eure Band derzeit an der absoluten Karrierespitze befindet?
Es wirkt so, aber ich bin mir sicher, dass da noch einiges mehr geht und wir noch größer werden können. Wir nehmen unsere Veröffentlichungen sehr ernst und hatten bei den letzten drei Alben ab der „Communion“ (2008) genauso viel Angst und Nervosität verspürt wie hier. Ich glaube aber, dass wir noch lange nicht an der Spitze angelangt sind – „Codex Omega“ ist nur ein weiteres Puzzleteil.
Die meisten Metalbands haben ihre besten und wichtigsten Alben am Beginn ihrer Karriere erschaffen – bei euch scheint es genau umgekehrt zu laufen. Hast du eine Erklärung dafür?
Unser Weg ist tatsächlich etwas seltsam, denn bevor wir uns Ende 2002 für gut vier Jahre auflösten waren wir ein Teil der Underground-Szene. Wir haben damals nicht getourt und so ist für mich die zweite Ära der Band, die mit „Communion“ startete, die wesentlich wichtigere. Da begannen wir zu touren, haben bei Season Of Mist, einem seriösen Label, unterschrieben und auch ein Management installiert. Wir hatten sehr viele gute Tourpakete und das hat unserer Karriere sehr stark auf die Sprünge geholfen.
Nehmt ihr die Band und eure Karriere in dieser zweiten Phase ernster als früher?
Ich glaube nicht, dass dem so ist, aber damals konnten wir aus bestimmten Gründen nicht auf Tour gehen. Ich studierte in England, mein Bruder war auch in sein Studium vertieft und wir hatten nicht die Zeit dafür. Wir haben nur Alben veröffentlicht und so kann man heute leider keine Karriere mehr machen. Wir sind sehr stolz auf unsere Arbeit von damals, aber das Musikbusiness ist da sehr erbarmungslos. Jetzt sind wir aber bereit, all das aufzuholen und richtig durchzustarten.
Wie wichtig ist der familiäre Aspekt eurer Band, dass du mit deinem Bruder seit mittlerweile 28 Jahren gemeinsam das Boot auf Kurs hältst?
Wir kämpfen die ganze Zeit. Die Demokratie klingt in der Theorie gut, ist aber nicht immer umsetzbar
(lacht). Am Ende des Tages sind wir aber Brüder, durch uns beide fließt dasselbe Blut und wir können uns immer einigen. Wären wir nicht blutsverwandt, dann würde diese Band wahrscheinlich gar nicht mehr existieren, weil es bei uns oft rundgeht. Manchmal kracht es bei uns auch mit den Fäusten. Wir sind heißblütige Griechen
(lacht).
Der Kern der Band besteht aus drei Personen, der Posten des Schlagzeugers war bei euch aber immer vakant. Seit gut drei Jahren ist der Niederösterreicher Kerim „Krimh“ Lechner bei euch tätig. Wie seid ihr auf ihn gekommen und was qualifizierte ihn für Septicflesh?
Fotis Benardo war viele Jahre bei uns, aber am Ende hat die Zusammenarbeit nicht mehr gut genug funktioniert und wir haben uns dafür entschieden, getrennte Wege zu gehen. Unser damaliger Soundmann hat uns Krimh empfohlen. Ich sah mir ein paar YouTube-Videos an und kontaktierte ihn. Er war selbst interessiert und hat sehr schnell zugesagt. Er ist ein großartiger Schlagzeuger und eine tolle Persönlichkeit und ich hoffe, dass wir noch viele Jahre Freude mit ihm haben.
Was ist außerhalb der Musik wichtig, um in eurem Zirkel aufgenommen zu werden? Geht es da auch um das Teilen derselben Ideologie?
Darum geht es uns nicht. In erster Linie musst du ein Athlet sein, denn sonst kannst du keine so extreme Musik spielen. Als Mensch darfst du nicht arrogant sein oder dich aufspielen wollen, für so etwas haben wir keinen Platz. Wir sind eine Band, die sehr gefestigt ist, aber Krimh ist ein sehr netter, bescheidener Mensch, der absolut top-professionell arbeitet.
Wusstest du, dass er Audition-Videos drehte, um Schlagzeuger bei Slipknot zu werden, als Joey Jordison gegangen wurde?
Ich habe die Videos gesehen, aber ich glaube nicht, dass er jemals direkt dort vorgespielt hat.
Du und dein Bruder Spiros waren in der Auszeit von Septicflesh mit dem an Nu Metal angelehnten Projekt The Devilworx unterwegs …
Korrekt, aber darüber bin ich nicht unbedingt stolz. Es war ein Projekt, das wir nicht hätten machen sollen - wohl ein falscher Schritt in unserer Karriere. Es war eine Spaßsache und wir haben in Athen als Vorband von Slipknot gespielt. Wir haben aber schnell gemerkt, dass diese Sache keine Zukunft haben würde und es sehr schnell wieder beendet.
Als ihr die zweite Ära mit der Band gestartet habt, habt ihr da bewusst Fehler aus der ersten vermieden?
Nicht direkt. Wir sind reifer und erwachsener geworden, können die Dinge heute auch fließen lassen. Wir lassen Positives auf uns zukommen und nehmen es an. Wir sind hungrig darauf, Musik zu kreieren und die Band auf ein nächstes Level zu bringen.
Wie hast du dich über die Jahre als Person entwickelt oder verändert?
Jedes Jahr bist du jemand anderes, das ist der natürliche Weg der Entwicklung. Ich versuche als Musiker und Mensch besser zu werden und ich denke, das Resultat kann man auch durchaus hören und sehen.
Speziell auf „Codex Omega“ setzt ihr mehr denn je zuvor auf Themenbereiche, die sich um gesellschaftliche Probleme im gegenwärtigen Alltag drehen. Ist euch das aus künstlerischer Sicht wichtig, dass ihr dazu Stellung bezieht?
Natürlich. Sotiris ist unser Textschreiber und wir wollen, dass unsere Hörer sich in einer guten Art und Weise um diese Themen kümmern. Das dreht sich um Geschichte, Religion und auch um die antike Mythologie. Wir wollen nicht lehren oder predigen, sondern sie nur auf diese Themen aufmerksam machen. Als Mensch dürstet man gemeinhin nach Wissen, zumindest ist das bei uns so. Und so sind auch die Texte bei uns aufgebaut.