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Kultur

Ab der Spielzeit 2025/26 präsentiert sich das Wiener Volkstheater "fresher" denn je zuvor

12.05.2025 von Stefan Baumgartner

Während die Theater-Wiedergänger Die Toten Hosen 1996 vom „Opium fürs Volk“ sangen, überschreibt Jan Philipp Gloger, der neue Künstlerische Direktor des Wiener Volkstheaters, die künftige Ausrichtung des Hauses ab der Spielzeit Herbst 2025 als „Theater fürs Volk“. Was er und sein Team darunter verstehen, hat er bei der heutigen Pressekonferenz in der Roten Bar des Volkstheaters in aller Ausführlichkeit erklärt.

Sein Vorgänger Kay Voges hat das Wiener Volkstheater nach der Corona-Pandemie als Künstlerischer Direktor übernommen und das Haus - wie es Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler auf den Punkt bringt - mit einem wagemutigen Programm wieder in der internationalen Theaterlandkarte verankert. Nun verabschiedet sich Voges nach einem alles andere als leisen Abtritt gen Köln und übergibt das Zepter an Jan Philipp Gloger, der mit der kommenden Saison vom Staatstheater Nürnberg an das Haus am Arthur-Schnitzler-Platz wechselt. Die Messlatte wurde von Voges hochgelegt, aber Gloger bringt frischen Wind ins Haus: “Fresh” wird das Programm, erklärt er mit einem Augenzwinkern.

Der programmatische Ansatz

Jan Philipp Gloger, der neue Künstlerische Direktor des Volkstheaters.

Als die Aufgabe eines - seines - Theaters versteht Gloger, sich einerseits unters Volk zu mischen, es aber auch zu umkreisen: Insbesondere ein Volkstheater soll ein wichtiger Faktor dafür sein, dass aus unterschiedlichsten Menschen eine Gemeinschaft geformt wird - insbesondere in Zeiten, in denen die Gesellschaft droht, auseinanderzubrechen.

Das spiegelt sich einerseits wider in einem Programm, das sowohl Haltung bezieht, dabei aber auch das Lachen als gemeinschaftsbildende Emotion hervorhebt, andererseits aber auch daran, dass das Volkstheater hinkünftig noch tiefer als zuvor in die Bezirke Wiens eindringt, die Bezirke aber auch zu sich ins Haus lädt: Und zwar alle Altersstufen, denn insbesondere Kinder und Jugendliche als die Zukunft unserer Gemeinschaft verdienen es, eine Bühne zu bekommen.

Das Volkstheater als kultureller Nahversorger

Julia Engelmayer und Anja Sczilinski, Volkstheater Bezirke

Das Wiener Volkstheater setzt nämlich nicht nur auf eine Bespielung des Haupthauses im 7. Gemeindebezirk, sondern ist auch von der Idee getragen, als kultureller Nahversorger Diskurse auch in mehr und weniger zentrale Stadtteile und somit fast vor die Haustüren zu bringen. Julia Engelmayer (ehemals Leitende Dramaturgin am Landestheater Niederösterreich) und Anja Sczilinski (ehemals Künstlerische Leitung vom Burgtheater-Studio) zeichnen ab Herbst 2025 für die Umsetzung verantwortlich und wollen “Volkstheater Bezirke” stark partizipativ gestalten. Denn rund um das Theater-Programm in den Bezirken - insbesondere auch zugeschnitten auf Kinder - wird es auch Programme geben, die Menschen jeder Altersgruppe und Herkunft zur Beteiligung einladen: Diese Formate sollten Menschen verbinden, neue Bekanntschaften stiften und Synergien schaffen - etwa, wenn Schüler*innen und Senior*innen gemeinsam einen Chor bilden oder sich im Schreibworkshop Stadt-Stimmen begegnen. 

Und in der Gesprächsreihe “Perspektivenwechsel” sollen nach Vorstellungen und im Rahmen von Grätzl-Festen der Austausch zwischen Publikum, Künstler*innen und Expert*innen aus der Zivilgesellschaft intensiviert werden. Dies ist der gesellschaftliche Beitrag des Volkstheaters, nicht nur die Diversität der Bezirke zu feiern, sondern gemeinsam auch Utopien für die Zukunft zu entwerfen.

Besonders hervorgehoben sei auch der Live-Audiowalk “Stadt ohne Dach” ab 17. April und in Zusammenarbeit mit Shades Tours: “Stadt ohne Dach” gewährt mit Live-Führungen und komponierter Soundscape Einblicke in die vulnerable Lebenssituation der Obdachlosen und macht besondere Orte in der Stadt sichtbar. Hier führen ehemals obdachlose Personen auf Pfaden ihrer Vergangenheit, erzählen aus ihrem Leben und geben Auskunft über den Alltag ohne Obdach. Der zweite Teil der Tour unternimmt einen Perspektivwechsel: Ein Ensemblemitglied des Volkstheaters interpretiert die Geschichte eines sozialen Abstiegs.

Das Volkstheater wird zum Open House

Natürlich ist das Wiener Volkstheater an jedem Veranstaltungstag ein “open house”: Jede*r, die/der sich eine Eintrittskarte bucht, darf das Haus betreten. Jan Philipp Gloger versteht unter “open house” jedoch mehr: Der große Theatersaal soll sich anfühlen wie ein gemütliches Wohnzimmer, die Rote Bar wie das Stammcafé um die Ecke - kurz, das Volkstheater soll ein Begegnungsort für möglichst viele Menschen werden.

Demnach wird die Rote Bar an ausgewählten Tagen zur Stadt-Bühne, Vereine und Initiativen können hier interessante und vielleicht überraschende Einblicke in ihre Arbeit geben, Communitys (oder “Bubbles”) in Kontakt treten und sich austauschen. Man muss aber kein Verein oder eine Institution sein, um seine Ideen einzubringen: Beim neuen Jugendbeirat “Jung & laut” soll all jenen zwischen 13 und 27 eine Stimme gegeben werden, die Lust haben, Theater neu zu denken und mitzugestalten.

Natürlich gibt es weiterhin auch Backstage-Führungen durch das Haus und die Werkstatt Einblicke in die Inszenierungen und die Theaterpraxis, allerdings bietet zusätzlich das neue Volkstheater Kollektiv die Möglichkeit, gemeinsam ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, das die Stadt vom Volk aus repräsentiert und die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt.

Ein Theaterprogramm zwischen Lachen und Hinterfragen

Aber vergessen wir bei all diesen hehren, wenngleich “nur” programmatischen Ansätzen nicht auf die Einblicke in das Theaterprogramm selbst! Ab der kommenden Saison setzt das Volkstheater auf ein kleines, aber feines Ensemble bestehend aus 22 Personen, wobei ein Großteil davon einen Bezug zu Wien als Stadt und Lebensort hat, 30 Prozent des Ensembles zudem mit ihrem migrantischen Hintergrund die Diversität unserer Stadt widerspiegeln. Zudem ist das Ensemble überwiegend weiblich, neben 10 Männern stehen 12 Frauen auf der Volkstheater-Bühne.

Beispielhaft möchte ich ein paar wenige Highlights der kommenden Saison des Wiener Volkstheaters exponieren:

Allen voran steht freilich die Eröffnungsinszenierung von Jan Philipp Gloger, “Ich möchte zur Milchstraße wandern!” mit Texten von Jura Soyfer. Gloger verbindet im Stück verschiedene Texte zu einem großen Bogen durch das Werk des erst 26-jährig im KZ-ermordeten Soyfer und beweist mit diesem Paukenschlag (ab 12. September), dass Literatur (und somit auch das Theater) die Gesellschaft aufrütteln und verändern kann.

Unter der Regie von Felicitas Brucker bringt das Wiener Volkstheater ab 14. September “Caché” nach dem Film von Michael Haneke ("Funny Games", “Die Klavierspielerin”) auf die Bühne - nicht nur ob des Stückes selbst ein Highlight, sondern auch, weil Haneke nur sehr, sehr selten seine Filme für Aufführungen freigibt, erstmals für eine Wiener Theaterbühne.

Ein wichtiges, zeitgenössisches Statement liefert ab 25. September “The Boys Are Kissing” unter der Regie von Martina Gredler: Es ist dies das Debüt des britisch-iranischen Autors Zak Zarafshan, das bereits im Londoner West End zur Sensation geriet - ist es immerhin eine überaus witzige, queere Antwort aus Yasmina Rezas “Der Gott des Gemetzels”, das der Frage nachgeht, wie schlimm es ist, wenn sich zwei neunjährige Buben eines Tages auf dem Schulhof küssen.

Das Volkstheater befindet sich am Arthur-Schnitzler-Platz, demnach ist es nur logisch, dass auch ein Werk von Schnitzler selbst auf die Bühne kommt: Johanna Wehner führt bei seiner “Traumnovelle” (ab 31. Oktober) Regie - und erzählt in ihrer hochmusikalischen Interpretation von Menschen, die es sich in ihrer bürgerlichen Existenz gut eingerichtet haben, bis etwas Fremdes und Bedrohliches einbricht. Die Frage: Sind sie das vielleicht gar selbst?

Neben Schnitzler finden auch zwei weitere klassische Autoren ihren Weg ins Programm: Nicolas Stemann bringt ab 14. November “Ödipus Tyrann” nach Sophokles, eine Übernahme vom Schauspielhaus Zürich. Rieke Süßkow hingegen widmet sich mit “Geschichten aus dem Wienerwald” ab 12. Dezember Ödön von Horváth & Johann Strauss: Horváths Ziel mit dem Stück war, die Welt zu schildern, wie sie halt leider ist - und was könnte besser in die programmatische Ausrichtung eines Volkstheaters passen als dies?

Und wenn wir schon von einer Welt sprechen, die leider so ist, wie sie ist, muss natürlich auch “Ukrainomania. Revue eines Lebens” nach Joseph Roth und unter der Regie von Jan-Christoph Gockel erwähnt werden, das am 15. Jänner premiert. Es ist dies eine Kooperation mit dem Zankovetska Nationaltheater Lviv und ist nicht nur eine Reise in die Ukraine, sondern vielmehr eine Revue gegen den Krieg, gegen Düsternis und Verzweiflung.

Noch viel mehr Einblicke in das vollständige Programm - auch über die Wiederaufnahmen, das Programm in der “Dunkelkammer” sowie das detaillierte Programm in den Bezirken - findet ihr auf der Website des Wiener Volkstheaters. Übrigens: Einzelne Konzert- und Kabarettabende im Haus werden zu einem späteren Zeitpunkt nach und nach bekanntgegeben.


Live-Termine


Volkstheater

In der aktuellen Saison spielt es unter anderem noch "Der Theatermacher", "Romeo und Julia" und "Pettersson und Findus".


Infos auf dem Stand vom 12.05.2025  

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