Aus künstlerischer Perspektive gesehen ist der Eurovision Song Contest bereits seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten am absoluten Tiefpunkt des Musikschaffens angekommen, er ist ein verkitschtes, aufgesetztes, seelenloses, immergleiches Politikum, bei dem musikalisch weder spannende, und durchaus vorhandene Eigenarten einzelner europäischer Länder (und sei es nur sprachlich) herausgearbeitet werden, noch die Künstler für sich stehend besonderen Reiz versprühen. Die Musik, die präsentiert wird, ist immergleich entweder öde, Gefühle vortäuschender, banaler Schlager oder ein zwanghafter epileptischer Anfall – kurz: zielgerichtet an dem vorbei, was man als moderne, aufregende oder gar wegweisende Musik bezeichnen könnte.
Und dann überrascht der 65. Songcontest plötzlich mit dem Gewinner: Måneskin konnten sich schließlich mit „Zitti e Buoni“ („Leise und brav“) durchsetzen. Bereits im Vorfeld wurde das römische Quartett honoriert und mit dem Eurostory Best Lyric Award ausgezeichnet. Im Text geht es darum, sich Konventionen und Erwartungen nicht zu beugen, sondern bedingungslos ausgeflippt, verrückt und anders als der Rest zu sein – etwas, das die Band nicht nur besingt, sondern tatsächlich auch lebt, ohne sich dabei in italienischen Klischees zu suhlen. Die Lyrik-Preis-Jury befand, der Text von „Zitti e Buoni“ sei unverfroren und wachrüttelnd, wie ein Aufschrei von Außenseitern der Gesellschaft. Für Italien ist dies der erste Sieg seit über 30 Jahren, zuletzt hatte Toto Cutugno 1990 mit „Insieme“ gewonnen. Dass Måneskin mehr können, als verstaubte Wettbewerbe für sich zu entscheiden (und mit viel nackter, ansehnlicher Haut von sich reden zu machen) zeigten sie hierzulande bereits am diesjährigen Nova Rock Encore, wo deutlich wurde, dass trotz der frühen Spielzeit (man erinnere sich an Billie Eilish am FM4 Frequency zurück) eine überwiegende Mehrheit wegen Damiano, Victoria, Ethan und Thomas angereist waren. Nicht umsonst war ihre hierauf angekündigte Europa-Tour, die am 18. Februar auch in der Wiener Stadthalle D gastiert, binnen weniger Minuten ausverkauft.
Aber auch abseits von der Pole war der diesjährige ESC nicht komplett für den Gulli, überzeugen konnten etwa wie so oft auch Island mit einem schrägen Liebeslied der Nerd-Truppe Daði og Gagnamagnið oder auch die beiden französischsprachigen Beiträge an der Spitze, „Tout l’Univers“ von Gjon’s Tears und „Voilà“ von Barbara Pravi. Hier wird wieder deutlich: Das selbstbewusste Sprachengewirr, das früher beim ESC verpflichtend war, steht für den Versuch, sich von der austauschbaren Massenware, die allein auf knallige Inszenierung setzt, abzuheben. Gesungen wurde dieses Jahr neben Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch auch auf Albanisch und Aserbaidschanisch, Dänisch und Hebräisch, Serbisch und Kroatisch, Russisch, Ukrainisch und Tschechisch. Der Niederländer Jeangu Macrooy streute sogar einige Zeilen Sarantongo in sein Lied „Birth Of A New Age“ ein, einer in Surinam gesprochenen Kreolsprache.
Warum ist das so wichtig? Musik verwandelt die Art und Weise, wie eine Sprache betrachtet wird, in ein lebendiges, atmendes Mittel der Kommunikation und des Schaffens. Wenn ich Lieder in mir unverständlichen Sprachen höre, bekomme ich ein Gefühl für die Völker, für ihre Gefühle und Erfahrungen. In der EU gibt es offiziell nur 24 „offizielle“ Sprachen, gesprochen werden aber tatsächlich über 200. Wir dürfen, ähnlich wie in der Genderdiskussion, nicht den Fehler machen, alles glattbügeln und gleich machen zu wollen: In meinen Ohren verbindet Europa in erster Linie auch die mannigfaltige Einzigartigkeit, die sich in Sprache, Traditionen und der Kultur ausdrückt. Zelebrieren wir Europa doch in seiner Vielfältigkeit, etwa am Europavox im WUK: Hier wird meisterlich gezeigt, wie reich und divers Europa sein kann.
Das Europavox Festival - das tatsächliche bono vox - kehrt nämlich am 26. und 27. November zum fünften Mal ins WUK zurück und erweitert erneut unseren europäischen musikalischen Horizont: Der erste Tag wird eröffnet von Yegor Zabelov, einem der originellsten Akkordeonspieler in Osteuropa. Hierauf folgt Koikoi, ein frischer Name aus der pulsierenden und sich ständig weiterentwickelnden Musikszene Belgrads, die sich mit ihrem Indie-Alternative zum Ziel gesetzt haben, die Lücke zwischen der Intimität des Undergrounds und dem Mainstream-Glamour zu schließen. Beschlossen wird der Abend von Takeshi’s Chashew, eine neu gegründete Psych-Funk-Gruppe, die die Grenzen von Clubkultur, Weltmusik und 70er Psychedelia auslotet. Der zweite Tag bringt uns eröffnend YellowStraps, Belgiens Neo-Soul-Wunderkind. Hierauf folgt Lydmor – berühmt und sogar berüchtigt dafür, dass sie immer einen magischen Cocktail aus herausfordernden visuellen Shows liefert und diese mit ihrem faszinierenden konzeptionellen Elektropop kombiniert. Anschließend kommt Österreich mit Sharktank zum Zug, gefolgt vom Abschluss des Festivals: Villagers verführt in geradezu hypnotischer Weise zum Eskapismus.
Um Europa und seine Musik gebührend zu feiern, haben wir Hannes Cistota, seines Zeichens Musik-Leiter des WUK und Projektpartner des Europavox gebeten, für uns auch über sein Festival hinaus musikalisch durch Europa zu reisen und uns die Schönheit und Diversität des Subkontinents näher zu bringen.
Tickets für beide Tage des Europavox-Festivals im WUK sind bei oeticket erhältlich.