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Konzerte

Swans, Sunn O, Lambchop und Xiu Xiu: ein radikaler Umgang mit Klang

04.08.2025 von Stefan Baumgartner

Bei je zwei Konzerten in Graz und Wien wird der geneigte Besucher in eine Klangwelt als Körpererfahrung gestoßen: Eine Katharsis nah am musikalischen Abgrund, kredenzt von Swans, Sunn O, Lambchop und Xiu Xiu - jeweils auf ihre unikale exzessive, abgründische Art und Weise.

Im besten Falle ist Musik nicht nur ein beiläufiges Gedudel, sondern erweckt tief in den Hörer*innen bedeutungsschwangere Emotionen, wirkt also auf das Glücksareal im Hirn nicht unähnlich wie Schokolade, Sex oder Drogen – und unter den genannten Alternativen ist zweifelsohne die Musik die vielleicht gesündeste und an Nebenwirkungen ärmste Stimulanz. Irgendwo zwischen Erregung und Spannung nistet sich hier das Lustempfinden ein, als Resultat sind nicht selten Gänsehaut, Tränen, Flattern in der Magengegend oder Herzrasen zu vermelden. Ja, Musik ist tatsächlich eine universelle Sprache, Töne dringen weit in die Tiefen der menschlichen Seele vor. Gerade laute oder gar schrille Klänge, überraschende Wechsel oder dissonant aufheulende Melodien erhöhen in ihrer Bedrohlichkeit den Herzschlag, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken – und ziehen uns somit hinein in einen spannungsgeladenen Mahlstrom, der ähnlich wie ein Kirchengang oder Meditation transzendente Gefühle erwecken kann. Freilich: Ein Rezept gibt es auch in der Welt der Musik nicht, doch es ist auffällig, dass gerade Künstler*innen, die ihre Verstärker bis zum Anschlag hochjagen und gleichzeitig ein Wechselbad der Gefühle musikalisch und gerne repetitiv doppeln, aus Belanglosigkeit Bedeutsamkeit werden lassen.

Wenn etwa ein alter Zausel wie Neil Young mit dem Rücken zum Publikum steht und minutenlang Feedback auf Feedback durch die Verstärker jagt, so fräst sich sein Mantra alles andere als altersmilde meditativ in die Gehirnwindungen ein - so wie es auch Lambchop versteht, mit einem bunten Wirrwarr zwischen alten und neuen Klängen eine verträumte, entrückte, ironische Stimmung zu erzeugen, die von einer umgarnenden Zärtlichkeit lebt. Oder auch Swans, die atonale, krachige Momente in repetitiven Stoizismus ausbreiten, sodass sich der Boden des Konzertsaals zu einem abgründischen Klangteppich wandelt. Oder wenn bei Sunn O das Fundament und mit ihm das Firmament erzittert, wenn sich ihre schweren, mächtigen, dunklen Sub-Bass-Frequenzen ausbreiten und nicht nur die Ohren, sondern auch die Köpfe und den gesamten Körper umhüllen. Da zerfallen dann die lang stehenden Töne zu Vibrationen, überlagern einander und drücken schließlich tonnenschwer auf den Brustkorb, dass gern auch einmal Atemnot herrscht. Oder auch bei Xiu Xiu, deren fließende Klänge nicht selten anstrengend, dabei aber so kathartisch wie eine Meditation sein können: Schwelgerische Passagen tiefer Harmonie treffen auf eine exzessive, beinahe schon wütende Dekonstruktion der Klänge, ein pointiert gesetzter Krachmoment erschafft da aber auch schon mit mantrischer Hypnose einen suchtgefährdenden Sog, der oftmals vom luziden Zauber der beinah kristallinen Stimme umhüllt wird.

So unterschiedlich die genannten Bands sich auch am Klangspektrum abarbeiten, ihnen gemein ist eine ineinanderfließende, dabei zerstückelte Detailfülle, in der man mal abgrundtief versinkt, bevor man wieder in lichte Höhen geschossen wird: Swans, Sunn O, Lambchop und Xiu Xiu zelebrieren Musik in unglaublicher Intensität - und mit einer grenzenlosen Konsequenz. Ihnen gemein ist ein radikaler Umgang mit Klang, Reduktion und Intensität - sie dekonstruieren Genre-Grenzen, zerstören Erwartungshaltungen und setzen auf emotionale und physische Erschütterung gleichermaßen. Die einzelnen Passagen trümmern und erbauen aus den einzelnen Tonbrocken Neues, in ihrer schier ewigen Wiederholung klingt ihre Musik wie eine “Spannung ohne Entspannung” – stoisch und fest. Sie alle kredenzen mehr als nur Musik: Es sind akustische Abenteuer, die auf entrückende Erlebnisse ähnlich wie bei Apnoetauchern und Gipfelstürmern fußen; Das ist die wahre, krachende Katharsis!

Swans

Gegründet 1982 von Michael Gira, zählt das amerikanische Kollektiv Swans zu den kompromisslosesten, dabei aber auch einflussreichsten Bands der experimentellen Rockmusik. Vom brachialen Noise der Anfangsjahre über epische Soundlandschaften und düstere Akustikphasen bis hin zu monumentalen Dreifachalben wie „The Seer“ oder „To Be Kind“ – Swans stehen für radikale künstlerische Vision und intensive Live-Erlebnisse: So wurde etwa ihr erstes Konzert in Österreich, im Mai 1984 in Innsbruck als „kakophonische Tanzmusik“ beworben. „I like the idea of standing in a room full of sledge hammers”, sagte Sänger Michael Gira damals. Das Zentrum ihrer Musik: ein dichter und donnernder Bass und ebensolches Schlagzeug (das seinem Namen gerecht wird), überlagert von Gegenrhythmen von Percussion schreienden Gitarren und eine dröhnende, unheilschwangere Stimme. Swans damals waren: ein Anschlag.

Heute sind Swans nicht mehr so juvenil tobend, aber Michael Gira dafür ein misslauniger, alter Mann. Klangen sie früher düster, brutal, zermürbend, brach die unheilschwangere Atmosphäre etwa in ihrer Karrieremitte auf, folkloristische, orchestrale Ethnoklänge ließen aus dem Dunkel Licht fließen. „Swans are beautiful animals, who are really obnoxious. They’re hateful things”, erklärt Gira den Bandnamen – und nie war es so deutlich wie im orgiastischen Schwanengesang der Spätwerke: Im Chaos zu dröhnen ist leicht; doch Swans verstehen auch, ihre elegische Ritualmusik live, auf der Bühne, in ein surreales Stillleben, einen Albtraum zu verwandeln – und daran sind nicht nur die Verstärker Schuld, die am Anschlag kratzen. Gira, als schamanischer Zeremonienmeister, ist eine Furie, wenn er sogar eine Akustik-Gitarre dronen lässt. Das Mantra? Sinister, orgiastisch.

Mit ihrem aktuellen Album „Birthing“ zelebriert Michael Gira in erster Linie nicht die Geburt, sondern den Tod – nämlich den der aktuellen Besetzung, die sich mittlerweile seit 15 Jahren am körperlichen Klang abarbeitet. „It’s been wonderful to be inside such an overwhelming, total sonic experience, but it’s time to end it”, sagt Michael Gira über die Zäsur: Das nächste Kapitel der Swans wird reduzierter ausfallen, als bisher.


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Swans

29. Oktober 2025 | Graz, Helmut List Halle


Infos auf dem Stand vom 04.08.2025  

Sunn O

Sunn O ist eine amerikanische Drone-Doom Band, 1998 von den beiden Gitarristen Stephen O’Malley und Greg Anderson als Tribut-Band zu Earth gegründet. Und ja, bei den Gitarren hört es dann auch schon tatsächlich auf: Sunn O verfügen über keinen Bassisten und keinen Schlagzeuger – selbst Gesang findet man nur äußert vereinzelt auf den Veröffentlichungen, und wenn, dann ist „Gesang“ lediglich ein Hilfsausdruck, wenn dafür beispielsweise Attila Csihar von der Black-Metal-Band Mayhem dafür verantwortlich zeichnet oder der unter Klaustrophobie leidende Sänger Malefic für die Aufnahmen seines „Gesangs“ kurzerhand in einem Sarg lebendig begraben wird …

Doch auch zwei Gitarren allein können viel Schaden anrichten: Bei Sunn O werden die Verstärker auf deutlich über 100 Dezibel hochgejagt – das ist nicht viel leiser als ein startendes Flugzeug! Reduziert werden jedoch die Töne: „Drone“ und „Doom“, die stilistischen Eckpunkte von Sunn O, versprechen über Minuten langgezogene, wabernde Töne, die sich tatsächlich über Hammer, Amboss und Steigbügel und durch düstere Nebelschwaden hindurch bis tief in die Magengrube fressen.

Die Performance von O’Malley und Anderson als „Shoshin-Duo“ – benannt nach einem Begriff aus dem Zen-Buddhismus, der die Haltung beschreibt, wenn man sich mit Offenheit und Neugier an etwas Neues heranwagt – ist jedenfalls eine immersive Erfahrung aus spektraler Harmonik, bewusstem Minimalismus und extremen Druck, die im symbiotischen Zusammenspiel Musik als physisches Erlebnis kredenzt: absolut kompromisslos, stringent meditativ und aufs Äußerste intensiv.

[Ein aktuelles Interview mit Sunn O findet ihr bei uns am HEADLINER.]


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Sunn O

13. Oktober 2025 | Graz, Helmut List Halle


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Lambchop

Lambchop ist eine 1993 gegründete amerikanische Rockband, ein bis zu 18-köpfiges Kollektiv rund um den ehemaligen Parkettleger Kurt Wagner. Über mehr als ein Dutzend Alben befand sich ihr Sound stets im Wandel, irgendwo zwischen Soul, Jazz und Country, zuletzt hat Wagner auch vermehrt mit Electronica geliebäugelt und seine psychedelisch verdrehten Americana-Sounds aufgedröselt. Hemmungen, Regeln oder gar stilistische Dogmen gibt es bei Lambchop nicht – und dies zeigt sein letztes Album „The Bible“ bis zum Exzess gepeitscht: In lockerer Folge wechseln sich hier Orchester-Partituren, locker-funkiger Disco-Soul, afrikanische Bläsersätze, Gospel-Referenzen und Ambient-Klangflächen mit den gewohnten Jazz-Blues-Krautrock-Klängen und Electronica ab.

Doch nach Österreich kommt Wagner nun in einer besonderen Konstellation: Anstatt mit großem Personell und ausufernden Klängen findet er sich gemeinsam mit seinem Kompagnon Andrew Broder für einen intimen Klavierabend im Theater Akzent ein: Broder hat bereits an den letzten Lambchop-Alben „The Bible“ und „Showtunes“ mitgewirkt und gilt als musikalischer Grenzgänger mit einem feinen Gespür für Atmosphäre und Klangvielfalt. Gemeinsam werden Wagner und Broder die Musik von Lambchop radikal reduzieren und in ihrer emotional intensivsten Form erlebbar machen – getragen von Wagners markanter Stimme.


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Lambchop

06. November 2025 | Wien, Theater Akzent


Infos auf dem Stand vom 04.08.2025  

Xiu Xiu

Xiu Xiu ist eine experimentelle Rockband aus Amerika, 2002 von der einzigen Konstante Jamie Stewart gegründet. Im Besetzungsreigen fanden sich aber auch schon zwei (ehemalige) Mitglieder der Swans, nämlich Thor Harris und Christopher Pravdica, sowie Devra Hoff von Sharon Van Etten. Der Name der Band fußt auf dem chinesischen Film „Xiu Xiu: The Sent Down Girl“ – weil Stewart meinte, man klinge wie ein Soundtrack zum „verfaulten Realismus“ des Films – eine Klangwelt, die ausdrückt, dass das Leben „manchmal mit dem schlimmstmöglichen Szenario endet“. Irgendwo zwischen der stimmlichen Zerbrechlichkeit von Robert Smith (The Cure) und Trenz Reznors (Nine Inch Nails) Wut pendelt sich Stewart auch tatsächlich ein – und im bewusst disharmonischen Zusammenspiel mit den Instrumenten erschafft Xiu Xiu eine poetische Romantik, dabei aber auch verstörende Gewalt.

Unter den bis dato 14 Alben findet sich da etwa auch durchaus treffend das Album „Xiu Xiu plays the Music of Twin Peeks“ (2016), Cover-Versionen des „Twink Peaks“-Soundtracks. An Regisseur David Lynch knüpft man nun erneut an: Erstmals erkunden Xiu Xiu nun das klangliche, aber auch visuelle Universum von seinem Kult-Film „Eraserhead“ (1977) – als Tribut an seinen viel zu frühen Tod Anfang des Jahres.

Beim Konzert wird der Film parallel dazu gezeigt, eigens für das Konzert gebaute Instrumente wie Orgel und modulare Synthesizer werden die bizarre Emotionalität, die widersprüchliche Sexualität, die unermüdliche Dunkelheit und die einzigartig verstörende Mondlandschaft dieses Meisterwerks kongenial ausdrücken und versuchen, in Szene zu setzen. 


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Xiu Xiu

16. November 2025 | Wien, Szene


Infos auf dem Stand vom 04.08.2025  

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