Bild: Jackie Collins
Bereits seit anderthalb Jahrzehnten bewegt sich der Franzose Gautier Serre alias Igorrr zwischen Genie und Wahnsinn: Irgendwo zwischen Metal, Electro und Klassik verdient seine Musik zweifelsohne die Bezeichnung “einzigartig” - und ringt selbst einer Koryphäe wie Bruce Dickinson das Staunen ab.
“Er ist ein außergewöhnliches Talent: Seine Musik springt von barocker Klassik über Oper hin zum Death Metal - und wieder zurück, und das innerhalb von 15 Sekunden! Das ist schon verdammt cool”, zeigt sich Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson über das Werk des französischen Multiinstrumentalisten Gautier Serre alias Igorrr hellauf begeistert. Und tatsächlich: Das, was er abliefert, ist eine Überdosis metallischen Dadaismus - vergleichbar mit einer modernen Kunstgalerie: Man kommt an allerlei Gemälden, Plastiken und Objekten vorbei, die verstören, mit ihrer verqueren Ästhetik aber doch fesseln und postwendend zu allerlei Interpretationen hinreißen lassen. Mein Brückenschlag zu einer Galerie, zu Bildern, kommt dabei nicht von ungefähr: Serre hat Synästhesie, empfindet Musik also als Farben. Vor einigen Jahren erklärte er mir im Interview: “Es ist so, dass jeder Klang in mir mit einer bestimmten Farbe verknüpft ist: Wenn ich einen Ton am Schlagzeug, am Akkordeon oder auf der Gitarre anspiele, spüre ich Farben – dass ich sie tatsächlich sehe, das wäre übertrieben. Es ist sehr unterschwellig, aber für mich ein notwendiges Puzzlestück: Wenn bei mir das Gehirn keinen Reiz verspürt, funktioniert der Klang nicht.”
Während Serre bereits in den frühen Nullerjahren solo Musik veröffentlichte, tritt er seit 2017 im Bandgefüge auf den Plan - seitdem erschienen die drei Alben “Savage Sinusoid” (2017), “Spirituality and Distortion” (2020) und zuletzt, Ende vergangenen Jahres, “Amen”. Letztgenanntes Album ist jenes, dem nun kurz vor seiner Europatour, die Igorrr im Februar auch in den Gasometer führt, die neue Videosingle “Limbo” entnommen ist.
Der Song “Limbo” selbst dreht sich um einen endlosen Kampf zwischen Gut und Böse, aber ist's durchdacht und durchgeplant, oder lachend keck im Zuckerrausch irgendwie zusammengeschustert? Ist ein Künstler am Werk, oder ein Schelm vor dem Herrn – man weiß es nicht: Jazz trifft auf Electronic, Breakcore und Minimal, Ethno und Worldmusic auf barocke Klassik und brachialen Metal, es ist ein wirres, postmodernes Potpourri, in dem sich die Töne überschlagen, die Bässe dröhnen, die Sirenen singen und die Klänge in jedwede Richtungen stieben. Zimperlichkeit ist Serres Sache nicht, sondern vielmehr der gepflegte Wahnsinn – nicht unähnlich zu den Klängen, die uns Mike Patton bei Mr. Bungle oder Fantomas um die Ohren schleuderte.
Aber worauf fußt dieser auditive Wahnsinn eigentlich? Serre zeigt sich von Aphex Twin gleichermaßen inspiriert wie von Cannibal Corpse, aber auch von etwa Bach und Chopin. Für Serre ist Musik ein Ausdruck des Lebens - alles kann Inspiration sein. Da liegt es natürlich nahe, einen Musiker, der aus einem kulinarischen Feinspitz-Land wie Frankreich kommt, zu fragen: “Wäre Igorrr essbar, was würde am Teller liegen?” Dazu Serre: “Ich glaube, das wäre kein Teller, sondern ein riesiges Buffet, so wie im Film ‘Das große Fressen’ von Marco Ferreri, Rafael Azcona und Francis Blanche!”
Während im Wiener Gasometer - von McDonalds über Ginza Delicious bis hin zu El Greco - dass kulinarische Angebot vorsichtig formuliert, bodenständig ist, ist zumindest am 11. Februar unten, in der Raiffeisen Halle, die Tafel reich gedeckt. Da verkraftet man dann vielleicht auch das Ottakringer aus dem Plastikbecher um gute sechs Euro.