Bild: oeticket / Stefan Kuback
Pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum von ihrem bahnbrechenden "Firestarter" kommen The Prodigy am 24. November in die Wiener Stadthalle. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Vielleicht haben sie dann auch schon neue Musik mit im Gepäck?
1996, also vor 30 Jahren, ist in der Welt der Musik viel Denkwürdiges passiert: Madonna erhielt Morddrohungen von argentinischen Peronisten, deren Verärgerung sich gegen ihre Titelrolle der Eva Perón in “Evita” richtete, Take That lösten sich an Robbie Williams' 22. Geburtstag auf, dafür gaben die Sex Pistols ihre Reunion bekannt. Phil Collins verließ nach 25 Jahren Genesis, Slash nach Streitigkeiten mit Axl Guns N'Roses - und Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan wäre fast gestorben, weil er sich vor einem Konzert einen Speedball injizierte. Mit “Wannabe” erschien die Debüt-Single der Spice Girls, dafür startete Michael Jackson in Prag seine letzte Welttournee, die legendäre “HIStory”-Tour. Die Charts waren dominiert von “Killing Me Softly” von The Fugees, “Lemon Tree” von Fools Garden (Ohrwurm!) und auch von Metallicas “Until It Sleeps”, der ersten Single von ihrem Album “Load”, das viele alte Fans haareraufen ließ.
Aber überhaupt war 1996 nicht nur für Popfans, sondern auch für die von Rock und Metal allen Widrigkeiten zum Trotz ein ziemlich geiles Jahr - zumindest für jene, die nicht allzu engstirnig waren: Nicht nur “Until It Sleeps” von Metallica dröhnte da brandneu aus den Lautsprechern, sondern auch von Sepultura “Roots Bloody Roots”, von Green Day “Stuck With Me” und von Marilyn Manson “Beautiful People”. Und da war da noch “Firestarter”, die erste Single von “The Fat Of The Land”, dem dritten Album der britischen Big-Beater The Prodigy.
Eigentlich - und strenggenommen - sind sich Rock/Metal und Elektronische Tanzmusik ja spinnefeind. Aber während sich die ersten beiden Alben von The Prodigy - “Experience” von 1992 und “Music For The Jilted Generation” von 1994 - noch stark an Acid House und Techno orientierten, ließen sie ab 1996 immer stärker Alternative- und Punk-Sounds in ihre Musik miteinfließen - “The Fat Of The Land” (1997) und im Speziellen die 1996 erschienene “Firestarter”-Single sind das eindrucksvollste Dokument dafür, wie aggressiv Rave auch klingen kann.
Bereits im Jahr zuvor ließen The Prodigy das legendäre “britische Nova Rock”, das Glastonbury Festival, explodieren - mit ihrem wilden Hybrid aus Rock und Punk, Hip-Hop und Dance bewiesen sie, dass sie das Potenzial hatten, die beiden völlig unterschiedlichen Szenen zusammenbringen. Und dann eben die “Firestarter”-Single, in dessen Video Neo-Sänger Keith Flint in einem U-Bahn-Tunnel in Aldwych (London) völlig ausrastet: Die Single schoss auf Platz eins und löste in Großbritannien sogar parlamentarische Debatten über den irokesentragenden Wahnsinnigen aus, der Brandstiftung zu propagieren schien. Trotz des Erfolgs von “Firestarter” und den ebenso provokanten Nachfolgesingles “Breathe” und “Smack My Bitch Up” gab es zwar weiterhin Widerstand aus besonders eingefleischten Teilen der Metal-Community, einige lehnten diese Emporkömmlinge vehement ab, die es wagten, Dance-Beats in “ihre” Musik einzuschleusen. Aber: The Prodigy konnten einfach von niemandem mehr ignoriert werden. Zumal Prodigy-Kopf Liam Howlett damals zu Protokoll gab: “Eigentlich komme ich aus dem Hip-Hop, und der ist so wie der Metal ziemlich laut und rau im Sound. Wenn du dir Public Enemy anhörst - das ist laut, chaotisch und ein echtes ‘Fuck You!’-Statement!" Und tatsächlich: Die einstigen Raver spielten in Folge auf jeder großen Rock-Bühne ihre “klassische” Kollegschaft an die Wand und peu a peu kapierte jeder, dass The Prodigy der Siedepunkt des Zeitgeists waren.
Zusätzlichen Schub bekam The Prodigy dann durch die nächste Kontroverse, diesmal rund um die Single “Smack My Bitch Up” und das Video voller Drogenexzesse und Nacktheit. Nach Protesten feministischer Gruppen wurde das Album in manchen Plattenläden aus dem Sortiment genommen – was es allerdings nicht daran hinderte, in über 20 Ländern auf Platz eins zu gehen. Bis heute ist nicht nur “Firestarter”, sondern auch “Smack My Bitch Up” die Live-Hymne für The Prodigy schlechthin - und steht rückblickend für einen Moment, in dem wirklich alle Barrieren der Genres gefallen sind. Von Biohazard über Sepultura bis hin zu Gene Simmons von Kiss (ja, wirklich) haben zahlreiche Acts Songs von “The Fat Of The Land” gecovert, und die damals im Rock noch ungewöhnlichen Big Beats sind heute fast schon Standard.
Erst vor wenigen Wochen, am 13. März, erschien zum 30. Jubiläum die Single von “Firestarter” neu: Zwar verstarb der Teufel Keith Flint bereits im März 2019 - man geht bis heute von einem Suizid oder einem Drogen-Unfall aus -, aber der Fiebertraum des “Firestarter” wirkt bis heute nach, hat auch nach drei Jahrzehnten nichts von seiner Kraft und Dynamik verloren.
Der knallige Beat wurde übrigens nicht programmiert, sondern ist hauptsächlich ein Loop aus dem etwas obskuren R&B-Song “Devotion (The Voice of Paradise Mix)” von Ten City, das Gitarren-Riff stammt aus dem Song “S.O.S.” von The Breeders. Zuletzt wurde noch das Vocal-Sample “Hey” von Art of Noise’ “Close (To the Edit)” hinzugefügt: Angeblich kam es speziell darüber zum Rechtsstreit, der aber offenbar doch noch geregelt wurde. Eigentlich wäre “Firestarter” ja als Instrumental geplant gewesen, aber Keith Flint - zuvor nur Tänzer bei The Prodigy - wollte unbedingt einen Gesang beisteuern. Dabei steigerte er sich dermaßen rein, dass er sich im Zuge der Videoaufnahmen mehrmals übergeben musste: “I'm the trouble starter, punkin' instigator, I'm the fear addicted, the danger illustrated …”
Glücklicherweise entscheiden sich Liam Howlett und Maxim Reality nach dem Tod von Keith Flint, The Prodigy weiterzuführen - in ihrer aktuellen Besetzung spielten sie zuletzt 2023 am Nova Rock Festival (wie auch schon 2018, 2014, 2010 und 2005) und vergangenes Jahr am Salzburger Snowbombing.
Nun kehren sie zum 30. Jubiläum von “Firestarter” in die Hauptstadt zurück - zuletzt zerstörten sie die Wiener Stadthalle am 13. November 2015 - etwas mehr als 11 Jahre später heißt es nun ebendort wieder: “I'm a firestarter, twisted firestarter” - und vielleicht gibt es dann nicht nur Songs aus ihrer bisherigen Discographie von “Experience” (1992) bis “No Tourists” (2018) zu hören, sondern bereits auch schon neues Material, denn an dem wird angeblich fieberhaft gearbeitet! “Keef ist immer noch bei uns”, wird Liam Howlett zitiert - und weiter: “Man wird das deutlich merken, wenn man unsere neuen Lieder endlich zu hören bekommt!” Als “fuckin' evil rave” umschreibt er die Ausrichtung, die zumindest am Papier “Firestarter” atmet: Man kann sich jedenfalls sicher sein, dass auch Anno 2026 The Prodigy alles niederwalzen, sie weiterhin rüpelig und laut sind und das breite Spektrum von The Chemical Brothers über Beastie Boys, Marilyn Manson und Nine Inch Nails bis hin zu Kneecap geballt vereinen werden!
"Yes, Vienna … beats and bassline are set to destroy mode", verspricht die Band: "See you in November peoples: Fire!"
Brandneu ist übrigens der Prodigy-Remix von Sleaford Mods “Elitest G.O.A.T.”, der auch auf Vinyl erhältlich ist - nach dem Version mit Aldous Harding das nächste Highlight von Sleaford Mods' neuer Platte “The Demise Of Planet X”, die zu Jahresanfang erschienen ist. Aldous Harding spielt übrigens am 23. Juni in der Arena, Sleaford Mods am 3. November.