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Konzerte

Solidarität mit Palästina - und Kneecap

28.08.2025 von Stefan Baumgartner

Als Ersatz für das aufgrund von “Sicherheitsbedenken” abgesagte Konzert des irischen Hip-Hop-Trios Kneecap geben zahlreiche österreichische Indie-Musiker in St. Marx ein Benefizkonzert - und zeigen Solidarität mit Palästina.

Eigentlich hätte kommenden Montag in der Raiffeisen Halle im Gasometer das Belfaster Hip-Hop-Trio Kneecap gastieren sollen - doch das Konzert wurde kurz nach Vorverkaufstart wieder abgesagt. Grund dafür war beileibe nicht ein schleppender Kartenverkauf: Mehrere hundert Tickets wurden auf einen Schlag bereits an den Mann und die Frau gebracht! Vielmehr machte die Politik dem Veranstalter einen Strich durch die Rechnung: Ausgelöst wurde die Debatte vom Wiener FPÖ-Politiker Leo Lugner. Er kündigte auf OE24 TV eine Anzeige gegen die Band an. Sein Vorwurf: “Verherrlichung von terroristischen Straftaten”. Kneecap, so Lugner weiter, habe in Österreich nichts verloren. Auf den Zug sprangen in weiterer Folge auch die ÖVP und die NEOS auf, NEOS-Kultursprecher Thomas Weber etwa lehnte das Konzert ab, weil Kneecap in seinen Augen “Hass relativieren und Gewalt verharmlosen”.

Schließlich sah sich der Veranstalter gezwungen, “aufgrund akuter Sicherheitsbedenken seitens der zuständigen Behörden” das Konzert tatsächlich abzusagen - und reiht sich damit in eine längere Liste ein: Erst wenige Wochen zuvor wurde Kneecap die Einreise nach Ungarn untersagt und ihr Auftritt am Sziget Festival musste gestrichen werden. Auch von den deutschen Festivals Hurrican und Southside wurden sie wieder ausgeladen. Aber: Warum eigentlich?

"Fuck Israel, Free Palestine!"

Kneecap – ihr Name ist übrigens eine Anspielung auf das sogenannte “kneecapping”, einer innerhalb der IRA durchgeführten Bestrafung, bei der in eine oder beide Kniescheiben geschossen wird – sind programmatisch stark mit dem irischen Republikanismus verbunden, der eine Wiedervereinigung Irlands und damit ein Ende der britischen Kontrolle anstrebt. Sie bezeichnen sich selbst als “Republican Hoods” und rappen beinahe ausschließlich auf Irisch – als Akt des Widerstands. Ihre Kritik bezieht sich dabei vor allem auf die Klassenungleichheit – insbesondere in der Arbeiterklasse. Eine Ungleichheit, so Kneecap, die bis in die psychische Gesundheit hinein Wurzeln schlägt und nicht selten auch in den unausweichlichen Drogenkonsum und die Kriminalität führt.

Doch ihr politisches Engagement hört nicht in der Heimat, auf der Insel auf: Wie ein Gros der “linken Bubble” sind auch Kneecap öffentliche - und dabei mehr als nur lautstarke - Unterstützer eines unabhängigen Palästinas und zeigen sich bei ihren Konzerten häufig mit palästinensischen Flaggen. 2021 waren sie Teil einer Aktion der “Ireland Palestine Solidarity Campaign”, bei der über 1000 irische Künstler zu einem Boykott des Staates Israel aufriefen. Beim diesjährigen Coachella warf die Band dem Staat Israel Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen vor und verbreitete Parolen wie „Fuck Israel!“ Außerdem wurde Rapper Liam Óg Ó hAnnaidh wegen einer vermeintlich terroristischen Straftat angeklagt: Ihm wurde vorgeworfen, in einem Londoner Konzertsaal eine Flagge der in Großbritannien verbotenen im Libanon agierenden proiranischen Terrormiliz Hisbollah gezeigt zu haben. Dafür steht er am 26. September vor Gericht - und Kneecap musste demnach auch ihre für Oktober geplante US-Tour absagen.

Solidarität mit Kneecap - und Palästina

Als Ersatz für das abgesagte Wien-Konzert (Kneecap spielen stattdessen in Polen) veranstaltet die Organisation Vienna for Palestine nun am 1. September ein Benefizkonzert mit teils namhaften Künstler*innen der österreichischen Musikszene - zwar nicht in der Raiffeisen Halle im Gasometer, aber nur einen Steinwurf davon entfernt: Das Konzert findet auf dem “Wild im West”-Areal in Wien-Landstraße statt, der Fläche, auf dem die Stadt Wien in Kooperation mit Eventim in den nächsten Jahren eine neue, moderne, gigantische Veranstaltungshalle errichten will.

Das Konzert soll - so ein Statement der Veranstalter - nicht dazu dienen, sich mit der Hisbollah oder der Hamas zu solidarisieren. Vielmehr will man die Aufmerksamkeit wieder “auf die Katastrophe zu lenken, die sich vor unseren Augen abspielt, und auf die Bedrohung, der wir hinsichtlich der Unantastbarkeit unserer kulturellen Räume als Orte der freien künstlerischen Ausdrucksform und des Protests ausgesetzt sind”. Es geht darum, “eine Stimme zu erheben gegen das Schweigen der Öffentlichkeit in Wien und Österreich zur Mitschuld Österreichs an einem offiziell anerkannten Völkermord.”

Die Konzerte starten schon am späten Nachmittag, um 16 Uhr, bisher wurden bereits 12 Künstler*innen für “Vienna For Palestine” angekündigt - es sollen jedoch noch weitere Künstler*innen, aber auch Redner auftreten.

Dem aktuellen Plan zur Folge wird das Solidaritätskonzert eröffnet von The Belgian Blue, eine irisch-amerikanisch-österreichische Indie-Folk-Band. Es folgen der dylanesque Oberösterreicher Doppelfinger, die Wiener Post-Indie-Songwriterin Lino Camilo, die vergangenes Jahr schon am Popfest mit “korrumpierten Basslines, jammernden Gitarren und entstellten Harmonien” die Bubble zu begeistern wusste, sowie die aus Hongkong stammende Indie-Musikerin Sakura, die nach einiger Zeit in London seit einigen Jahren nun in Wien lebt und vor einigen Jahren etwa im Vorprogramm von Mitski mehr als nur gefiel.

Es folgen das Wiener Quartett Hidden Gemz, die mit einer bunten Mischung irgendwo zwischen Hip-Hop und Funk bereits am Waves, am LIDO SOUNDS und als Support von Bilderbuch zu sehen waren, sowie der Wiener Cloud Rapper und Producer Wandl, der etwa auch schon mit Yung Hurn und Crack Ignaz kollaboriert hat. Ebenfalls ihr Kommen angekündigt haben die Alt Rock-Band Swelle, eine klassische FM4-Band, die sehr traurig, aber auch unglaublich schön klingt, und die Hyperpopperin Filly, die etwa im Vorprogramm von Verifiziert bereits positiv aufgefallen ist: Während sie anfangs stark mit Eurodance liebäugelte, wurde sie mit ihren aktuellen Singles “Fruit Punch”, “Sweat” und zuletzt “Whatever Happens” etwas dunkler und deeper - und findet sogar in Amerika Gehör! Fans von etwa Charli XCX sollten da definitiv reinhören!

Schließlich wird mit Sophie Lindinger eine der erfolgreichsten Musikerinnen Österreichs auf der Bühne stehen: Mit ihren Bands Leyya und My Ugly Clementine spielte sie europaweit Konzerte, verfolgt seit etwa zwei Jahren aber auch eine nicht minder produktive und umjubelte Solokarriere, die erneut ihre Vielseitigkeit dokumentiert. Lukas und Florentin von Buntspecht werden sich ebenfalls solidarisch-musikalisch zeigen: Man darf gespannt sein, ob sie in der reduzierten Form auch so gekonnt zwischen Indie, Gypsy-Jazz, Bossa Nova, Wienerlied und Folk changieren, wie in der vollen Bandbesetzung?

Es folgt Mavi Phoenix, der diesen Sommer mit “Drama Cowboy” ein Konzeptalbum über einen clownesken Cowboy vorgelegt hat und zwischen ganz viel Drama und Introspektive changiert: Nicht nur für die FM4-Bubble ist das definitiv ein heißer Anwärter auf das österreichische “Album des Jahres”! Beschlossen wird der Abend mit Salò, dem steirischen Anarcho-Pop-Punk-Poeten, der kommendes Jahr auch mit neuem Album und einer exzessiven Liveshow “wütend” durchs Land ziehen wird: Mit süffisantem Spott, bedingungsloser Selbstironie und radikaler Verletzlichkeit macht er Musik für eine überreizte Generation – laut, widerspenstig, tanzbar, und dabei trifft jede seiner Zeilen mitten ins Herz (und Hirn).

Die eingenommenen Spenden - Tickets sind bereits ausverkauft, es ist nur mehr eine Warteliste möglich - sollen der Palestinian Red Crescent Society zugute kommen. Wer es am Montag nicht nach St. Marx schafft, der hat in den kommenden Monaten aber durchaus noch zahlreiche weitere Gelegenheiten, einige der Künstler*innen auf den heimischen Bühnen live zu erleben:


Live-Termine


Mavi Phoenix

03. Oktober 2025 | Salzburg, ARGEkultur (mit Nenda)
06. Dezember 2025 | Graz, ppc
10. Dezember 2025 | Wien, flucc


Infos auf dem Stand vom 28.08.2025  

Tickets Mavi Phoenix


Live-Termine


Salò

25. Oktober 2025 | Graz, Messe (im Rahmen vom IndieOhren Festival)
20. Mai 2026 | Graz, ppc
21. Mai 2026 | Linz, Posthof
22. Mai 2026 | Wien, WUK
23. Mai 2026 | Wien, WUK
27. Mai 2026 | Salzburg, Rockhouse


Infos auf dem Stand vom 28.08.2025  

Tickets Salò


Live-Termine


Buntspecht

06. September 2025 | Fehring, Hauptplatz (im Rahmen vom Most + Jazz 2025)
02. Dezember 2025 | Graz, Dom im Berg
03. Dezember 2025 | Salzburg, Rockhouse
26. März 2026 | Linz, Posthof
27. März 2026 | Klagenfurt, Fritz Club


Infos auf dem Stand vom 28.08.2025  

Tickets Buntspecht


Live-Termine


Lino Camilo

12. November 2025 | Wien, dasWERK (gemeinsam mit Babymorocco)


Infos auf dem Stand vom 28.08.2025  

Tickets Limo Camilo
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