Die Liebe zum Bier war bei den beiden Herren hinter der Wiener Craftbier-Brauerei Thrasher schon immer bacchantisch: Lange Zeit allein als Genussmensch dem Hopfenkaltgetränk zugetan, entschlossen sich Jakob Zerobin (rechts im Bild) und Alex Dietmeier (links im Bild) nach jugendlichen Sturm-und-Drang-Jahren schließlich,
aktiv auf das Brauland Österreich einzuwirken und „etwas Eigenes mit Alleinstellungsmerkmal“ zu kreieren. Das Ergebnis sind seit 2017 vier eigenständige Biere, die mit den führenden Biersorten in Österreich – dem Lager, dem Märzen und dem Pils – letztlich nur wenig gemein haben und aus der kompletten Hopfen-Klaviatur schöpfen: Harvest ist ein Wiener Blonde Ale, Spirit Road ein India Pale Ale, Broken Arrow ein New England IPA und Act of Love ein Russian Imperial Stout.
Mit Ewig Frost und Harakiri For The Sky haben sich zudem auch schon zwei österreichische Bands ihr eigenes Bier von Thrasher auf den Leib schneidern lassen, vielleicht sogar trefflicher als Granden wie Iron Maiden oder Metallica. Und mit dem
Doom Over Vienna - alle drei übrigens optisch kongenial von
Dr. Knoche in Szene gesetzt - hat sich sogar ein heimisches Traditionsfestival ein ureigenes Genuss-Image geschaffen: Das Templars Doom versetzt mit wohlig-resoluter Schwere in den treffenden Gemütszustand für das akustische Dröhnen. Aber: Wo kommen die aromatischen Kreationen nun her? Eine ehemals brandschatzende Szeneikone würde frohlocken: "Let's find out!"
Wie kommt man überhaupt auf die Idee, eine eigene Brauerei zu gründen - noch dazu nebenberuflich?
Jakob Zerobin: Ein Studienkollege von mir ist Imker, der hat in mir nach einem Bier zuviel den Drang nach Selbstverwirklichung geweckt. Also habe ich begonnen, in den eigenen vier Wänden einfach mal auszuprobieren und irgendwie war der Anklang im Freundeskreis ganz gut.
Alex Dietmeier: Alle haben gesagt, wie toll die Biere nicht sind, also haben wir uns gedacht, wir versuchen es einmal mit einer Brauerei. Außerdem wollte ich eh schon immer einmal etwas eigenes auf die Beine zu stellen und das schien mir die perfekte Möglichkeit dazu.
Ist die Kreation neuer Biere eher eine „nüchterne“ Wissenschaft, ein analytisches Zusammenfügen der einzelnen Bestandteile, oder eine Gefühlsfrage?
Jakob Zerobin: Sowohl als auch. Natürlich muss, nachdem erst einmal ein Konzept erarbeitet - quasi eine Philosophie erdacht wurde, der Wissenschaftler im Brauer zur Tat schreiten, um das „Feeling“ und den Geschmack dahinter auch tatsächlich umzusetzen.
Alex Dietmeier: Da geht wohl jeder an die Sache ran wie er meint. In meinem Fall überlege ich mir, was ich machen will, schaue mich um, wie das andere so machen und stell mir dann etwas zusammen.
Wohl jedes Kind weiß, woraus Bier besteht. Aber: Welche Rolle spielen das Malz, der Hopfen, die Hefe und natürlich das Wasser tatsächlich für das Endprodukt?
Jakob Zerobin: Eine große natürlich! Durch die Kombination unterschiedlicher Malzarten verleiht man dem Bier nicht nur Aroma und Farbe, sondern auch den notwendigen Körper, den es benötigt, um die unterschiedlichen Aromen, die über den Hopfen (und andere Zutaten) eingebracht werden, zu transportieren. Die Braugerste ist zwar an und für sich ein sehr genügsames Gewächs im Vergleich zu zum Beispiel Weizen, doch sind Umwelteinflüsse wie Dürreperioden oder Starkregenereignisse aufgrund der anthropogen beschleunigten Klimaveränderung Faktoren, die es in Zukunft zu berücksichtigen gilt. Wenn wir also weiterhin Bier in der gleichen Qualität genießen wollen, wird die Brauerei mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um qualitativ hochwertige Produkte zu beziehen. Bier wird also teurer werden.
Hopfen ist durch seine Bitterkeit einerseits der Konterpunkt der Malzsüße – unvergorene Restzucker – als auch ein wichtiger Faktor bei der Haltbarkeit der Biere, die traditionell von der Hausfrau zubereitet wurden, wobei letztlich die heutzutage angewendeten Hygienestandards den Hopfen als Konservierungsmittel obsolet gemacht haben. Der Hopfen bringt aber nicht nur Bitterstoffe ins Bier. Nimmt man zum Beispiel eines der heutzutage sehr populären India Pale Ales her, so hat man eine Fülle Aromen in der Nase, die von Wiesenblumen über tropische Früchte rangieren. All dies ist dem Hopfen zu verdanken, dessen unterschiedlichsten ätherischen Öle während Brauprozess und Gärung ins Bier eingearbeitet werden. Während das Malz also den Körper darstellt, kann man beim Hopfen von der Seele sprechen. Animus Cerevisiae, sozusagen, sofern mich mein Lateinlehrer nicht belogen hat.
Nun haben wir also Körper und Geist des Bieres analysiert, doch wie wird aus dem angebitterten Zuckersaft dann schlussendlich das Bier? Hier kommen Saccharomyces carlsbergensis beziehungsweise cerevisiae ins Spiel. Die Hefe – mikroskopisch kleine Vielfraße – schnabulieren sich durch die unterschiedlichen Zucker in der Maische, arbeiten diverse Substanzen um und scheiden dabei Alkohol und Kohlendioxid aus. Unterschiedliche Hefestämme haben natürlich unterschiedliche chemische und biologische Eigenschaften, deren genauere Beschreibung eindeutig den Rahmen hier sprengen würde. Ein sehr unterhaltsames Buch für den Hopfenjunkie wäre „For the Love of Hops“ von Stan Hieronymous. Das ist auch für Anfänger geeignet.
Die Rollenverteilung im Bier ist nun geklärt. Wie sieht die Rollenverteilung außerhalb des Braukessels aus?
Alex Dietmeier: Offiziell ist Jakob der Braumeister und ich spiele den "Geschäftsführer". Aber eigentlich trägt jeder anhand seiner Fähigkeiten bei. Wir ergänzen uns da ganz gut.
Jakob Zerobin: Alex kümmert sich auf jeden Fall um die Buchhaltung und unseren Webauftritt - davon habe ich keine Ahnung.
Für Besucher von einschlägigen Veranstaltungen wie dem Craft Bier Fest oder ein Besuch von Spezialgeschäften zeigt sich ein beinah unübersichtlicher Markt: Wie positioniert man sich, wie passiert der Austausch mit dem Mitbewerb?
Jakob Zerobin: Die Szene in Österreich ist noch recht übersichtlich, wodurch ein Austausch mit den KollegInnen zumeist sehr ungezwungen bei diversen Veranstaltungen oder Tap-Takeovers passiert. Grundsätzlich eint uns der Wunsch, die Welt mit hervorragendem Bier zu verbessern. Das weniger altruistische Motiv dabei ist, unser Produkt an den Konsumenten zu bringen. Derzeit sind wir in Österreich noch länger nicht so weit, dass alle Nischen und Sparten besetzt sind, wodurch die Positionierung des eigenen Bieres quasi von alleine passiert – abzüglich des üblichen Marketings, das uns beiden leider nicht sehr liegt.
Alex Diemtmeier: Eben weil der Markt noch nicht so übersättigt ist, fällt uns vieles auch per Zufall zu. Gerade bei den Bandbieren kamen die Leute auf uns zu, weil sie sehen, dass wir sowas anbieten und es sonst noch niemanden gibt, der groß hinausschreit "Hey, wir machen das für euch!".
Insbesondere Belgien und Großbritannien haben es vorgemacht: Mit auffallenden Namen („Satan“, „Guillotine“) oder „frechem“ Marketing (BrewDog) lassen sich rasch(er) neue Zielgruppen ansprechen. Auch Astra wurde vor einigen Jahren mit einer frechen Werbeschiene gerettet. Welche „externen“ Faktoren außer dem Bier selbst braucht man im gigantischen Markt heute, um aufzufallen?
Jakob Zerobin: Naja, wie bei allem im Leben braucht man Zeit, Motivation und Geld. Wir können es uns definitiv nicht leisten, mit einem Panzer durch die Wiener Innenstadt zu fahren, um dem schlechten Bier den Kampf anzusagen – mal davon abgesehen, dass das in Österreich schlicht und einfach gelogen wäre, denn selbst die mittlerweile von Heineken aufgekauften Brauereien produzieren noch überdurchschnittlich gutes Bier. Ansonsten gilt der Standardspruch im Marketing: Any publicity is good publicity. Produziere einen Skandal wie ein gewisses Biergeschäft in der Strozzigasse, klatsch dir ein paar Nackerte aufs Plakat, verschenk dein Bier auf der Donauinsel - die Möglichkeiten sind quasi unendlich. Wir für unseren Teil haben uns der Musik verschrieben.
Gerade im Rock-und-Metal-Bereich ist es zur Zeit en vogue, dass Bands ihre eigenen Alkoholika herausbringen, so zum Beispiel Metallica, Iron Maiden und Motörhead mit ihren eigenen Bieren. Auch ihr bewegt euch mit Kreationen für Harakiri For The Sky, Ewig Frost und dem Doom Over Vienna innerhalb der Musikbranche - wie gehen Bier und Musik Hand in Hand, wie spricht das Bier für den Künstler?
Jakob Zerobin: Musik hat bei uns generell einen großen Stellenwert. Sowohl unser
Brauereiname als auch die einzelnen Biere haben direkten Bezug auf das Werk des großartigen Neil Youngs, der uns mit seiner Kunst schon seit vielen Jahren durchs Leben begleitet. Was Bandbiere anbelangt, denke ich, für den Durchschnittskonsumenten – also Musik und Bier – ist das eher egal, ob Motörhead oder die Zillertaler Schürzenjäger ein Bier mit ihrem Namen drauf haben. Hier kommen schon wirklich die Fans ins Spiel. Denen wird damit neben Tonträgern und Kleidung ein weiteres Service geboten, und im Gegenzug können sie wiederum ihre Lieblingsband mit dem Erwerb finanziell unterstützen. Wir sind selbst Fans der Bands, für die wir Bier produzieren durften und dementsprechend war es uns auch ein Anliegen, die Wünsche und Vorstellungen der Musiker einzufangen. Jeder Kreation gingen intensive Gespräche über Bier, Musik und Artwork voraus.
Unser High Octane – benannt nach dem Ewig Frost-Song "High Octane Anarchy" – wurde zum Beispiel auf der Basis einer unserer früheren Kreationen erstellt und nach den Wünschen von Bandkopf Nino abgeändert, um genau seinem Geschmack zu entsprechen. Der Void Filler, das wir für Harakiri For The Sky kreiert haben, ist hingegen ein von Grund auf in vielen Verkostungssessions im Biergreissler neuentstandenes Bier, das eher rein zufällig stilistisch in der Ecke des New England IPAs gelandet ist. Wichtig war für mich als Brauer hier vor allem, den persönlichen Geschmack des Künstlers zu treffen. Ich wollte, dass sich die Band nach einem Konzert oder einer Probensession hinsetzt und mit Genuss ein Bier trinken kann. Ich denke, das ist mir bis jetzt bei all unseren Kooperationen gelungen.
Wie weit helfen euch derartige Kooperationen weiter?
Alex Dietmeier: Ein Großteil derjenigen, die sich ein Bandbier kaufen, kaufen es wegen des Künstlers, nicht der Brauerei. So ein Bier ist in erster Linie Merchandise.
Jakob Zerobin: Wir treten da aber auch bewusst in den Hintergrund, weil es eine Zusammenarbeit ist, die auf den Stil und Geschmack des Musikers eingeht - und darauf sollte der Fokus liegen. Für uns ist das keine Geldmacherei, mit der wir uns oder unsere Brauerei in den Fokus rücken wollen, im Gegenteil: Es ist eine neue, darüber hinausgehende Einheit.