Die „Nacht gegen Armut“ für die Volkshilfe hat längst Tradition in Wien. Es geht – unter dem Ehrenschutz von Margit Fischer – darum, den Ärmsten der Armen ein Wenig zu helfen, für Sensibilität zu sorgen und gegen Ausgrenzung einzutreten. Unter diesem Motto hat auch die Arena zum Benefizkonzert gebeten, mit den US-Indie-Americana-Ikonen Calexico konnte ein würdiger Headliner ins Boot geholt werden. Die Combo um das Kreativ-und Gründungs-Duo John Convertino und Joey Burns kam nicht nur mit dem neuen Album „The Thread That Keeps Us“ in die Arena, sondern mit dabei war auch Gitarrist Jairo Zavala, der heuer sein erstes Jahrzehnt als Calexico-Mitglied feiert. Manchmal müssen Convertino und Burns ohne ihn auskommen, denn Zavala ist in einem Schaffensrausch, verfolgt eine Zweitkarriere mit der eigenen Band Depedro.
Bei all dem Stress mit Calexico und DePedro: Weißt du eigentlich, worum es bei der „Nacht der Armut“ geht?
Jairo Zavala: Klar, es ist ein Benefizkonzert. Ich engagiere mich immer wieder für Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich bin an einer Musikschule in einer Favela in Rio in Brasilien beteiligt und arbeite dort aktiv mit. Wir leben immerhin in der reicheren Ecke der Welt, also können wir ruhig einiges abgeben. Wir sehen doch, wie viele Menschen jedes Jahr im Mittelmeer ertrinken, die machen das ja nicht aus Spaß. Ich habe eine Familie aus Syrien kennengelernt, die sind aus ihrer Heimat bis in die spanische Enklave Melilla an der afrikanischen Küste gelaufen. Mit ihren Kindern. Ich kann mir nichts Mutigeres vorstellen, als ein derartig riskantes Unterfangen mit seinen Kindern zu starten. Diese Themen finden sich auch in meinen Texten wieder. Aber ich bin aber kein Marktschreier, der das groß hinausposaunt.
Du bist vermutlich nicht glücklich darüber, in welche Richtung sich Europa derzeit entwickelt?
Jairo Zavala: Nein, nicht wirklich. Es ist sehr traurig, dass wir unsere moralischen Werte verlieren. Es geht eben nur ums Geschäft. Länder werden nicht mehr als Länder verwaltet, sondern als Geschäft gesehen und auch so geführt.
Calexico werden meist als Duo John und Joey wahrgenommen, du wirst in der aktuellen Bio als Bandmitglied gelistet. Bist du auch beim Schreiben neuer Songs voll eingebunden?
Jairo Zavala: Ich wurde vor zehn Jahren von ihnen eingeladen und habe bisher auf sieben Alben mitgespielt. Natürlich ist das Johns und Joeys Projekt, sie sind aber für alles offen. Auf dem aktuellen Album stammt der Text zu „Flores y Tamales“ von mir, da hab‘ ich mit dem Spanisch ein bisschen geholfen. Und einige Melodien steuerte ich bei. John und Joey arbeiten viele unterschiedliche Einflüsse in ihre Musik ein, sie reichern sie damit an. Das versuche ich von ihnen zu lernen.
Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Calexico damals ergeben?
Jairo Zavala: Ich habe schon mein ganzes Leben lang Musik geschrieben und darunter war der Song „Don’t Leave Me Now“. Sie haben den irgendwo gehört und begonnen, ihn zu covern. So kamen wir in Kontakt und ich verliebte mich sofort in ihre Musik und ihre Art im persönlichen Umgang. Später habe ich sie im Gegenzug gefragt, ob sie bei meinem Solo-Album mitspielen. John und Joey sagten sofort zu. Aufgenommen haben wir in Tucson, Arizona. Sie mochten wie ich Gitarre spiele und schon war ich bei ihrer Band dabei. Hier bin ich nun auf Tour mit ihnen, zehn Jahre später. Man sagt, dass Musik eine Brücke zwischen den Kulturen und eine universelle Sprache ist. Das trifft bei mir zu.
Einerseits liegen zwischen dem Sound von Calexico und deinen Solo-Projekten Lichtjahre, dann findet man doch wieder gemeinsame Elemente. Ein Spagat?
Jairo Zavala: Wir kommen aus komplett unterschiedlichen Welten. Ich versuche meine Gefühle durch die stärkste Waffe auszudrücken, die ich habe - durch die Musik. Es sind unterschiedliche Stile aber die beiden sind Sammler. Sie sammeln die unterschiedlichsten Musikfarben.
Bei Depedro sind dann wiederum Joey und John als Gastmusiker dabei. Ein Gegengeschäft?
Jairo Zavala: Es ist ein Geschenk, wenn man sich mit Freunden im Studio trifft und es entsteht gute Musik. Egal, welches Projekt es betrifft.
Zusätzlich zu deiner Band und den Kollegen von Calexico holst du dir immer wieder unterschiedliche Gäste ins Studio. Wird das nicht zu viel?
Jairo Zavala: Nein, ich könnte ohne die unterschiedlichen Kollaborationen nicht richtig arbeiten, das wäre viel zu langweilig. Da könnte ich nichts lernen. Ich brauche immer andere Menschen und muss Musikmachen genießen.
Musst du deine Persönlichkeit zwischen Calexico, Depedro und deinen anderen Projekt spalten?
Jairo Zavala: Ich bin Musiker. Ich mag unterschiedliche Geschmäcker, Geisteshaltungen. Am Ende des Tages müssen die Songs aber nach mir klingen. Dazu braucht man aufgeschlossene Menschen die keine einzementierten Positionen haben.