Bild: Todde Vision
Art-Punk- und New-Wave-Geschichte: Beim 50-jährigen Jubiläum von Fischer-Z erleben gleich vier österreichische Städte Anfang 2027 eine Zeitreise in die "schrullige Popmusik" der späten Siebziger und frühen Achtziger.
1977 gründete John Watts neben seinem Studium der klinischen Psychologie Fischer-Z: Was sich heute wie der Name eines hippen Deutschrappers liest, ist eigentlich ein Wortspiel - wird der Bandname doch wie in vielen britischen Akzenten üblich ohne “r” ausgesprochen und klingt demnach nach “Fish's Head”, also “Fischkopf”. Dabei kommt der Begriff aus der Statistik, der Wahrscheinlichkeitsverteilung. Um wieder auf den “Fischkopf” zurückzukommen: Ja, Fischer-Z klingen verkopft - aber mit der Fähigkeit, globale politische Themen in erzählenden Songs mittels “schrulliger” Popmusik zu vermitteln. Apropos Köpfe: Bei ihrem ersten Konzert im Dezember 1979 in Berlin gingen Watts ein paar Halbstarke vor der Bühne ordentlich auf die Nerven und er ließ sogleich den englischen Gentleman raushängen, sprang von der Bühne und wies sie in die Schranken, indem er ihnen zwar nicht die Köpfe abriss, aber dafür im Alleingang die Nasen blutig schlug.
Das klingt nun mehr nach rauflustigem Assel-Punk der Marke Sex Pistols, aber Fischer-Z waren zwischen 1977 und 1982 “Art Punks”: feingeistig, aber auch wehrhaft. Oder, wie es Watts in einem damaligen Interview selbst auf den Punkt brachte: “Wir waren pseudointellektuelle Möchtegern-Kunststudenten aus der Mittelschicht.” Das mag vielleicht auch darin begründet sein, dass Watts im Brotberuf eben mit psychisch Kranken arbeiten musste, und es als stämmiger Rugby-Spieler seine Aufgabe war, tobende Patienten dingfest zu machen.
Dank diesem Spagat war nicht nur John Peel (der mit den BBC-Sessions) einer ihrer Edel-Fans, Fischer-Z waren insbesondere am europäischen Festland richtige Stars der Post-Punk- und New-Wave-Ära, die mit Talking Heads, The Cure, Depeche Mode gemessen wurden, die mit Peter Gabriel, Dire Straits, The Police aber sogar Bob Marley (!) spielten, bevor Watts die Band 1982 auflöste und sich solo austobte: als Poet, als Zeichner, als DJ, als Straßenmusiker - als Gesamtkünstler.
Bereits 1987 wurde Fischer-Z mit neuer Besetzung, aber erneut unter der Führung von Watts neben seinem musikalischen Soloschaffen neu konstituiert - weiterhin mit dem Ansatz, ihre (links)politische Weltsicht im Songmaterial zu kommentieren, dabei Erfahrungen aus dem echten Leben einfließen zu lassen. Besonders hervorzuheben ist hier das Multimedia-Projekt “Ether Music & Film”, für das Watts durch ganz Europa und in das von den Ereignissen des 11. September 2001 geprägte New York reiste. Die Songs dieser Phase entstanden zum Teil spontan mit Straßenmusikern oder in kurzfristig angesetzten Sessions. Ebenfalls hervorzuheben wäre auch das Album “Morethanmusic” (2010), das die Single “Head On” enthielt, die von Watts’ Erfahrung inspiriert war, ein siebenjähriges Kind dabei zu beobachten, wie es die Live-Hinrichtung von Saddam Hussein auf dem Handy ansah.
Zuletzt stand vergangenes Jahr das Musik- und Kunstprojekt PUNKT! in Watts' Mittelpunkt: Das Album erschien im September, und Watts stellte auf einer Galerie-Tour durch Deutschland seine zehn neuen Kunstwerke und die begleitenden Lieder vor.
2026 markiert jedoch nun das 50-jährige Jubiläum der Bandgründung von Fischer-Z 1976: Das im September kommende Album “X-Ray Serenade” vereint neue Songs mit spannenden Neuinterpretationen einiger von Watts' Lieblingsstücken aus früheren Jahren - die erste Single “Strings” ist bereits zu hören. Nicht nur, dass es im Herbst dann auch ein hochwertiges Jubiläumspaket zur Würdigung der bisherigen außergewöhnlichen Karriere geben wird, mit bislang unveröffentlichtem Archivmaterial in einer sehr speziellen, streng limitierten Edition, außerdem hat sich John Watts für 14 Podcast-Folgen mit dem renommierten Podcast-Host Martin Bull zusammengefunden, die Episoden werden soeben im Zwei-Wochen-Rhythmus veröffentlicht. Enthalten sind bislang unerzählte Geschichten zu Johns jeweiligem Lieblingssong auf jedem Album, ein spezielles Album-Special sowie Bonus-Episoden mit Gästen.
Parallel dazu wird das 50-jährige Jubiläum weltweit auch live zelebriert, Österreich kommt zwar erst Anfang 2027, dafür gleich vier Mal zum Handkuss: In Wien, Graz, Salzburg und Dornbirn tauchen wir ein in das reiche, 24 Alben (davon 10 als Fischer-Z) umfassende Schaffen von John Watts - songwriterischer Klasse, originelle Arrangements und schöne Melodien, abseits von seelenloser Chartsmusik. Auch 50 Jahre später ist die Nervosität des Punks gepaart mit poetischem Gewissen immer noch brandaktuell.