Keine Frage: Jeshi hebt sich vom Gros der UK-Rapper ab. Sein Debütalbum "Universal Credit" ist ebenso ein persönliches Statement wie ein soziales. In Songs wie "3210" oder "National Lottery" teilt Jeshi der Welt mit, wie es vielen Menschen in seinem Heimatland geht – ehrlich, ungeschminkt und authentisch. Damit ist er nicht nur ein neues Talent, das unbedingt hörenswerte Rap-Nummern abliefert, sondern auch eine wichtige Stimme seiner "Generation".
Jeshi, dessen richtiger Name Jesse Greenway lautet, wächst in eher ärmlichen Verhältnissen im Osten Londons auf. Nach der Ausweisung des Vaters nach Jamaika ist die Mutter plötzlich alleinerziehend und zieht Jesse mit Unterstützung der Großmutter auf, wie Jeshi in "Two Mums" erzählt. Sozialleistungen, in Großbritannien seit einigen Jahren als "Universal Credit" zusammengefasst, sind daher etwas, das Jeshi aus erster Hand kennt. Selbst während der Arbeit an seinem Debütalbum war der Nachwuchsrapper finanziell alles andere als gut aufgestellt. Der Opener von "Universal Credit" trägt den Titel "1st of the month for the rest of your life" und bringt das Thema des Albums unmissverständlich auf den Punkt. Es geht um Geldsorgen und schlaflose Nächte, um das Stigma, das die Gesellschaft den Empfängern von Sozialleistungen verpasst und um das lähmende Gefühl der Perspektivlosigkeit.
Erste EPs und künstlerische Weiterentwicklung
Finanzielle Nöte sind nicht das einzige, mit dem viele Jugendliche im UK zu kämpfen haben, wie Jeshi aus eigener Erfahrung weiß. Drogen und Gewaltakte, allen voran Messerstechereien, sind weitere Probleme, die der Brite auf seinem Erstlingswerk thematisiert. Dennoch wiegt nicht jeder Song inhaltlich so tonnenschwer. "Protein" mit dem Nigerianer Obongjayar etwa sorgt für unbeschwertere Momente. Auch hat es sich Jeshi nicht von Anfang an auf die Fahne geschrieben, auf gesellschaftliche und soziale Missstände aufmerksam zu machen – die erste EP "Pussy Palace" ist 2016 noch ganz anders geartet. Über die Jahre entwickelt sich der junge MC beständig weiter und findet zunehmend zu seinem künstlerischen Selbst. Auf die 2017er-EP "The Worlds Spinnig Too Fast" folgt drei Jahre später mit "BAD TASTE" eine weitere. Auf Letzterer wird anhand von Tracks wie "30,000 FEET" (mit Celeste, auf deren Song "Summer" Jeshi zu hören ist) oder "COMING DOWN" deutlich, dass Jeshi das Zeug zum Rap-Star hat.
Musikalisch untermalt Jeshi sein Storytelling mit einer Mischung aus Underground-Hip-Hop der alten Schule, UK Drill und elektronischen Elementen. Gerade zu amerikanischem Rap ist das, was der Londoner macht, für viele Fans des Genres eine willkommene Abwechslung. Abwechslungsreich sind auch Jeshis Outputs selbst. Das zeigen schon die beiden "Universal Credit"-Tracks "Protein" und "Violence", auf denen Obongjayar als Feature-Gast vertreten ist, die aber dennoch höchst unterschiedlich klingen. Überhaupt versteht es Jeshi, mit der richtigen Auswahl von Instrumenten, Beats und Sounds die passende Stimmung zum jeweiligen Song zu erzeugen. Kurzum: Das Gesamtpaket aus Musik, Inhalten und Flow passt auf allen Ebenen und macht Jeshi zu einem der interessantesten gegenwärtigen Rapper des UK.