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TikTok lässt niemanden kalt. Während Jugend- und Datenschützer schäumen und Regierungen nach Gründen für ein Verbot suchen, frisst sich die Social-Media-App mit dem unglaublich raffinierten Algorithmus unaufhaltsam durch Milliarden an Smartphones. Und auch in das Mediaverständnis vor allem der GenZ und Millennials, deren Humorempfinden TikTok so wesentlich mitprägt. Aber wie tragfähig ist der Schmäh abseits vom Handyscreen?
Immer, wenn man denkt, das Ende der Fahnenstange sei erreicht, geht es im Internet noch weiter. Auch und gerade bei Social Media eine verblüffende Entwicklung. Erst Facebook, dann Instagram, es folgten Snapchat und Twitch, und aktuell ist TikTok der heiße Shit. Werbewirtschaft und Unternehmen stürzen sich gierig auf jeden Content Creator, der mit kompakten Filmchen ein großes Publikum erreicht. Im Idealfall kann das geradezu märchenhafte Karrieren hervorbringen, wie im Fall der sympathischen Britin Lauren Flymen (lauren.jumps), die im ersten Lockdown aus Fadesse mit dem Seilspringen im Garten begann und den Fortschritt auf TikTok teilte. Heute kann sie mit 1,2 Millionen Followern, eigenen Sportkollektionen und einer App gut davon leben und hat ihren 9-to-5-Job längst an den Nagel gehängt.
Das Gros der Beiträge auf TikTok dreht sich aber um Gags, Memes und Parodien, wobei der Kreativität der Schöpfer scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Auch in Österreich hat sich eine recht ansehnliche Gruppe an TikTokern herauskristallisiert, die mit ihrem ganz eigenen Stil regelmäßig die User zum Schmunzeln bringen. Da wären zum Beispiel brumanrockner (115.000 Follower), der sich mit seiner schier endlosen Serie „Wörter, die ma am Orsch gehen“ gnadenlos über das Unvermögen vieler Menschen lustig macht, Wörter und Begriffe richtig auszusprechen. Oder wurstaufschnitt (64.000 Follower), der der Gesellschaft als asiatischstämmiger, schwuler Millennial gerne mit sarkastischem Humor den Spiegel vorhält, was Alltagsrassismus und Homophobie angeht. Ebenfalls populär und immer für einen wirklich treffenden Gag gut: grindig (55.000 Follower), der sich ganz speziell über präpotente Ärzte, dysfunktionale Familien der Upper Class und toxische Männer lustig macht – meist so gut, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt. Ähnlich wie sonnenscheincatering (339.000 Follower), der mit seinen Parodien auf Berufskinder und andere Schnösel sehr gut den Nerv einer immer weiter auseinanderklaffenden gesellschaftlichen Schere trifft. Oder auch der 17 Jahre junge Michi Skopek (182.000 Follower), der wegen Lernschwerigkeiten die Schule verlassen hat und nun auf TikTok was tut? Lehrer parodieren.
Ganz großes Kino ist auch der heidelbeerhugo (54.500 Follower), der absurde Lebensmomente hinterfragt. Weil er dabei wie ein knuffiger Teddybär wirkt, kann man ihm jedoch überhaupt nicht böse sein. Und die mittlerweile auch über TikTok hinaus bekannte toxische_pommes (92.000 Follower) wiederum gilt nicht nur als alteingesessener Social-Media-Star, sondern hat mittlerweile auch im realen Leben abseits vom Handy-Schirm eine Karriere aufgebaut. Mit ihrer ätzenden Comedy, die sich meist um Besonderheiten ihrer Balkan-Wurzeln oder abgehobene Bobos dreht, geht sie mittlerweile auf Tour über die heimischen Kleinkunstbühnen. Freilich ist aber weder ein TikTok-Account oder ein ausverkauftes Kabarett auf Dauer ausreichend, um hauptberuflich den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Noch vielmehr, wenn sich der ausgespielte Humor immer nur um ein Thema dreht, wie zum Beispiel bei rian.music (614.000 Follower), der zwar eigentlich seine Sängerkarriere via TikTok promotet, aber auch mit seinen Parodien auf komplett aus dem Ruder gelaufenen Party-Abenden oft Millionen Menschen erreicht. Hier sieht man schon, wie der Hase läuft: Gags allein sind zu wenig, um sich abseits von Kurzfilmchen im Netz ein stabiles Einkommen zu erwirtschaften, es braucht dann schon eben entweder eine Musikkarriere oder einen „richtigen“ Job, um die Miete bezahlen zu können. Oder?
Nicht ganz. Ein scheinbar ursächlicher Zusammenhang scheint hier zu den Followerzahlen zu bestehen. Sobald die magische Marke von einer Million geknackt wurde, scheinen sich die Möglichkeiten (und auch die Mittel) zu potenzieren. Und diese Zahlen erreicht man nun mal einfacher – man kennts aus der Musikbranche – wenn man den bundesdeutschen Markt erobert. So wie der Deutsche marco_gianni, der mit mittlerweile 1,3 Millionen Followern überregional mittelgroße Hallen voll bekommt. Hamburg, Zürich, Wien – das hat schon was. Der Erfolg, der sich bei dem 24jährigen Heidelberger schon nach nur einem Jahr auf TikTok einstellte, gründet aber vor allem darauf, dass er weniger auf „typischen“ TikTok-Humor, sondern schon im Handy-Format meist auf klassische Standup-Comedy-Routinen und Storytelling wie im Kabarett setzt. Das lässt sich natürlich besser auf der Bühne umsetzen als episodische Gags, wie zum Beispiel die perfekten Einzelhandels-Parodien der jungen Deutschen wayamayafey (610.000 Follower). Diese lassen sich eben schwer zu einem abendfüllenden Programm ausbauen.
Und natürlich spielt der Lokalkolorit eine Rolle. Während Comedy-Gags von marco_gianni eben in der ganzen DACH-Region funktionieren, sind lokal auf Österreich zugeschnittene Knüller wie die Gemeindebau-Travestie von dhqmelina (70.000 Follower, Aj!) eben für einen Leipziger unverständlich. Daher der Aufruf an alle österreichischen TikToker: denkt international! Brütet bühnentaugliche Gags, Charaktere und Formate aus! Entwickelt Songmaterial! Heimische Künstler wie Josef Hader einerseits oder Wanda andererseits haben bewiesen, dass der deutsche Markt zu knacken ist – und wir wollen euch alle nicht nur am Handy, sondern auf den Bühnen vom Brenner bis zur Nordsee sehen!
Marco Gianni gastiert am 10. November im Globe Wien. Tickets gibt es bei oeticket.
Toxische Pommes gastiert diesen Herbst und Winter in diversen Wiener Kabarett-Locations, Michael Bauer im Kabarett Niedermair. Und Rian? Der spielt mehr als nur seinen „Schaf-Song” im Oktober und November in Graz, Linz, St. Pölten, Salzburg und Klagenfurt. Übrigens: Auch oeticket findet man auf TikTok. Manchmal informativ, manchmal lustig.