Bild: Luke Bonert Bild: Luke Bonert
Konzerte

Sunn O))): Genießen ist Leiden

21.04.2023 von Stefan Baumgartner

Im Zuge ihrer "Shoshin (初心) Duo Europe 2023"-Tour gastieren Sunn O))) - neben Städten wie Amsterdam, Oslo, Stockholm und Berlin (Berghain!) - noch vor ihrem Tour-Abschluss am Amplifest in Porto am 18. September auch in der Wiener Arena und zelebrieren (wie schon vergangenen Sommer im Londoner Fabric) in der reduzierten Form als Duett beider Gitarristen und Gründungsmitglieder Stephen O'Malley und Greg Anderson das 25-jährige Bestehen von Sunn O))) mit Kali Malone im Vorprogramm. Neben der Tour ist auch geplant, nach dem RSD-Release der Kollaboration mit Boris ("Altar" von 2006), die morgen auf rotem Doppelvinyl neu erscheint, weitere ältere Titel neu aufzulegen - und auch ein neues Album soll dieses Jahr veröffentlicht werden, wenngleich hier die Details noch nebulös gehalten werden.

Sunn O))) wurden 1998 (und vor ihrem Umzug ins smogverhangene L.A.) in Seattle gegründet, haben aber mit Grunge – der Musik, für die sich die amerikanische Metropole einen Namen gemacht hat; man denke an Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam und Alice in Chains – wenig gemein. Im Gegensatz zur schlodderigen Melancholie der zuvor genannten setzen die beiden Gitarristen Stephen O’Malley und Greg Anderson auf die kongeniale Dualität von Lautstärke und Langsamkeit allein, verzichten auf jedwedes Pipifax-Potpourri und reduzieren den Heavy Metal auf seine absolute Essenz: ein zermalmendes Riff, das bis zur Absurdität und darüber hinaus ausgedehnt wird. Schlagzeug braucht es dazu keines, und auch Gesang (oder das, was im Heavy Metal unter „Gesang“ verstanden wird) sucht man über weite Strecken vergeblich. Sunn O))) sind, kurz gesagt, alles andere als radiotaugliche Musik. Aber sie sind auch eine Band, die man eher auf einem artifiziellen Festival, in einer Höhle oder einer ähnlich absurden Location finden wird, als auf einem handelsüblichen Metalfestival.

In den zweieinhalb Jahrzehnten seit ihrer Gründung hat sich wenig geändert – sie musizieren weiterhin in der festen, ja: statischen Kern-Besetzung aus O’Malley und Anderson (mit pointiert gesetzten Gästen, darunter Attila Csihar von Mayhem, Boris, Ulver oder auch Anna von Hausswolff) und sind stringent seit ehedem mit das Härteste, was man nicht nur seinen Ohren, sondern seinem ganzen Körper zumuten kann. Wie auch der Himmelskörper, mit dem sie sich den Namen teilen, üben sie aber dabei eine enorme Anziehungskraft aus, während ihre Klangwellen mit ungebändigter Energie in die Umlaufbahn lodern. Aber: Was macht die Anziehungskraft von Sunn O))) tatsächlich aus?

Heavy Metal war – das wissen Kenner und Versteher, der Großmutter wird man es hingegen wohl kaum erklären können – immer schon modernistisch und avantgardistisch, auch wenn dies Genre-Charakteristika sind, die selten in den Vordergrund gerückt werden. Während die Kakophonie von etwa Venom, Napalm Death, Mayhem oder Carcass zu ihren Frühzeiten von einem Gros verachtet und lächerlich gemacht wurde, sind kanonische Künstler wie sie immer schon unglaublich progressiv, mit ihrer klanglichen Extremität Vordenker der Szene gewesen. Und so auch Sunn O))): Sie loteten schlichtweg seit Anbeginn ihrer Karriere unbeirrbar die Grenzen des Möglichen aus, versuchten die Authentizität einer aus dem Klang eruptierenden Katharsis bis hinauf zum Exzess zu peitschen. Dazu gehörte es auch schon einmal, dass für das Album „Black One“ der selten eingesetzte Gesang auch schon mal aus den Untiefen kam: Sänger Malefic wurde für die Aufnahmen des Stückes „Báthory Erzsébet“, eine Hymne an die Blutgräfin, in einen Sarg verfrachtet und begraben. Und das, obwohl er an Klaustrophobie leidet.

Extrem allein zu sein reicht freilich nicht aus. Im besten Falle ist Musik ja nicht nur ein beiläufiges, dabei aber quäkendes Gedudel, sondern erweckt tief im Hörer bedeutungsschwangere Emotionen, wirkt also auf das Glücksareal im Hirn nicht unähnlich wie Schokolade, Sex oder Drogen – und da ist zweifelsohne die Musik die vielleicht gesündeste und an Nebenwirkungen ärmste Stimulanz. Irgendwo zwischen Erregung und Spannung nistet sich hier das Lustempfinden ein, als Resultat sind nicht selten Gänsehaut, Tränen, Flattern in der Magengegend oder Herzrasen zu vermelden. Ja, Musik ist tatsächlich eine universelle Sprache, Töne dringen weit in die Tiefen der menschlichen Seele vor. Gerade laute, dröhnende oder schrille Klänge, überraschende Wechsel oder dissonant aufheulende Melodien erhöhen in ihrer Bedrohlichkeit den Herzschlag, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken – und ziehen den geneigten Hörer somit hinein in einen spannungsgeladenen Mahlstrom, der ähnlich wie ein Kirchengang oder Meditation transzendente Gefühle erwecken kann. Freilich: Ein Rezept gibt es auch in der Welt der Musik nicht, doch es ist auffällig, dass gerade Künstler, die ihre Verstärker bis zum Anschlag hochjagen und gleichzeitig ein Wechselbad der Gefühle musikalisch und gerne repetitiv doppeln, aus Belanglosigkeit Bedeutsamkeit werden lassen. Man denke an den alten Zausel Neil Young, der auch einmal minutenlang Feedback auf Feedback durch den Verstärker jagen kann. Oder an die Swans, die atonale, krachige Momente in repetitiven Stoizismus ausbreiten, sodass sich der Boden des Konzertsaals zu einem abgründischen Klangteppich wandelt. Oder an Low, bei denen schwelgerische Passagen tiefer Harmonie auf eine exzessive Dekonstruktion der Klänge treffen, ein pointiert gesetztes Surren, Rauschen – gemeinhin: Noise – erschafft mit mantrischer Hypnose einen suchtgefährdenden Sog, der oftmals vom luziden Zauber der beinah kristallinen Stimmen umhüllt wird. Und eben schließlich Sunn O))), die das Fundament gleichermaßen wie das Firmament erzittern lassen, wenn sich ihre schweren, mächtigen, dunklen Sub-Bass-Frequenzen ausbreiten und nicht nur die Ohren, sondern auch die Köpfe und den gesamten Körper umhüllen und die lang stehenden Töne zu Vibrationen zerfallen, die einander überlagern und schließlich tonnenschwer leibhaftig auf den Brustkorb drücken, dass gern auch einmal Atemnot herrscht.

Aber nicht bloß klanglich entführen Sunn O))) in transzendentale Welten. Wenn O’Malley und Anderson auf der Bühne stehen, umschlingt sie eine Wand aus Verstärkern, sie selbst sind in Mönchskutten gewandet und von Nebelschwaden aus Trockeneis umhüllt. So rekonfigurieren sich ihre Auftritte zu Ritualen, mit einer durch die Halle wabernden Spiritualität, die in ihrer Nebulösität durch sämtliche Poren kriecht – ihre Konzerte sind also vielmehr Kirchengänge einer Generation, die vom militanten Atheismus geprägt ist.

Ja, wenn man unvorbereitet, ungeübt, unwissentlich über Sunn O))) stolpert, überfordert der Druck, die Lautstärke, die Vibration. Doch lässt man sich auf das Erlebnis wagemutig ein, erfährt man etwas, das der Psychoanalytiker Jacques Lacan „jouissance“ nennen würde - die unmittelbare Befriedigung, die ein Lustempfinden oder Begehren bereits außen vor lässt. Und dabei ist diese Befriedigung im besten Fall die echte, ja: wahre psychedelische Erfahrung in Analogie zur Psychotherapie: Sie werden ermutigt, sich auf etwas einzulassen, das möglicherweise verstörend oder sogar beunruhigend ist, um eine tiefgreifende persönliche Erweckung zu finden, die über reinen Hedonismus hinausgeht – auch wenn Sunn O))) in einer zweiten Zwischenebene naturgemäß sehr wohl auch hedonistisch wirken können. "Genießen ist Leiden", sagte der slowenische Philosoph Slavoj Zizek - und hat in dieser paradoxen Form der Befriedigung wohl das Erlebnis von Sunn O))) vorgegriffen.

Sunn O))) gastieren am 18. September in der Arena. Tickets gibt es bei oeticket.

TICKETS
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren