Durch die bewusste Ironisierung von offensichtlich kalkulierten Grenzüberschreitungen von Rechtspolitikern, Querdenkern und Verschwörern gelang Danger Dan aka Daniel Pongratz mit der Single „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ ein Schlag in die Magengrube der politisch zerrütteten Gesellschaft. Den Drive der Polit-, Gesellschafts- und Systemkritik seiner Band Antilopen Gang nimmt das musikalische Multitalent auf seinem zarten Pianoalbum mit, doch solo ist auch genug Platz für die Liebe. Dass Radikalismus nicht gleich Extremismus bedeutet, dass das Bahnhofklatschen ruhig weg kann und die deutsche Exekutive einer Runderneuerung bedarf sind nur ein paar der vielen Gedanken, die Pongratz im Gespräch mit dem !ticket-Magazin bewegen. Um die Welt zu retten, bedarf es manchmal eben drastischer Mittel.
Ehrlich gesagt nicht. Ich dachte, dass die Fans der Antilopen Gang das mögen würden und der Song bei den angesprochenen Personen ankommen würde, die den Inhalt nicht so mögen. Dass er die große Runde macht, damit habe ich nicht gerechnet, weil die Musik auch gar nicht zeitgemäß ist.
Sie würden sich jedenfalls zum Gespött machen. Fernab von einer juristischen Debatte würde diese Causa auch öffentlich verhandelt und da sehen sie wohl, dass sie keine besonders guten Karten hätten. Sie sind im Modus „Kopf einziehen und warten, bis es vorbei ist“.
Ich würde mir keinen bestimmten Punkt setzen und bin sehr froh, dass ich das nicht muss. Das müssen dann Gerichte entscheiden. Was ist überhaupt Kunst? Ab wann ist es Kunst? Ab wann ist etwas keine Kunst mehr, sondern eher Propaganda oder Aktionismus? Das ist sicher eine unglaublich schwierige Aufgabe und da stehen wir schon vor dem ersten Problem. Will man denn, dass ein deutsches Gericht irgendwann entscheiden darf, was Kunst ist und was nicht? Ich möchte jedenfalls nicht festlegen müssen, was von der Kunstfreiheit gedeckt ist und was nicht.
Ich mag seine Wut und seine Rolle als Zyniker. Wenn man sich näher mit ihm und seiner Biografie auseinandersetzt, lernt man sehr viel. Er ist schon in den 30er-Jahren aus Wien von den Nazis geflohen und landete dann in den USA. Sein Theaterstück „Heute Abend: Lola Blau“ handelt zwar von einer jungen Künstlerin, hat aber viele autobiografische Momente von ihm. Er kam dann zurück und wollte sich nie mit denen versöhnen, die in der Nazidiktatur selbst Profiteure waren. Das hat er bis zu seinem Tod durchgezogen und insbesondere die Stadt Wien hat er gehasst. Er hat Österreich verboten zum Geburtstag Briefe zu schreiben und zu gratulieren. Er wollte nicht, dass ein österreichischer Politiker in sein Kondolenzbuch schreibt. Er blieb für immer sauer und das gefällt mir an ihm sehr gut.
Ich fände das nicht gut, wäre eine Straße nach einem Kriegsverbrecher benannt. Man kann sie ruhig umbenennen, etwa in Georg-Kreisler-Straße, obwohl er sich dafür wahrscheinlich im Grab umdrehen würde (lacht).
Ich glaube die Strategie, man müsse die sogenannten besorgten Bürger ernstnehmen und ihnen auch einmal zuhören nicht aufgegangen ist. Man hätte anderen Leuten zuhören müssen. In Deutschland zum Beispiel nicht den Pegida-Aufmarsch-Idioten, sondern jenen, die tatsächlich von Rassismus betroffen sind. Man hätte denen zuhören müssen, die von Syrien nach Deutschland flüchten müssen und hier nicht die Möglichkeit haben, zu arbeiten oder sich frei bewegen zu können. Diese Sorgen nehme ich sehr ernst, aber es war in Deutschland nicht der Fall. Es wurde auch den Betroffenen des NSU-Nagelbombenanschlags in der Keupstraße nicht zugehört. Die haben Jahre vorher geahnt, dass das Nazis waren und die Ermittlungen der Polizei liefen in die komplett falsche Richtung, weil man erst gegen die Leute aus der Keupstraße selbst ermittelte. Da hätte man zuhören können und sollen. Besorgten Bürgern, die sich am Ende immer als faktenresistent erweisen, muss man aber auch nicht zuhören. Leuten, denen man nicht mit Argumenten und Fakten kommen kann, weil sie ein so in sich geschlossenes und krudes Weltbild haben, mit denen braucht man auch nicht mehr zu diskutieren. Jemand, der QAnon-Verschwörer ist, mit dem muss man nicht mehr reden, weil er sich nicht auf deine Quellen einlassen wird und sich selbst auf wirre Wahnsinnswelten beruft, auf die ich mich auch nicht einlassen kann. Das einzige was da hilft ist ausgrenzen und die Leute zurück in ihre Löcher jagen, wo sie hingehören. Der Moment, den ich ansprach, wo diese Leute dann den Kopf einziehen und einmal die Fresse halten, den halte ich für einen Erfolg.
Antisemitismus ist keine Kritik, sondern nichts anderes als Wahn. Bei Leuten, die von der Corona-Pandemie wirklich betroffen sind zum Beispiel pleitegehen, da müsste man mit einer guten Kritik ansetzen. Die Antwort auf schlechte Kritik, die zum Beispiel mit „Merkel muss weg, dann geht’s mir besser“ personifiziert, bringt nichts. Wir brauchen Kritik, die sich auf die materiellen Verhältnisse bezieht.
Ich glaube nicht, dass ich ein großes Risiko eingehe, wenn man das vergleicht. Ich befinde mich in einer recht dekadenten Position. Ein großes Risiko gehst du ein, wenn du Jude bist und mit Kippa durch die Innenstadt läufst oder wenn du schwul bist und im Supermarkt des Hinterlands mit deinem Freund Händchen hältst. Das sind Leute, die sich ihre Gefährdung gar nicht aussuchen können und einer größeren Gefahr ausgesetzt sind als ich, der im ZDF ein Lied auf einem Klavier spielt. Ich will auch nicht herunterspielen, dass es eine Gefahr ist, mich mit Neonazis anzulegen. Wir alle wissen, was die mit ihren politischen Gegnern machen und machen würden, wenn sie könnten. Von diesen Leuten geht eine Gefahr aus, aber gerade in der Solidarität mit all jenen, die sich nicht aussuchen können in eine solche Zielscheibe zu geraten, fände ich es ein Unding, aus Angst solche Lieder nicht zu schreiben und solche Auftritte nicht mehr zu machen.
Ich war wohl realistisch genug zu sagen, dass das nichts wird (lacht). Ich bin überhaupt kein Optimist.
Es wächst zusammen, was schon immer zusammengehörte, aber das löst Sorgen in mir aus. Wenn man es genau nimmt, hatten wir dadurch im letzten Jahr die größten Neonaziaufmärsche, die es in Deutschland seit 1945 gab. Auch wenn viele von diesen Yogamatten mitschleifenden Klangschalenhippies, die zusammen mit den Nazis demonstriert haben, sich selbst nicht als Neonazis bezeichnen würden, ist der Grundtenor der Proteste rechts bis rechtsradikal und zumindest antisemitisch. Am Ende dieser wahnsinnigen Fantasien steht immer der Vernichtungswunsch gegenüber den Juden. Das halte ich für äußerst bedenklich und äußerst gefährlich.
Es geht hier gar nicht mehr um die Selbstbezeichnungen. Auch Leute, die sich für links oder mittig halten und dort mitlaufen, sind bei einem rechten bis rechtsradikalen Grundtenor dabei. Der, der mitdemonstriert, macht rechte und rechtsradikale Politik. Wie sich derjenige selbst definiert ist mir egal. Man muss ihn danach bewerten, was er da gerade tut.
Es ist schon schade, aber der Verlust von Wörtern oder die Umdeutung von Begriffen ist mir nicht so wichtig, wie die Veränderung der Gesellschaft. Ich halte es für postmodern verwirrt, dass man über die Sprache ganze Gesellschaften ändern könnte. Jetzt hat sich eben ein Begriff umgedeutet, dann erfinde ich für die Zukunft einfach einen neuen. Ich hatte sogar bestimmt vor zehn Jahren mit querdenken etwas Progressives assoziiert, aber jetzt ist das halt einfach nicht mehr so.
Die Extremismustheorien halte ich für einen absoluten Scheiß. Das endet immer in einer Hufeisentheorie, als gäbe es nur zwei Extreme, die diametral zueinander verlaufen und gesund wäre nur die Mitte. Damit wird man aber weder dem einen, noch dem anderen Phänomen gerecht. Ich halte mich nicht für linksextrem, sondern für linksradikal. Ich möchte die gesellschaftlichen Probleme nicht an ihren Symptomen, sondern an ihren Wurzeln bekämpfen und ich möchte eine radikale gesellschaftliche Veränderung. Ein konkretes Beispiel: ich halte wenig davon, sich an den Bahnhof zu stellen und klatschen, wenn der Zug mit den Flüchtlingen ankommt. Was ich fordere, sind sichere Fluchtrouten und eine Welt, in der niemand mehr den Grund hat zu flüchten. Egal, ob wegen Krieg, Hunger, Armut oder irgendeiner Form von Ausbeutung. Das sind meine politischen Ziele und deshalb würde ich mich eher als linksradikal bezeichnen.
Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch zwischen Linksradikalismus und Humanismus. Ganz im Gegenteil.
Da kommen toughe Zeiten auf uns zu. Ich bin selbst gespannt, denn auf die Pandemie folgt eine große Rezession und das Wohnungsknappheitsproblem wird auch extremer. Was der Klimawandel mit sich bringen wird steht in den Sternen, aber ich habe nicht die besten Prognosen. Auch da muss man überall radikale gesellschaftliche Veränderungen so schnell wie möglich herbeiführen. Ökonomische Begründungen dürfen in Zukunft nicht mehr wiegen als ökologische. Das ist aus der jetzigen Perspektive eine möglicherweise radikale Forderung, aber in wenigen Jahren wird das Realpolitik. Das wird schneller kommen, als dem einen oder anderen Kohlkraftwerkbetreiber lieb ist.
Vielleicht ist das auch nur die Bubble, in der wir uns bewegen. Auf Twitter sind progressive Stimmen doch lauter als in der Dorfdisco. Wenn du aus Wien rausfährst und an der Tankstelle im Dorf mit den Leuten über ihre Vorstellungen von der Welt diskutierst, wirst du wahrscheinlich andere Erkenntnisse gewinnen. Ich glaube, die meisten sind einfach neoliberale Spinner.
Die Schieflage ist da, ja. Zu den innen- und sicherheitspolitischen Phänomenen in Österreich kann ich nicht viel sagen, auf meinem Album spreche ich aber eher die immer wieder enttäuschende Verbindung von Sicherheitsapparaten und der Polizei und der militanten Neonaziszene an. Das macht mir totales Unbehagen und die Polizei lässt das auch nicht vertrauenswürdig sein. Das beginnt beim Verfassungsschutz, der die rechtsterroristische Gruppe der NSU in Deutschland mitaufgebaut hat über die Daten von Nazigegner, die von Polizeicomputer aufgegriffen wurden bis hin zu dieser Gruppe um Hannibal, wo Leute vom Sondereinsatzkommando in militanten Neonazistrukturen involviert sind und auf den Tag X warten, um ihren politischen Gegner abzuknallen. Das ist extrem beunruhigend. Mir fiel aber auch auf, wie die Polizei in Berlin agiert, wenn man die Liebigstraße räumt. Plötzlich können sie ja doch mal draufhauen. Es gibt aber wenig Interesse, sogenannte Covidioten-Demonstrationen zu unterbinden, obwohl von denen viel mehr Gefahr ausgeht. Hygienekonzepte hatten die jedenfalls keine (lacht).
Es ist schon ein strukturelles Problem, das die gesamte Polizei als Institution betrifft. Es gibt da drin bestimmt auch Einzelpersonen, die das Problem erkennen und dagegen vorgehen wollen und mit mir einer Meinung sein werden. Ich bin mir aber sicher, dass man hier nicht von einzelnen Punkten ausgehen kann, sondern von strukturellen Problemen. In Deutschland hätte es Untersuchungen zur Höhe des Rassismusproblems in der Polizei geben können, die wurden aber wieder verhindert. Die Polizei wehrte sich mit allen Mitteln dagegen. Man sollte die Untersuchung einfach durchführen, aber solange sie das selbst unterbindet, kann man davon ausgehen, dass dieses strukturelle Problem nicht nur da ist, sondern wahrscheinlich noch größer ist, als die Polizei es wahrhaben will.
Ich schreibe immer einfach so los und habe selten Konzepte. Wenn das Lied fertig ist, lasse ich es vielleicht mal eine Woche liegen und überlege mir, ob ich es so der Öffentlichkeit zeigen möchte. Eigentlich bin ich niemand, der konzeptionell arbeiten kann. Noch nicht einmal, wenn ich wollte. Am Ende komme ich immer woanders raus.
Richtige Liebeslieder, wie ich sie als Danger Dan veröffentliche, kann man zu dritt eher schwierig schreiben. Sowas kann zumindest ich nur alleine machen. Formell haben wir uns nie eine Grenze gesetzt. Weder ich mir als Solokünstler, noch wir als Antilopen Gang. Wir probieren aus, worauf wir Lust haben. Ob das dann auch geil wird, ist eine andere Geschichte.
Vielleicht ist das einfach nur der traurige Moment, wo ich und meine Musik sich im Marsch durch die Institutionen komplett glattschleifen. Wenn auch etwas Schreckliches, wie eben Rechtsterrorismus, plötzlich konsumierbar wird. Ob das alles gut ist oder nicht, oder ob am Ende die Revolution ihre Kinder frisst, das wissen wir erst mit ein paar Jahren Abstand.
Natürlich. Ich wollte nie Musik machen, die allen gefällt und höre auch keine Musik, die allen gefällt. Mir ist es wichtiger, dass bestimmte Leute mich und meine Musik nicht mögen. Würde ich von den angesprochenen Personen im Lied „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ Applaus kriegen, dann hätte ich etwas grundfalsch gemacht. Deshalb ist mir das sehr wichtig, dass meine Musik bestimmten Leuten nicht gefällt. Ich habe kein Zielpublikum, aber ich habe ganz klar ein Publikum, das ich ausschließen möchte.
Danger Dan gastiert am 22. Oktober im Volkstheater. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Mit der Antilopen Gang spielt er im September in Wels, im Februar in Wien und im April in Linz und Graz. Tickets sind bei oeticket.com erhältlich.