Das Video zeigt es: Am Eingang zum "Rehearsal Bunker zu Abtenau" - eine abgeschieden-malerische Gemeinde im Tennengau, bekannt auch für ein
Sonnwendfeuer der etwas anderen Art - prangt das warnende Schild: "Insane Asylum Entrance", aus dem es merklich kein Entrinnen gibt - das Leben ist nur eine unfreiwillige Verschnaufpause vor der Ewigkeit, die vom "Totenritual" eingeläutet wird. „Jene Hölle“, so Petrus Lombardus, einer der einflussreichsten Scholastiker des 12. Jahrhunderts, „die Feuer- und Schwefelsumpf genannt ist, wird ein körperliches Feuer sein und die Körper der Verdammten, sei es der Menschen oder der Dämonen, martern.“ Das älteste erhaltene christliche Schriftstück, das eine ausgeprägte Schilderung von der zukünftigen Hölle und ihren Qualen enthält, ist die apokryphe Offenbarung des Petrus. Mit gutem Gewissen darf sie mit ihren ausführlichen Bildern – erstmals wird hier das Heil der wenigen Gerechten und die maßgeschneiderten Strafen der Bösen vorgeführt – als Grundlage für das theologische Höllenbild im Mittelalter und nicht zuletzt auch als die Vorlage zu Dantes "Divina Commedia" gesehen werden. Auch wenn vorher bereits Jenseitsschilderungen existiert haben
, so finden wir bei Petrus nicht nur deutliche Einprägungen aus orphisch-pythagoräischen Mysterien und über das Medium jüdischer Apokalyptik
ebenso aus dem Orient, sondern auch erstmals detaillierte Schilderungen der Qualen im Feuersee sowie – minder ausführlich – auch himmlischer Freuden, welche nicht zuletzt bei Dante populär gemacht wurden, aber auch beispielsweise in den "Sibyllinen" und der "Paulusapokalypse" weiterlebten.
Ein toter Exkurs
Der Text selbst setzt mit der Endzeitrede Jesu am Ölberg ein, wie sie auch in den Evangelien vorliegt
: Christus ist umringt von den Seinigen, die ihn bitten, die Zeichen von seiner Wiederkunft und des Weltendes zu offenbaren. Er warnt seine Jünger vor falschen Erlösern und weist sie in die Zeichen der Parusie ein, bevor er zum Feigenbaumgleichnis
– welches im griechischen Fragment nicht vorhanden ist – überleitet. Anschließend folgt in einer Vision, einem „Gesicht“, das ausschließlich Petrus
erfährt/sieht, der prägende Teil der Apokalypse: Jesus schildert das Ende der Tage, wenn sich alle Menschen vor Gott zu verantworten haben. Aber nicht nur die Menschheit und die Erde, auch der Himmel wird bei Petrus gerichtet werden
. Alles unterm Himmel wird zu Feuer und die Dunkelheit umhüllt alles Sein, um das Zorngericht zu vollenden. Die Menschen werden vor dem Angesicht Gottes, Jesu und der himmlischen Heerscharen weinend
und zähneklappernd
ins/durchs Feuer schreiten, sodass sie Angesicht zu Angesicht mit ihren Werken stehen und danach gerichtet werden. Den Auserwählten wird der Weg ins Himmelreich gewährt, den Sündern gebührt ewige Verdammnis, ein exakt auf sie zugeschnittenes Sündenprogramm, das im Vergleich zur darauf folgenden kargen Himmelsschilderung – man mag beinahe sagen, als Gegenspiel zur Himmelszentrierung der "Johannes Apokalypse" – en détail ausgeschlachtet, ja zelebriert wird. Ähnlich wie auch schon in der "Odyssee" befinden wir uns fortan in der Unterwelt, also im dunklen Erdinneren im starken Kontrast zum Lichtglanz des Landes der Seeligen – und wie es bei Dante
heißt: „Lasciate ogne speranza voi ch’entrate“.
Am ersten Höllenort, so heißt es beispielsweise, befinden sich Sünder an ihrer Zunge aufgehängt (den Schritt zur "Visio Pauli" nehmend, vermutlich an Bäumen) – das sind jene, welche den Weg der Gerechtigkeit gelästert haben. Unter ihnen brennen Feuer und peinigen sie ohne Unterlass. Diese Art der Strafe ist zwar durchaus als drastisch zu werten, entspricht aber dem ius talionis
– Sünder werden an dem Glied bestraft, mit dem sie gesündigt haben, ein Bild, das sich durch die meisten darauffolgenden Versionen der Höllendarstellungen zieht. Eine Dublette hierzu findet man am siebten Höllenort, wenn sich lästernde Männer und Frauen die Lippen zerbeißen und ihnen feuriges Eisen über das Gesicht gegossen wird – wie auch bei Johannes bereits geschrieben steht: „Vnd der vierde Engel gos aus seine Schale in die Sonne / vnd ward jm gegeben / den Menschen heis zu machen mit fewr“
sowie: „vnd sie zu bissen jre zungen fur jrem schmertzen“
.
Auch contrapasso-Strafmotive finden sich bei Petrus
, wenn am vierten Höllenort Mörder und ihre Mittäter in einem engen Raum zusammengepfercht werden, der voll von bösem Gewürm ist. Ezrael bringt die Seelen der Ermordeten herbei und sie sprechen zueinander: „Recht und Gerechtigkeit ist das Gericht des Herren“
. Die Genugtuung, die jene, die gelitten haben, über die „aufs Verbrechen zugeschnittene“ Strafe derjenigen empfinden, die sie haben leiden machen, gehört dazu, die Hölle zu einem Ort der Nemesis, also der Wiedergutmachung, zu gestalten.
Orphisch-platonische Elemente finden wir beispielsweise an all jenen Höllenorten, die auf einen kochenden See verweisen, wieder. Jene topographische Vorstellung geht wohl auf die Überlieferung vom Acherusischen See in der griechischen Unterwelt zurück, die in zahlreichen Jenseitsbildern des christlichen Mittelalters auf Blut- und Eitersümpfe, Pechteiche und Eismatsch sowie Kotgruben ausgeweitet wurde. Aber auch jene, die ihren Eltern nicht gehorchten und die Alten nicht ehrten, lassen an die griechische Götter- und Sagenwelt denken, wenn sie in höllischer Einöde an Stein gekettet Opfer von Angriffen wilder Vögel werden. Prometheus, der an den Felsen des Kaukasus gefesselt Ethon ausgesetzt war und erst durch Herakles erlöst wurde, mag hier ähnlich Pate gestanden haben, wie Sisyphos bei all jenen, die „einst einen Fehltritt begangen haben“ und nun immer wieder aufs Neue einen Abhang hinab „in den Schrecken“ gestoßen werden, bevor sie selbigen zur Strafwiederholung unter dämonischem Piesacken erklimmen müssen.
Plastisch wird Petrus in Momenten, wenn er von Kindsmörderinnen schreibt, denen die Milch aus ihren Brüsten fließt und dabei gerinnt, während sie aus ihren Leibern fleischfressende Würmchen gebären. Wegbereitend war auch der Zug Petri, an „einem dritten Ort“ ehebrüchige Frauen nebst ihren Buhlen, die mit ihnen gesündigt haben, zu bestrafen. Während die Huren an ihren Haaren – ihrem Schmuck also
– aufgehängt in kochenden Schlamm getaucht werden, werden die Männer an ihren Beinen (als Sinnbild zum Phallus?) ebenfalls in selbigen getaucht. Die Vorstellung, dass beide Sündenpartner gemeinsam nicht nur Lust, sondern auch Leid zu teilen haben, finden wir 824 auch in der "Visio Wettini" von Walahfrid von der Reichenau, genannt Strabo, wieder, wenn unzüchtige Priester an einem feurigen Strom gepeinigt werden und die Weiber, mit denen sie sich vergangen haben, mit ihnen
.
Das Totenritual
Gemeinsam tönt von allen Orten her ein „Herr, erbarme dich unser!“ – doch der Engel Tartaruchos straft sie mit noch größerer Qual und versagt ihn jede Möglichkeit auf Reue und Erlösung, sodass auch sie erkennen, dass sie auf gerechte Weise durch Gottes Hand gemessen an ihren Strafen gerichtet werden: So wie sich die "Offenbarung Petri" geradezu gefällt im einschüchternden Ausmalen schäuerlicher Gräuel, gefallen sich auch Belphegor mit ihrem "Totenritual" in einem Eintauchen in einen manisch rasenden Streifzug über Gebein, Fleisch und Sehnen, hindurch das gequälte Geschrei der Verdammten.