Bild: Daniel Dittus
Mit "seiner" Urania und dem kongenialen Zwiegespann Kasperl und Pezi, der Wunderwelt "Remassuri" und mit Molden, Wanda, Nino, Voodoo & Co. verleiht der Universalkünstler André Heller Wien ein Herz und eine Seele. Aber: Er schafft für Wien nicht nur Kultur-, sondern mit seinem Kunstpark an der oberen Alten Donau gar regenerative Erlebnisräume.
Es gibt nur wenige Künstler, deren Lebenswerk so eng mit dem innersten Wesen einer Stadt verwoben ist wie jenes von André Heller, Jahrgang 1947, mit Wien. Seine Herkunft - Sohn einer jüdischen Familie, aufgewachsen in einem kulturell vibrierenden, aber auch traumatisierten Nachkriegs-Wien - hat sein künstlerisches, bis heute neugieriges Selbstverständnis nachhaltig geprägt. Heller ist als “Universalkünstler” ein Kind dieser Stadt, ein Ergebnis ihrer Brüche, ihrer Ecken und Kanten, aber auch ihres Glanzes - und zugleich jemand, der das jeweils gegenwärtige Wien-Bild selbst aktiv geformt hat - bis heute. Seine Kunst ist immer auch eine Erzählung über Herkunft und Identität - stets mit dem Fundament der Kraft der Fantasie, die über jede Enge hinausweist und sämtliche Hürden überwindet.
Der junge Heller fand früh Zugang zu einer mannigfaltigen Welt, die in Wien zwar allgegenwärtig war, aber nur von wenigen nicht nur gelebt, sondern tatsächlich erlebt wurde: Einer Welt zwischen Literatur, Musik, Theater und Kunst, aber auch politischem Denken und jüdischer Erinnerungskultur - allesamt eingewoben in eine Welt des Traums. Diese kulturelle Diversität - ein Changieren zwischen Leichtigkeit und Melancholie, zwischen Schmäh und Tiefsinn - ist seit Anbeginn das ästhetische Fundament seiner Arbeiten. Dass er sich bis heute nicht mit einer einzigen Ausdrucksform zufriedengibt, sondern Lyriker, Chansonnier, Schauspieler, Zirkusdirektor, Konzept-, Aktions- und Multimediakünstler, Autor und Kulturmanager gleichzeitig ist, ist wohl das Ergebnis dessen, dass er in Atmosphären denkt.
Schon seine frühen Chansons machten ihn zu einer Stimme des modernen Wiens, Lieder wie “Das Lied vom idealen Park” trugen bereits den für Heller typischen Tonfall: poetisch, verspielt, leichtfüßig-melancholisch und zugleich getragen von einem tiefen Humanismus - und zwei “ideale Parks” nennt Heller heute auch sein Eigen: Nicht nur in seiner zweiten Heimat Marokko Anima, eine drei Hektar große, opulente botanische Inszenierung, sondern seit diesem Herbst auch in Wien, an der oberen Alten Donau. Dort hat Heller eine Kunst- und Naturoase eröffnet, frei zugänglich mit 150 Bäumen, Stauden und Sträuchern - aber auch 14 Skulpturen, gestaltet von Künstler*innen aus sieben Nationen.
Seine Musik erzählte stets von einem Wien, das weit mehr ist als nur eine Kaffeehausgemütlichkeit oder der morbide Charme vom Zentralfriedhof - Wien, das ist eine pulsierende Metropole voller Visionen, Widersprüche und Sehnsüchte. Heller nahm die jüdisch-wienerische Tradition der feinsinnigen Beobachtung, des subtilen Humors und der imaginierten Gegenwelten der jeweiligen Jahrzehnte auf und führte sie mit Feingefühl weiter, in die Zukunft: mit Traditionsbewusstsein, aber auch einer überbordenden Vision.
Sein Wirken blieb jedoch nie auf das Musikalische - darunter auch im Zwiegespann mit Helmut Qualtinger, einem weiteren großen Wiener - beschränkt: Heller ist bis heute ein Grenzgänger, der Bühnen erweitert und Räume öffnet. Das zeigte sich in seiner langjährigen Arbeit für internationale Kulturprojekte ebenso wie in den poetischen Großinszenierungen, die er rund um den Globus realisierte - von gigantischen Zirkusprojekten ("Afrika! Afrika!") über sein Feuertheater “mit Klangwolke” vor dem Berliner Reichstag und das “Theater des Feuers” in Lissabon bis hin zu multimedialen Happenings, darunter “Luna Luna”, einem “Jahrmarkt der modernen Kunst”. Und 1986, da verließ Heller sogar den festen Boden und ließ Heißluftballon-Skulpturen über den Himmel von London, Moskau, Venedig, Oslo, den Niagarafällen (!) und mehr schweben.
So trug Heller stets das Wiener Verständnis von Kunst als Gesamtkunstwerk hinaus in die Welt: die Idee, dass Kultur nicht nur eine Dienstleistung, sondern ein Lebensgefühl ist.
Vielleicht am sichtbarsten wurde Hellers Bedeutung für Wien jedoch durch seine Rolle bei der Rettung der Urania: Als dieses historische Puppentheater-Juwel 2018 vor dem Aus stand und eine Weiterführung in den Sternen, engagierte sich Heller für die Zukunft von Kasperl, Pezi, Dagobert und Co. “Ich habe das Herz sprechen lassen”, erklärte damals sein Vorgänger Manfred Müller seine Übergabe an André Heller, für den es undenkbar war, dass dieses wertvolle Kulturgut verschwindet.
Er sei selbst als kleines Kind mit seinem Kindermädchen zum Kasperl gegangen, erzählte Heller damals. Im Internat sei ihm die Kasperlpuppe stets Begleiter und Trost gewesen, und als Ministrant durfte er nach der Messe für die Kinder Kasperl spielen: “Das war meine erste aktive Tätigkeit am Theater.” Als die drohende Schließung publik wurde, habe sein Enkel gesagt: “Der Nono wird das verhindern.” Und dem Auftrag kam “Nono” Heller selbstverständlich nach, seitdem schallt das “Krawuzikapuzi” in ein stets rappelvolles Haus am Donaukanal.
Kasperl und Pezi sind auch Teil von Hellers aktuellem Projekt “Remassuri”, seiner “ungewöhnlichen Reise in die Vielfalt wienerischer Musik”, die er gemeinsam mit Ursula Strauss und Ernst Molden entwickelt hat und die zu Jahresanfang in das stadtTheater Walfischgasse im ersten Bezirk, gleich ums Eck der renommierten Staatsoper, eingezogen ist. In “Remassuri” knüpft er an die alten Formen des Jahrmarkts, des magischen Erzählens und der ur-wienerischen Heurigenbesuche an, zugleich ist sein “Remassuri” aber auch ein Stück Zukunft für die Wiener Kulturlandschaft, weil er mit diesem Theater erneut beweist: Kultur, das ist ein Raum der Fantasie.
Gerade in der Zusammenarbeit mit ebenfalls Wien prägenden Persönlichkeiten wie Ursula Strauss und Ernst Molden zeigt er hier sein kongeniales Geschick, Generationen und Temperamente zu verbinden, sodass sie gemeinsam die Wiener Seele atmen: anarchisch, poetisch, zärtlich und stets mit einer Weltoffenheit.
Dabei wurzelt “Remassuri” in einem Projekt, das André Heller gemeinsam mit Ernst Molden in Hamburg realisierte; Am 24. März 2024 versammelte Ernst Molden nämlich auf Bitte von Heller im Rahmen des “Reflektor André Heller”-Festivals in der Elbphilharmonie Hamburg eine außergewöhnliche Wiener Musikgesellschaft auf einer Bühne: André Heller, Voodoo Jürgens, Der Nino aus Wien, Ernst Molden, Marco Michael Wanda, Tini Kainrath, Anna Mabo, Ursula Strauss, Walther Soyka und mehr, alle begleitet von und gemeinsam mit den Neuen Wiener Concert Schrammeln und dem Frauenorchester - viele davon sind auch auf der “Remassuri”-Bühne zu sehen und natürlich zu hören.
Ein halbes Jahr zuvor habe Heller ihm von dieser Idee erzählt, reflektiert Ernst Molden: “Mach' mir einen Wienermusik-Abend für mein Festival in der Elbphilharmonie, mit den besten aus Wien”, soll Heller da gesagt haben. Einzige Forderung von Molden: Wenn Heller höchstpersönlich mitsingt und sogar Moldens Lieblingsnummer von Heller, “Miramare”, zum Besten gibt, dann spielt Molden sogar kostenfrei. Ob tatsächlich kein Obolus geflossen ist, das bleibt natürlich in der Schublade - aber für über 2.000 Gäste in der Elbphilharmonie ergab sich ein intensives, unvergessliches Konzert für die Ewigkeit, das nun am 5. Dezember mit dem Titel “Heasd Hamburg!” und dem mittlerweile verstorbenen Walther Soyka gewidmet auf Vinyl, CD und digital erscheint.
Hinweis:
Voodoo Jürgens ist zwar nicht Teil des “Remassuri”-Ensembles, aber am 5. Dezember mit seiner Ansa Panier beim Grazer “Krampuskränchen” und 2026 mit neuer Platte im Gepäck quer durch Österreich live zu erleben. Mehr Informationen findet ihr [hier].
Auch Marco Wanda von Wanda ist nicht Teil des “Remassuri”-Ensembles, feiert mit Wanda am 19. Dezember aber noch in der Wiener Stadthalle D Weihnachten. Mehr Informationen findet ihr [hier]. Außerdem sind noch zwei Lesungen aus seiner Autobiographie dieses Jahr geplant, in Kufstein und Salzburg. Mehr Informationen findet ihr [hier].
Ebenfalls nicht Teil von “Remassuri” ist Der Nino aus Wien, allerdings spielt er dennoch im stadtTheater Walfischgasse: Nämlich in einer für ihn völlig neue Weise, begleitet von Milan Begovic am Klavier. Zudem hat er mit seiner AusWienBand eine “Wilde Zeit” in ganz Österreich. Mehr Informationen findet ihr [hier].
Ernst Molden ist nicht nur einer der drei Köpfe hinter “Remassuri”, sondern findet auch Zeit für viele weitere Konstellationen: Mit den Neuen Wiener Concert Schrammeln, mit Hans Theessink, mit der Seiler & Speer-Hälfte Christopher Seiler, mit seiner “Remassuri”-Partnerin Ursula Strauss, aber auch für seine neueste Spielwiese: “Kuaz vuan Weda” mit Sigrid Horn. Und auch im Rabenhof ist Molden - mit seinem Singspiel “Döbling Burning” - zu erleben. Mehr Informationen findet ihr [hier].
Auch Anna Mabo erleben wir nicht nur im Wiener Konzerthaus, sondern auch im Rabenhof Theater, und zwar bei Ferdinand Raimunds “Der Ganze”. Mehr Informationen findet ihr [hier].
André Heller und seine “Wiener Reisegesellschaft” live in der Hamburger Elbphilharmonie im März 2024. Das Album “Heast Hamburg!” erscheint am 5. Dezember und ist zum Beispiel im Hoanzl-Shop erhältlich. Bilder: Daniel Dittus
Man sieht also: André Heller ist ein Künstler, der das Wesen Wiens nicht nur verkörpert, sondern immer wieder miterfunden, neu geprägt hat. In seinen Werken verschmelzen Tradition und Vision, Erinnerung und Zukunft, Melancholie und Lebenslust. Er ist ein Weltbürger mit Wiener Herz und Wiener Seele, jemand, der die Kultur dieser Stadt bis heute in die Welt trägt - aber gleichzeitig auch dafür sorgt, dass Wien sich selbst nie vergisst.
In einer Zeit, in der Städte oft um ihr kulturelles Profil ringen, bleibt Heller ein Beweis dafür, dass Identität nicht aus Nostalgie allein entsteht, sondern aus kreativer Erneuerung. Und vielleicht macht ihn genau das zur Seele Wiens - mit seiner Fähigkeit, aus der Geschichte Funken für die Zukunft zu schlagen.