I Loved You At Your Darkest
In eine ähnliche Kerbe schlägt auf den ersten Blick auch das letzten Freitag erschienene 11. Studioalbum „I Loved You At Your Darkest“. „Noch blasphemischer ist fast unmöglich“, legt Darski sein Label Nuclear Blast im Pressetext in den Mund und lässt ihn den
prima facie auf gut Österreichisch
bochn wirkenden Titel erklären: „Das ist ein Vers aus der Bibel. Tatsächlich hat das Jesus persönlich gesagt. Dass wir von Behemoth es also als Grundlage für unser Album nutzen ist ein Sakrileg ohnegleichen.“
In der Theorie ganz nett. Und tatsächlich finden sich auch bei einer oberflächlichen Recherche im Internet Spruchgrafiken mit diesem Schriftzug und einem Verweis auf den Römerbrief 5,8. Nun schätze ich Darski nicht als Menschen ein, der sich bei einem Internetversandhandel erquickende Wandsprüche bestellt, zudem er als studierter Historiker und ausgebildeter Museumskurator eigentlich tiefer schürfen können müsste, denn: Es ist Humbug.
In RÖM 5,8 heißt es in der Lutherbibel, im deutschsprachigen Raum immerhin Referenzprodukt: „Darumb preiset / Gott seine Liebe gegen vns / das Christus fur vns gestorben ist / da wir noch Sünder waren.“ Und auch in der des anglikanischen Sprachraumes, der King James Version, heißt es bei Romans 5,8: „But God commendeth his love toward us, in that, while we were yet sinners, Christ died for us.“
Bibelkundige werden wissen: Der Brief an die Römer ist ein Buch des Neuen Testaments, das von Apostel Paulus in Korinth verfasst wurde. Unumstritten. Der Brief entstand irgendwann 55 n. Chr. und war an eine Christengemeinde in Rom adressiert. Das Christentum hatte in Rom zunächst unter den vielen Diaspora-Juden und in jüdischen Synagogengemeinden, denen sich auch Proselyten und gottesfürchtige Nichtjuden anschlossen, Anhänger gefunden. Doch zur Zeit des Römerbriefs waren Christen in den Synagogen schon nicht mehr geduldet. Diesbezügliche Auseinandersetzungen scheinen zu einer Ausweisung der Juden aus Rom unter Kaiser Claudius geführt zu haben. Der Gemeinde, an die Paulus schrieb, gehörten sowohl Juden-, als auch Heidenchristen an, eine Vielzahl von ihnen Frauen und
peregrini, also Freigelassene oder Sklaven und keine römischen Bürger.
Im Gegensatz zu den Adressaten seiner anderen Briefe hatte Paulus die römische Gemeinde nicht gegründet und kannte sie bis auf einzelne Mitglieder auch nicht. Da er beabsichtigte, auf einer weiteren Missionsreise, die den westlichen Mittelmeerraum zum Ziel hatte, auch Rom zu besuchen, diente der Brief der Vorbereitung dieses Besuchs. Auf spezielle Probleme der Gemeinde ging er weniger ein, als es in den anderen Briefen der Fall ist. Stattdessen stellte er seine Theologie ausführlich dar. Darunter auch die „Hoffnung der Gerechtfertigten“ (RÖM 5), die sich durchaus korrekt mit dem vermeintlichen Jesus-Zitat zusammenfassen lassen könnte. Nur: Es ist eben kein Zitat von Jesus höchstpersönlich, sondern eben von Paulus – ja, nicht einmal ein Zitat, lediglich ein Précis. Ja, selbst in einer ähnlichen Stelle, des 2. Briefes an die Korinther, kommt nicht Jesus selbst, sondern Paulus zu Wort, wenn er sagt: „Ich aber will sehr gern alles aufwenden und mich für euch aufreiben. Wenn ich euch so sehr liebe, soll ich deswegen weniger Liebe empfangen.“ (2 KOR 12,15)
Mehr noch: In beiden Briefen sind die Adressaten eine explizite Zielgruppe, Christen in Rom und die Korinther – keineswegs die ganze Menschheit selbst. Da in beiden Briefen mit dem verwendeten Pronomen stets der Verfasser Paulus miteinbezogen wird, sehen dies einige Theologen oder auch Gläubige freilich anders, unterm Strich bleibt aber ein initiativer Fehler: Jesus ist nicht der Titelgeber von „I Loved You At Your Darkest“, so wohlfeil es auch gewesen wäre: Diese Worte wurden ihm von Nergal (oder dem Pressetexter aus dem Hause Nuclear Blast) in den Mund gelegt.
Solve et Coagula
Das lateinische Wortpaar, das in der Übersetzung für „Löse und verbinde“ steht, ist neben der Klammerstellung als Intro und Outro der Platte primär auch eine alchemistische Schlüsselformel und beschreibt den Prozess des Analysierens einer Gegenständlichkeit, ihr Auflösen und das Zusammenfügen zu einer Vervollkommnung. Es ist weit hergeholt, aber vielleicht findet sich dieses Prinzip gewollt oder ungewollt im inhaltlich etwas pubertär wirkenden „God = Dog“, der ersten Single, exerziert, wenn der (nicht existente) Gott zu einem (existenten) Lebewesen stilisiert wird und so Gott eine neue Identität geschaffen wird, mit dem Sohn Gottes nicht als Heilsbringer sondern als Hundebaby – und nachdem Hunden zu ihrem Herrchen unabdingbare Treue nachgesagt wird, vermag vielleicht sogar das Summarium des Plattentitels zum Grundprinzip des eigenen Tuns und Handelns und demnach folgerichtig zum Zitat Jesu werden. Auch eine Form der Blasphemie.
Auch wenn nach dem formidablen "The Satanist" Luzifer hier auffällig verdeckt im Hintergrund bleibt: begrifflich und sinnbildlich im musikalischen Inferno -, so ist es - dem Titelschnitzer zum Trotz - Nergal gelungen, ein durchaus besessenes Tondokument vorzulegen, das mit im Spalier stehenden Posaunen als glaubensverneinender Triumphzug voranprescht. Obwohl im Vorfeld eine Stilkorrektur angekündigt wurde, sind - das macht das gleichsam mechanisch wie organische Album deutlich - die "Posterboys des Extrem-Genres" nach wie vor bewusst fernab eines Pop(e)ulismus á la Ghost: Die Dynamik ist über die volle Länge sensationell, und gerade das Spiel von Schlagzeuger Inferno trägt viel zur brodelnd-schwelenden Finsternis bei, die auf "I Loved You At Your Darkest" unheilschwanger um jedes noch so hektisch geschlagene Eck lugt, während Nergal mit einer Vielzahl an düsteren Distortion-Arpeggios einen säuberlichen, gotischen Klangteppich als neues Taufkleid Jesu häkelt. Ja, Behemoth experimentieren mehr als am Vorgänger, und nein, dessen außerordentlichen Status haben sie nicht toppen können: Dafür wirkt der Marsch zu effekthascherisch. Aber um Effekthascherei geht es letztlich in der Kirche ja auch. Warum also nicht auch in der Hölle?
Behemoth spielen mit At The Gates und Wolves In The Throne Room am 13. Jänner in der Wiener Arena. Tickets gibt es bei oeticket.com.