So sexy und erotisch hat man die 48jährige Norwegerin noch nie gehört, die elf Songs auf „Things You Leave Behind“ sind beinahe allesamt akustischer Sex. Einen Track könnte man sogar mit dem Label „18+“ versehen. Das neue Album spiegelt die zahlreichen Veränderungen im Leben der grandiosen Sängerin wider: Der Umzug von New York ins heimatliche Norwegen, Todesfälle, neue Liebe und schließlich auch die Geburt ihres Sohnes. Zudem ist „Things You Leave Behind“ der beste Überbrückungssoundtrack bis zu den Bakken-Gigs im April. !ticket traf Rebekka Bakken bei einem Kurzaufenthalt in Wien.
Das neue Album klingt wie Sex nach Noten, es ist erotisch, beinahe verrucht. War das der Plan?
Rebekka Bakken: Mit dem Alter kommt die Sinnlichkeit, die kommt von Innen und nicht vom Zustand der Haut.
Aber ist es ein sehr sexuelles Album?
Rebekka Bakken: Diesen Begriff möchte ich nicht verwenden, denn dafür müsste ich meine Arbeit von außen betrachten. Da müssten wir darüber sprechen, was für dich sexy bedeutet. Für mich ist jedes lebendige Ding sexy. Vor Energie zu strotzen ist für mich sinnlich und sexuell. Aber es ist nicht das Sexy eines nackten Körpers gemeint. Wenn du das aber so siehst ist das völlig ok. Ich bin auf das Album auf jeden Fall sehr stolz.
In den vergangen Jahren hat sich dein Leben dramatisch verändert, du bist von New York zurück nach Norwegen gezogen, hast einen neuen Mann und ein Kind. Was davon hat dein Leben am meisten beeinflusst?
Rebekka Bakken: Dass ich jetzt nicht mehr Single bin. Früher konnte ich nur auf mich selbst hören und machen, was ich will. Das ist zwar heute auch noch so, aber ich muss schon mal in der Früh aufstehen und die Kinder versorgen, wenn mein Mann nicht zu Hause ist. Heute kann ich nicht mehr ganz so frei über meine Zeit entscheiden, ich habe jetzt eine große Familie. Ich habe jetzt drei Kinder, zwei davon sind meine Stiefkinder und meinen vierjährigen Sohn. Und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich wieder nach Norwegen zurückgehe. Das war eine große Veränderung, die Rückkehr zu meinen Wurzeln. Zudem ist mein Booking Agent gestorben, er war so etwas wie mein Rückgrat. Als Künstler kannst du zu so jemandem immer gehen, wenn du am Boden liegst und zweifelst, ob du je wieder ein Album machen wirst. Er war immer für mich da und auf einmal war er weg. Erst da habe ich erkannt, wie wichtig er wirklich für mich war.
Ist es nicht besser für ein Kind in Norwegen aufzuwachsen als in New York City?
Rebekka Bakken: New York ist großartig für Kids, fantastisch. Es gibt eine Menge Spielplätze, viele Inputs für Kinder. Ich bin selbst in Norwegen aufgewachsen und bin durch die Welt gezogen. Ich hatte zwar kein Geld, habe mich aber niemals arm gefühlt, denn das gibt es in meiner DNA nicht. In Norwegen lernen wir, dass wir nicht auf andere herabschauen. Es gibt keinen Geschlechterkampf. Es ist ein sehr gut funktionierendes Land, in dem jeder gleich viel wert ist. In Österreich muss ich da dann zu jemandem Herr Doktor Professor sagen. Auch das gibt es bei uns nicht.
Würdest du sagen, dass du künstlerisch immer mehr wagst je älter du wirst?
Rebekka Bakken: Ja, auf jeden Fall. Meine Fans haben mich immer bei allem unterstützt, sie haben meine Musik immer gemocht, solange sie aus meinem Inneren kommt. Das gab mir Rückhalt und Selbstvertrauen, das half mir auf dem Weg. Aber natürlich ist das ein gewagtes Album nach dem Motto „I don’t give a fuck anymore“. Und ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, mich darum zu scheren. Ich war immer auf mich alleine gestellt, musste in mich hineinhören, was da so vorgeht und was meine Version von Wahrheit ist. Das einzige was ich habe, bin ich - und nur das kann ich als Künstler auch zeigen.
Der Titelsong „Things You Leave Behind“ klingt etwas nach einer sehr verzweifelten Frau ...
Rebekka Bakken: Es
ist eine verzweifelte Frau! Der Song entstand, als ich vor einigen Jahren wieder für einige Monate nach New York gezogen bin und auf einmal vieles anders war. Was, zum Teufel, passiert mit dieser Welt? Wird sie impotent? Da gab es keine Leidenschaft mehr, keine Tiefe. Männer trinken auf der Straße kein Bier mehr, sondern fuckin‘ grünen Tee. Keiner traut sich mehr etwas.
Naja, die #MeToo-Bewegung hat vor lauter Political Correctness Männer ja entmannt. Bald landest du bei jedem Flirt-Versuch vor dem Richter.
Rebekka Bakken: Naja, dann solltest du mal nach deinen Eiern schauen. Echte Männlichkeit kann doch durch #MeToo nicht gefährdet werden. Es kommt eigentlich ja immer nur auf die Intention an. Dieser Song ist aus der Verzweiflung heraus entstanden. Wo ist die Leidenschaft geblieben? Ich habe eine Lupe genommen und über all diese Dinge geschrieben, die ich normalerweise nicht angreifen würde.
Das heißt, du magst keine femininen Männer?
Rebekka Bakken: Es ist für mich nichts anziehender als ein Mann, der in sich ruht, der seine feminine Seite annimmt genauso wie die maskuline. Das geht Hand in Hand. Ein Mann, der weiß was er will, ist für mich attraktiv.