Bild: Sunn O
Seit über 25 Jahren sorgen die amerikanischen Gitarristen Stephen O’Malley und Greg Anderson im Sunn O-Kollektiv mit ihren tonnenschweren Vibrationen für eine gerade in dieser schnelllebigen Zeit dringlich benötigte Katharsis: Ein Gespräch über das Dröhnen als Lebenselixier, das Mitte Oktober auch die Grazer Helmut List Halle erschüttern wird.
Sunn O ist eine amerikanische Drone-Doom Band, 1998 von den beiden Gitarristen Stephen O’Malley und Greg Anderson vorerst unter dem Namem “Mars” als Tribut-Band zu Earth gegründet - ihr Bandname entlehnt von der Verstärker-Marke, die nicht nur Earth, sondern auch Künstler wie Kurt Cobain, Melvins und Jimi Hendrix bespielt haben. Und ja, bei den Gitarren hört es dann auch schon tatsächlich auf: Sunn O verfügen nur selten über Bassisten und Schlagzeuger – selbst Gesang findet man nur äußert vereinzelt auf den Veröffentlichungen, und wenn, dann ist „Gesang“ lediglich ein Hilfsausdruck, wenn dafür beispielsweise Attila Csihar von der Black-Metal-Band Mayhem dafür verantwortlich zeichnet oder der unter Klaustrophobie leidende Sänger Malefic für die Aufnahmen seines „Gesangs“ kurzerhand in einem Sarg lebendig begraben wird …
Doch auch zwei Gitarren allein können viel Schaden anrichten; Bei Sunn O werden die Verstärker auf deutlich über 100 Dezibel hochgejagt, reduziert werden jedoch die Töne: „Drone“ und „Doom“, die stilistischen Eckpunkte von Sunn O, versprechen über Minuten langgezogene, wabernde Töne, die sich tatsächlich über Hammer, Amboss und Steigbügel und durch düstere Nebelschwaden hindurch bis tief in die Magengrube fressen. Insbesondere live, reduziert auf die beiden Gitarristen Anderson und O'Melly als “Shoshin”-Duo, ergibt dies eine immersive Erfahrung aus spektraler Harmonik, bewusstem Minimalismus und extremen Druck, die im symbiotischen Zusammenspiel Musik als physisches, dabei aber meditatives Erlebnis kredenzt.
Für Außenstehende mag es wundersam wirken, aber Sunn O ist der klanglichen Schwere zum Trotz durchaus als lebensbejahend zu verstehen, wie Anderson und O'Malley im persönlichen Gespräch erklären.
Greg Anderson: Ich glaube, das ist aufgrund der neuen Besitzerverhältnisse noch zu früh zu sagen. Außerdem gibt es bisher nur Fotos der Verstärker, ich habe also bisher noch keinen selbst bespielen können. Aktuell spielen wir über Verstärker von 378 Amplifiers, die gewissermaßen ein technischer Klon, ein fast identischer Nachbau der alten Sunn-Verstärker sind.
Greg Anderson: Nein. Und der 378er setzt die Messlatte ziemlich hoch an, ich wüsste also nicht, ob es für uns tatsächlich ein Thema wäre: Er ist wie eine Zeitreise zurück ins Jahr 1973 – klingt dabei aber unglaublich gut und druckvoll.
Stephen O’Malley: Wenn man verinnerlicht, was wir mit Sunn O schon erreicht haben, mit welchen Künstler*innen wir kollaboriert haben, wo wir überall schon gespielt haben, ist das schon ein fantastisches Gefühl. Die 25 Jahre waren durch sehr viel Kreativität geprägt – und vermutlich genau deswegen macht es immer noch Spaß. Gerade live, wenn du direkt das Feedback vom Publikum spürst. Insbesondere, weil mir vorkommt, dass das Publikum über die Jahre immer interessierter und aufgeschlossen geworden ist.
Greg Anderson: Live zu spielen, das ist für uns das Besondere – insbesondere in der reduzierten Form, nur wir zwei als “Shoshin”-Duo. Ich glaube, mehr braucht es nicht – dass uns die Musik immer noch verbindet, das ist besonders und „Feierlichkeit“ genug.
Greg Anderson: Das ist für uns Anerkennung ob unserer langen Geschichte genug. Wobei: Die Show mit Earth zu Jahresende 2023 in Amerika, die ist dann vielleicht schon noch ein besonderes i-Tüpfelchen für uns gewesen (lacht) - zumal sie in Seattle stattfand, der Stadt, wo Stephen und ich uns damals kennengelernt haben.
Greg Anderson: Ich glaube, unser grundsätzlicher Ansatz ist gleichgeblieben – aber natürlich haben wir uns als Individuen weiterentwickelt. Das fließt natürlich auch bei Sunn O mit ein. Andererseits: Zu unseren Anfängen hatten wir vermutlich noch nicht einmal so etwas wie ein konkretes Ziel, eine exakte Vorstellung von dem, was wir mit unserer Musik aussagen wollen (lacht). Uns ging es damals einfach darum, Lärm zu machen – und das laut. Das Konzept hinter Sunn O hat sich erst über die Jahre hinweg und vielleicht auch rückwirkend gefestigt.
Stephen O’Malley: Ich glaube, unser großer Vorteil war auch, dass wir mit unserem eigenen Label Southern Lord jede künstlerische Freiheit hatten – wir mussten uns nie verbiegen oder Erwartungen gerecht werden, sondern konnten immer das umsetzen, was wir zu dem Zeitpunkt für richtig, spannend und aufregend hielten. Okay, natürlich muss man auch selbstverwaltend immer realistisch bleiben – aber immer noch selbstbestimmt. Das beste Beispiel dafür ist vielleicht unser „Monoliths & Dimensions“-Album, auf dem wir mit so vielen fantastischen Musikern kollaboriert haben: Da haben sich nur Greg und ich verständigen müssen, keine fremden Personen haben dazu ihren nur vermeintlich konstruktiven Input gebracht. Und diese ziemlich spontanen Sessions, die wir damals hatten, das war schon ein unglaublich kreativer Moment für uns, in dem wir selbst als Musiker enorm aufgegangen sind.
Stephen O’Malley: Das wird einfach zwischen uns beiden diskutiert. Mittlerweile gibt es rund um Sunn O gewissermaßen eine Community, eine kreative Bubble – angefangen bei Musikern bis hin zu Produzenten – die sich über die Jahre aus künstlerischer Perspektive bewährt hat. Bei „Life Metal“ hatten wir zum Beispiel die klare Vorstellung davon, dass wir mit Steve Albini zusammenarbeiten wollen. In gewissen Momenten macht es für uns einfach Sinn, jemanden in unser zweispänniges Gefüge dazuzuholen – für “Life Metal” und “Pyroclasts” etwa Tos Nieuwenhuizen am Moog Synthesizer, Tim Midyett am Bass und Hildur Guðnadóttir am Cello.
Stephen O’Malley: Mein persönlicher Ansatz ist es, nicht wirklich Ziele zu verfolgen – auch wenn natürlich gewisse Wünsche und Ideen vorhanden sind. Aber ich versuche, mich da nicht in eine Fantasiewelt zu begeben (lacht): Eine Wunschliste zu haben, das kann auch rasch zur Enttäuschung werden, wenn etwas nicht aufgeht. Es ist ein Druck, der kontraproduktiv ist.
Greg Anderson: Durchaus – aber oftmals dann einfach zu einem späteren Zeitpunkt als ursprünglich geplant. Sowas ist immer ein natürlicher Prozess.
Greg Anderson: So etwas ist nur schwer in Worte zu fassen. Stephen und ich sind Freunde, Verbündete, Kollegen – wir über-analysieren unser Verhältnis aber nicht. Möglicherweise ist genau das das Rezept für Langlebigkeit, wenn man Dinge einfach nicht zerdenkt. Bei anderen Bands fällt mir schon auf, dass gewisse Meilensteine gesteckt werden, die es zu erreichen gilt – mit all den möglichen auch personellen Konsequenzen. Bei Sunn O gibt es das nicht. Ich sage nicht, dass es der einzig richtige Weg ist, aber für uns funktioniert es so am besten. Vielleicht, wenn wir einmal im Altersheim sitzen, werden wir auf all die Jahre zurückblicken und sie analysieren – aber jetzt ist der Moment, den es einfach zu genießen gilt (lacht).
Greg Anderson: Absolut korrekt: Schätze den Moment und fühle ihn! Es ist schon auch ein bisschen ironisch: Bei all den anderen Bands, bei denen ich gespielt habe, gab es diese Pläne und Ziele im Gegensatz zu Sunn O sehr wohl – die produktivsten und erfolgreichsten waren aber wir, die Planlosen (lacht).
Stephen O’Malley: Ich glaube, für viele Menschen ist es tatsächlich ein guter Ausgleich, sich auf den meditativen Klang zu fokussieren, sich des Momentes bewusst zu werden - und ja, unsere Musik ist eine perfekte Grundlage dafür.
Greg Anderson: Diese Ammenmärchen über das Übergeben bei unseren Konzerten sind tatsächlich schon älter - und unser Publikum ist heute deutlich weniger illuminiert als früher: Vielleicht lag das Erbrechen ja auch nicht an der Musik, sondern an dem Trinkverhalten einzelner Besucher (lacht). Es geht beim Publikum in erster Linie – und das merke ich gerade bei den letzten Touren überdeutlich – mehr um eine emotionale Erfahrung, eine Entrückung, wenn du so willst. Es geht nicht um einen Exzess, sondern darum, das, was um dich herum passiert, zu absorbieren und zu genießen. Bei Sunn O dreht es sich tatsächlich nicht um Schmerz, sondern eigentlich sogar um Behaglichkeit - und manchmal hilft der dröhnende Klang auch, Knoten im Hirn zu lösen. Ja, wir sind laut – aber Lautstärke ist nicht alles, es ist auch das visuelle Erlebnis mit dem Rauch, der einen Klangkokon schafft.
Stephen O’Malley: Ja, ich glaube, diesen dringend benötigten Ausgleich macht Sunn O tatsächlich aus: Gerade in den letzten Jahren hat sich die Welt merklich verändert, ist ständig aufgeregt und schnell geworden, alles buhlt 24/7 um deine Aufmerksamkeit – bei einem Sunn O-Konzert verschiebt sich deine Realität zumindest für einen Moment. Das kann wie eine Atempause bei einem Dauerlauf wirken – auch wenn der Schall gleichzeitig auf den Brustkorb drückt (lacht). Sunn O ist keine typische Rockband, keine Entertainer, die dich aufputschen – sondern das exakte Gegenteil.
Stephen O’Malley: Ich glaube, das eine oder das andere ist nicht besser – nur anders. Wenn unsere Musik gespielt wird, existiert sie, ist sie lebendig. Im Live-Umfeld ist sie lediglich auf die pure Essenz, dafür ihre kollektive Erfahrung runtergebrochen.
Greg Anderson: Ich glaube, beide Erfahrungen sind gleichwertig und auch notwendig. Auch für uns als Musiker sind beide Kanäle – der auf Platte, wie auch der auf der Bühne – gleich essenziell.
Stephen O’Malley: Zumal live dann noch das Visuelle, etwa der Nebel, dazukommt. Das ist eine weitere Bedeutungsebene, während zuhause möglicherweise zeitgleich das Album-Artwork bewusst wahrgenommen und studiert wird.
Greg Anderson: Das ist ein japanischer Begriff, der „Anfängergeist“ bedeutet. Wir verstehen darunter, sich der Neugier wieder mehr bewusst zu werden, einer Grundspannung des Erlebten gegenüber. Für uns persönlich verdeutlicht sich das so, dass wir als Duo sehr viele alte Sachen spielen und uns dadurch der Momente, in denen sie damals passiert sind, wieder bewusstwerden.
Stephen O’Malley: Im Zen-Buddhismus geht es bei dem Begriff darum, dass du selbst wenn du in etwas Meister bist, immer noch an dir selbst und an anderen wachsen und lernen kannst. Das gilt freilich auch für uns als Musiker: Du kannst noch so talentiert und fortgeschritten sein, wenn du aufhörst, an dir und deiner Kunst zu wachsen, ist das der sichere Tod deiner künstlerischen Kreativität. Und: Plötzlich auftretende Gelegenheiten können immer überraschen. Kein Weg ist vorgezeichnet – alles führt vor und zurück.
Stephen O’Malley: Eine interessante Interpretation, zumal es mir beim Schreiben das Albums tatsächlich um meine persönlichen Wurzeln ging.
Greg Anderson: “Life Metal” steht aber auch programmatisch dafür, das Leben zu feiern, Freude zu haben.
Stephen O’Malley: In erster Linie geht es bei Sunn O um Energie.
Greg Anderson: Wir arbeiten daran, hatten auch schon einige Sessions. Wann es dann endgültig so weit ist, kann ich jedoch noch nicht sagen – weil der kreative Prozess bei uns ständig läuft, der tatsächliche Fortschritt unserer Gedanken also schwer messbar ist (lacht). Es ist jedenfalls noch nichts konkret: Aber es wird jedenfalls spannend zu sehen, wie sich nach den Band-Konstellationen von „Monoliths & Dimensions“ über „Kannon“ bis hin zu „Life Metal“ und „Pyroclasts“ die Zeit, die wir jetzt live als Duo verbracht haben, auswirken wird.
Eindrücke vom letzten Konzert von Sunn O in Österreich, am 18. September 2023 in der Wiener Arena - dem Tag, an dem auch obiges, behutsam adaptierte Gespräch geführt wurde. Bilder: Stefan Baumgartner