Bild: Barracuda Music
Mit seinem neuen Album "Liebe Glaube Monster" feiert Unheilig sein umjubeltes Comeback – das so nicht geplant war: Um wieder auf die Bühne zu finden, musste der Graf erst sein Leben überdenken.
Fast ein Jahrzehnt war es still um Unheilig: Nach dem Triumphzug von “Große Freiheit” (2010) und dem bewusst gesetzten Schlussstrich 2016 schien die Geschichte mit dem letzten Album des Grafen, “Von Mensch zu Mensch”, 2016 auserzählt. Zumindest für die Galionsfigur, den Grafen selbst: Unheilig taten sich hierauf kurzerhand mit The Dark Tenor zusammen. Dass der Graf nun mit seinem neuen Album “Liebe Glaube Monster” und einer neuen Tour in den Schoß von Unheilig zurückkehrt, wirkt weniger wie ein kalkuliertes Comeback als vielmehr wie eine zwar späte, dabei aber unverhoffte Kurskorrektur.
Der Auslöser dafür liegt nicht in nostalgischer Verklärung oder gar einem schwindenden Kontostand, wie böse Zungen vielleicht unken mögen - sondern in einer Zäsur: “Das war dann der letzte Tropfen auf den heißen Stein”, erzählt der Graf etwa der Kronen Zeitung über einen Krankenhausaufenthalt Anfang 2025, bei dem plötzlich die eigene Endlichkeit spürbar wurde - ein Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt. Was lange im Verborgenen gärte - allein für sich selbst geschriebene Songs, ein nie ganz verstummtes kreatives Grundrauschen, wie bei Künstlern so üblich - bekam durchaus nachvollziehbar in diesem Moment eine neue Dringlichkeit verpasst: “Ich habe dann mein Leben nochmal überdacht”, erzählt er weiter, “ich wollte wieder loslegen, aber nicht so wie früher, sondern anders.”
“Hauptsache anders”, das ist das zentrale Fundament für das neue Kapitel von Unheilig: Für den Grafen war es unabdingbar, das alte System zu verlassen, das ihn einst an seine Grenzen brachte. Für ihn, als Galionsfigur, war der Druck zu groß, für alles umfassend Verantwortung zu tragen - zu eng das “Erfolgskorsett”, wie er es heute rückblickend nennt. Doch er hat aus Fehlern der Vergangenheit gelernt: Heute delegiert er, reduziert und setzt bewusst Grenzen - und gönnt sich mehr künstlerische Freiheit. Aus seinem privatimen Schreibprozess mitgenommen hat er vor allem eine Grundvoraussetzung für die neuen Lieder von Unheilig: Er macht nur mehr die Musik, die er will - die ihm zu Gesicht steht, die aus den Tiefen seiner Seele spricht. Bei derart persönlichen Texten auch nicht der schlechteste Ansatz.
Dass der Graf gelöster als zuvor ist, das hört man dem neuen Album “Liebe Glaube Monster” auch an - es ist ein Werk, das Kindheit, Karriere, Verlust und Gegenwart miteinander verschränkt und definitiv so klingt, wie ein Comeback-Album klingen sollte: Nicht nach Pflicht, sondern nach Kür. “Es ist eine Reflexion”, erzählt der Graf dazu der Kronen Zeitung - “mit aller Liebe, allem Glauben und allen Ängsten gegen die Monster des Lebens”, und erklärt somit auch die Klammerstellung des Albumtitels. Nicht undienlich für diesen Prozess war freilich die Auszeit, die der Graf 10 Jahre lang genossen hat - Jahre der Reduktion, bei Reisen im Wohnmobil und einem Leben fernab “der Branche”. So wie Phönix aus der Asche aufsteigt, konnte der Graf auch erst aus der Leere erst wieder etwas mit Substanz formen.
Insbesondere die wiedergefundene, revitalisierte emotionale Direktheit ist die Brillanz, die sich durch das gesamte Album zieht: Besonders ein Song wie “Mein Löwe”, eine Hommage an seine soeben verstorbene Mutter, verdeutlicht, wie sehr persönliche Verluste den Ton bestimmen. Nicht selten, dass Künstler Lieder nicht für ein Publikum, sondern in erster Linie für sich selbst schreiben, um mit Situationen wie diesen überhaupt erst klarzukommen.
Natürlich oszillieren Unheilig auch in den Momenten darüber hinaus zwischen dunklen Klangfarben und Pathos, doch im Kern geht es diesmal weniger um große Gesten als um eine existenzielle Verdichtung: Es ist nicht die Welt, die vor den geneigten Hörer*innen ausgebreitet wird, sondern der Mikrokosmos der eigenen Seele, den jede*r von uns wie einen schützenden, wohlig-wärmenden Umhang überstreifen kann. Zumal der Graf mit “Liebe Glaube Monster” auch einen Gegenentwurf zum Zeitgeist des KI-Kitsch abliefert: Unheilig, das steht für Qualität vor Skalierbarkeit.
Aber vergessen wir schließlich auch nicht auf Österreich: Für den Grafen ist Österreich mehr als nur ein “Markt”, den er zum Gelderwerb bereisen muss, sondern vielmehr eine emotionale Wiege, in der er sich verstanden und wohl aufgehoben fühlt; Das beginnt bei dem einnehmenden Flair auf seinen Konzerten und geht hin bis zum Land selbst als Rückzugsraum: Österreich erscheint in seinen Erzählungen als Gegenpol zur Verdichtung des alten Lebens - “da herrscht immer eine ganz spezielle Atmosphäre”, um den Grafen selbst zu zitieren. Vermutlich ist es auch diese ur-österreichische Unmittelbarkeit ein Teil dessen, was ihn überhaupt erst dazu bewogen hat, seinen Schlussstrich unter Unheilig doch wieder aufzulösen: Es ist kein Revival im klassischen, mechanischen Sinn. Sondern vielmehr ein Versuch, sich nach einem einschneidenden Erlebnis noch einmal selbst neu zu begegnen, sich wieder zu spüren und zu atmen - und diese Neuentdeckung seiner eigenen Empfindsamkeit dann auch mit geliebten und geschätzten Mitmenschen zu teilen. Vielleicht ist also der Graf auch für uns so etwas wie ein: Löwe. Jedenfalls: Gut gebrüllt!
Auch des Grafen interimistischer Ersatz, The Dark Tenor, ist übrigens nicht untätig: 2025 war für den Rock-Tenor Billy Andrews ein Erfolgsjahr, mehr als 100.000 Besucher*innen erlebten seine einzigartige Mischung aus Klassik und Rock live. Mit diesem Erfolg im Rücken zündet Andrews nun in die nächste Stufe seiner kometenhaften, musikalischen Reise – mit der neuen Tour “Symphonica”: “Mit ‘Symphonica’ möchte ich Klassik neu erlebbar machen – modern, kraftvoll und voller Emotionen. Ich freue mich darauf, diese Vision mit meinem Publikum zu teilen”, verrät er dazu als kleiner Teaser und verspricht neben neuen Songs unter anderem auch ein Schmankerl für die Augen: Auf seiner “Symphonica”-Tour werden wir nämlich nicht nur ihn samt seiner großartigen Band hören, sondern auch 3D-gedruckte Instrumente (!) und eine mitreißende und innovative Bühneninszenierung erleben. Wir sind gespannt wie ein Gummiringerl!