Foto: Live Nation
Alex Turner ist der seltsamste Rockstar seiner Generation. Am neuen Album seiner Band Arctic Monkeys konfrontiert er seine Fans mit dandyhafter Rollenprosa, 70er-Jahre-Sounds und der nahezu kompletten Verweigerung von Rockmusik. Das Seltsame ist: Sie lieben es trotzdem. Kreativer Eigensinn und Wagemut zeichnen die Band aus Sheffield immerhin seit je her aus.
Als die Arctic Monkeys vor 16 Jahren zum ersten Mal die Charts stürmten, waren sie forsche junge Indierocker Anfang 20, die mitreißende Songs über lange Nächte und den Kater am Tag danach schrieben. Das traf einen Nerv: „Wir sind wie du“, lautet die unterschwellige Botschaft, die die Musik vermittelte. Mit ihrem ersten Album „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ wurde das Quartett um Sänger und Songschreiber Alex Turner denn auch über Nacht zur Stimme ihrer Generation.
Die Begeisterung überstieg allerdings den üblichen Hype um neue Indiebands. Die Jungspunde aus Sheffield waren schnell größer als Franz Ferdinand oder The Libertines, ihr Erfolg erreichte eine Dimension wie in den 1990ern die Britpop-Welle um Oasis und Blur. Manche gingen bei ihren Vergleichen noch weiter (zurück in die Popvergangenheit). „So etwas haben wir seit den Beatles nicht mehr gesehen“, sagte der Sprecher einer großen britischen Plattenladen-Kette, als Horden junger Engländer die Geschäfte stürmten, um sich ihr Exemplar des ersten Arctic Monkeys-Album zu sichern.
Drei Dinge erstaunen aus heutiger Sicht: Die Hype war kein kurzfristiger, im Gegensatz zu den meisten anderen Nullerjahre-Bands sind die Arctic Monkeys 2022 ungebrochen populär; noch jedes ihrer Alben schaffte es an die Spitze der britischen Charts. Und sie sind tatsächlich eine Albumband, eigentlich ein altmodisches Fossil, dafür praktisch ohne Social-Media-Präsenz – gegen alle Regeln der Zeit. Der dritte und verwunderlichste Punkt ist, dass Alex Turner konsequent auf Erwartungen pfeift und lieber seine Muse folgt – ohne irgendwelche Kompromisse.
Insofern hat der Titel des Debüts im Nachhinein etwas Prophetisches. „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“, das bringt die stetig im Wandel begriffene Musik der Band auf den Punkt.
Die Arctic Monkeys von 2006, die mit der Indie-Partyhymne „I Bet You Look Good on the Dancefloor“ bekannt wurden, unterscheiden sich drastisch von jenen vom psychedelischen 2009er-Album „Humbug“, als sie mit Desert Rock und Stoner Rock flirteten. Mit „Suck It and See“ und „AM“ folgte darauf ihre Stadionrock-Phase. Die Songs waren toll, die Energie erstaunlich, aber es ließ sich auch nicht überhören, dass Alex Turners Übersiedlung nach Los Angeles langsam, aber sicher auf ihn abfärbte. Es schien, als würden die Arctic Monkeys den Weg manch anderer Erfolgsband einschlagen, die beim Marsch durch die Arenen auf feiste Riffs und Grooves setzen und dabei nach und nach ihre Eigenheiten und sympathischen Verschrobenheiten ablegten. Nennen wir es das Foo-Fighters-Syndrom oder Morbus Kings of Leon.
Doch so schlimm kam es nicht, seine kreative Rastlosigkeit trieb Alex Turner, der inzwischen in Frankreich lebt, weiter. Den größten Sprung machte seine Band 2018 mit dem Album „Tranquility Base Hotel & Casino“, dem Vorgänger des aktuellen Werks „The Car“. Weg waren die lauten Gitarren, stattdessen übten sich die Arctic Monkeys in dandyhaftem Lounge-Pop mit plüschigen Interieurs und ein paar dunklen Ecken. Die Ära der Rockhymnen war vorbei.
Seitdem könnte die Band auch Arctic Monkey heißen. Turner entwirft die Musik nun in langen Solo-Sessions zu Hause am Klavier und präsentiert die Songs erst in sehr weit fortgeschrittenem Stadium seinen Kollegen. In dieser Phase seines Schaffens liefert er fesselnde musikalische Kurzgeschichten über Glanz und Elend von Luxusabsteigen, voller Ennui und Pathos.
Auf dem neuen Album „The Car“ verfeinert und perfektioniert er die Ansätze des Vorgängers. Die Grooves sind – wenngleich im niederen Drehzahlbereich angesiedelt – fesselnder, durchaus auch mal funky; Turners Gesang neigt zu den hohen Registern, wobei sich seine Falsett-Crooning als sehr reizvoll erweist; und die Sounds bilden eine perfekte atmosphärische Kulisse für seine Erzählungen.
Beim Hören fühlt man sich in einen 1970er-Jahre-Film versetzt. Der Held könnte ein verwöhnter, vom glamourösen Luxusleben schon gelangweilter Rockstar sein, oder ein Schauspieler, der sich am Höhepunkt seiner Karriere auf sein Landgut zurückgezogen hat und dort obsessiv seine Umgebung beobachtet. Vor dem inneren Auge sieht man beim Hören der Platte einen Dandy in sehr teuren Pantoffeln und in einem farblich gewagten Bademantel samt eingesticktem Monogramm müde und doch fieberhaft durch sein Anwesen schreiten.
Mit „Big Ideas“ findet sich auf der Platte auch ein Song über die gescheiterten großen Pläne einer Band. Es mag ein selbstironischer Moment Turners sein, doch vom Scheitern sind die Arctic Monkeys weit entfernt. Ungefähr so weit wie vom musikalischen Mainstream anno 2022. Und doch stürmte „The Car“ wieder auf Platz eins der UK Charts. Auf Platz acht stand zur gleichen Zeit „AM“, das sich seit seiner Veröffentlichung 2013 ohne Unterbrechung in den Top 100 hält.
Live darf man sich auf eine Mischung aus dem exquisiten Stoff der letzten beiden Alben und dann doch auch einer guten Dosis Rock freuen. Für ihr einziges Österreich-Konzert haben sich die Arctic Monkeys nicht etwa Wien, sondern die Brucknerstadt Linz ausgesucht. Das passt ins Bild: Was auch immer man sich von dieser Band erwartet, sie wird wahrscheinlich das Gegenteil davon machen.
Arctic Monkeys gastieren am 24. April in der TipsArena in Linz. Das Konzert ist bereits ausverkauft.