Bild: Fenella Lorimar
Erst letztens saß ich mit einem Freund bei einem Glas Wein zusammen - einem Freund, der über enzyklopädisches Musikwissen ab den Siebzigern bis in die frühen Nullerjahre verfügt und nur zu gern Monologe darüber hält, wohlgemerkt nicht immer zum Gefallen und zum Interesse seines zwangsbeglückten Publikums. Und weil erst kürzlich mit “Knowledge” die erste Single des neuen Solo-Albums “Nation Shall Speak Unto Nation” von Edwyn Collins, dem ehemaligen Kopf der schottischen Kult-Band Orange Juice, veröffentlicht wurde, fand er da auch wieder Anlass und Grund genug für eine im euphorisierten Stakkato rausgehackte Geschichtsstunde.
“Weißt du, Orange Juice waren ihrer Zeit sowas von voraus – dieser funky, jangle-infizierte Post-Punk-Sound, der später ganze Generationen von Indie-Bands geprägt hat! Und gerade Edwyn Collins, dieser lakonische Crooner mit seiner unverkennbaren Stimme, hat damals schon das gemacht, was später The Smiths perfektioniert haben – nur mit mehr Groove! Und dieser Song – ‘Rip It Up’ von 1983 – das war der Missing Link zwischen Punk, Chic und dem, was später als Indie-Dance-Welle durchstartete", ratterte er da. Und kaum dass er einen Atemzug nahm, ging es da schon weiter: “Collins und seine Jungs kamen aus der Glasgower Szene, zusammen mit Postcard Records, diesem legendären DIY-Label, das auch Aztec Camera und Josef K. hatte. Sie haben so viel von Velvet Underground, Al Green und Chic aufgesogen und es dann mit diesem britischen, bittersüßen Songwriting kombiniert - genau in der Zeit, wo man sich nach dem Selbstmord von Ian Curtis von Joy Division nach lebensbejahenderen Tönen sehnte.”
Einmal kurz mitschreiben bitte, mehr “unnützes Musikwissen in 30 Sekunden” geht nicht. Doch der Freund springt schon weiter, weg von Orange Juice, die sich nach nur sechs Jahren 1985 bereits wieder auflösten, hin zur Solo-Karriere von Edwyn Collins: “Du kennst sicher ‘A Girl Like You’! Ein Song, der Mitte der Neunziger völlig aus dem Nichts kam und in jede verdammte Disco gehört hat. Dieser fuzzige Northern-Soul-Beat, das Bo Diddley-mäßige Riff – ein Knaller! Dabei war das nur eine logische Fortsetzung dessen, was er immer gemacht hat: Vintage-Sounds ausgraben, mit britischer Coolness paaren und dabei total laid-back klingen!"
Und ja, der Freund hat schon recht: Orange Juice hätten eigentlich größer sein müssen - vielleicht sogar größer als die Beatles, die ein anderer Freund wiederum als eine der überbewertesten Bands der Geschichte erachtet (aber das ist eine andere Geschichte). Es ist ja oft das Schicksal derer, die den Weg ebnen - sie bleiben verhaftet in einer Bubble der verschrobenen Musik-Connaisseure, der spleenigen Plattensammler. Also habe ich mir überlegt: Wer, außer den alten Narren, könnte sich denn heute noch für Orange Juice und Edwyn Collins interessieren? Wo hören wir heute noch diese Grätsche zwischen tanzbaren Kanten und mal melodischem, mal jazzigen Funk? Wo hören wir intelligente Melancholie - ohne, dass wir zum ständigen Grübeln gezwungen werden?
Klar, der Querverweis zu den größeren, bekannteren Smiths funktioniert schon - immerhin kommt Sänger Morrissey ja auch solo im Juli zu uns. Und den funky Post-Punk-Aspekt hört man auch bei den Talking Heads gut raus - und die hören ja gottlob auch nicht nur die graumelierten Senioren. Aber geht es auch ganz ohne diese graue Eminenz? Immerhin wächst da gerade eine Generation an Musik-Hörer*innen heran, die nicht immer Großvatis Kriegsgeschichten lauschen wollen. Also fragen wir doch direkt bei den Jungen nach!
Zwar bin ich selbst kinderlos, aber glücklicherweise gibt es im Freundeskreis für die Feldforschung so einige jugendliche Versuchskaninchen, die sich hin und wieder bereiterklären, sich auch “alte Musik” anzuhören. Und tatsächlich! Orange Juice und Edwyn Collins kamen gut an - und gleich mehrere Bandnamen jüngeren Datums fielen da, insbesondere aber drei Querverweise stachen besonders hervor:
Aber auch noch jüngere Bands wie das Indie-Pop-Wunder Alvvays mit seinen verträumten Surfgitarren, Real Estate (Was für Hooks!) und The Drums - irgendwo im Spannungsfeld zwischen Joy Division und Beach Boys (!) - wurden da genannt und zeigt (wie so oft): Manchmal können auch jüngere Menschen von den Alten lernen und obwohl sie den Hypes von heute folgen, auch Gefallen an den alten Nischenhelden finden.
Eines der Versuchskaninchen hat sich jedenfalls gleich eine Karte für Edwyn Collins im WUK gecheckt - und ich versuche es bei nächster Möglichkeit, ob sich mein Freund mit dem Orange-Juice-Monolog auch zu einer der jüngeren Bands bekehren lässt. Am Ende sind es ja oft die Alten, die sich schwerer tun als die Jungen …
Abschließend noch ein klitzekleines unnützes Musikwissen, Teil 2: Der Titel vom Orange-Juice-Album “You Can't Hide Your Love Forever” (1982) ist eine Replik auf die Beatles-Hymne “You've Got To Hide Your Love Away”. In dem Sinne: Love is all you need.