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Beth Ditto von Gossip im Interview

24.05.2024 von Samir H. Köck

Beth Ditto, Lichtgestalt der LGBTQIA+-Gemeinde, präsentierte mit „Real Power“ ein neues, wunderherrliches Gossip-Album in Berlin. Mit uns sprach sie über Macht, Schönheit und Punkrockfeminismus. 

War es Show oder blanke Not, als Beth Ditto mit einem Blatt wedelnd das Publikum im Berliner Lido fragte, ob es eventuell den Text von „Real Power“ parat hätte? Wahrscheinlich war es Teil ihrer Show. Interaktivität ist ja eine ihrer Stärken.

Körperlich war sie jedenfalls auch fit, denn am Ende ihres ersten Gossip-Gigs seit vielen Jahren tanzte die auch schon 43-Jährige immer noch federnd über die Bretter dieser Tschumsn im finstersten Eck von Kreuzberg. Es war ein Pflichttermin für ihre Berliner Langzeitfans, die im Sommer nicht auf die großen Festivals fahren wollen, wo Gossip ihr eigentliches Comeback feiern werden. In Österreich wird es das viertägige LIDO SOUNDS in Linz sein, wo sie am 28. Juni mit ganzer Kraft aufschlagen wird. Kurz vor ihrem herrlich schwitzigen Gig parlierte sie noch mit uns: Selbstverständlich zog sie sich eigens fürs Interview um.

Sie haben auf der kleinen Insel Kauwai aufgenommen, wo Rick Rubin, den sie wieder als Produzent engagierten, ein Studio besitzt. Welche Rolle spielen Orte für die Qualität der aufzunehmenden Musik?

Auf der Mikroebene macht es sicher etwas aus. Aber nicht so viel, dass es einem bewusst werden würde. Zu Hawaii hatte immer schon eine besondere Beziehung. Ich war zuvor schon öfters da. Nur deshalb war es nicht der totale Horror aus den Studiofenstern aufs Meer rauszuschauen und zu wissen, ich komme da nicht raus. Die Klimaanlange im Haus war etwas schwach. Und so habe ich wahnsinnig viel geschwitzt. Und noch mehr gelacht, einfach weil Nathan so lustig ist. Es war heiß und eine Freude. Eine heiße Freude. Wenn ich gewusst hätte, wäre ich im Badeanzug angetanzt.

Was sind eigentlich die Qualitäten von Rick Rubin als Produzent?

Seine wichtigste Qualität ist, dass ich mit ihm eine ehrliche Unterhaltung führen kann. Aufgrund seiner Erfahrung weiß er ganz genau, wann er interveniert und wann er sich lieber zurückhält. Er ist nie belehrend, sondern fragt dich, was du an bestimmten Sounds nicht magst oder gerade doch magst. Er kann fantastisch über Musik als kreative Kunst sprechen und dir neue Perspektiven eröffnen. Platten zu machen und dabei zu lachen, ist für mich eine der schönsten Sachen der Welt.

Das Werk nennt sich „Real Power“. Was ist Ihre aktuelle Definition von Macht?

Die ändert sich permanent. „Real Power“ ist für mich, wenn der Mensch als Individuum wirklich handlungsfähig ist. Grundlagen dafür sind für mich Mitgefühl, Verständnis und der Wille, permanent voneinander zu lernen.

Das klingt nicht gerade nach Punk. Dennoch haben Sie sich immer auf den Punk-Rock-Feminism berufen. Kann diese Bewegung Fortschritte für sich verbuchen?

Natürlich gab es Fortschritte. Zunächst nur im Underground. Was dort mal etabliert ist, klettert langsam in den Mainstream. Und einiges davon ist mittlerweile angekommen. Die BodyPositivity-Bewegung kam schon weit. Fat-Shaming ist rar geworden. Vieles von den aktuellen Verbesserungen fußt auf den Aktivitäten des Punk-Rock-Feminismus.

Im Video von „Real Power“ zeigen Sie viel Haut. Fühlten sie sich jemals gezwungen, ihre Kunst mit den Mitteln der Erotik zu promoten?

Niemals. Niemand kann mich zu etwas zwingen. Auch nicht dazu, meine Kleider anzubehalten. Die Punkklamotten waren immer sehr heiß und irgendwann musste ich sie mir vom Leib reißen. Ich habe nie lange darüber nachgedacht, warum ich Haut zeigte. Es war immer eine Entscheidung, die plötzlich über mich kam.

Hatten Sie, was das Singen anlangt, Vorbilder?

Eine Menge. An erster Stelle meine Mutter. Sie hat eine wunderschöne Stimme und mir das Singen nach Noten beigebracht. Einerseits konnte sie ganz wild singen, andererseits das, was am Notenblatt stand. Sie hat mir beigebracht, genau zuzuhören. Das war das Fundament für alles, was ich später gemacht habe. Und die kürzlich verstorbene Melanie war eine große Inspiration für mich.

Das alte Hippiemädchen? Das überrascht mich. Ich habe mal einen Tag mit Melanie in Wien verbracht. Sie wollte unbedingt die Venus von Willendorf im Museum sehen, eine frühe Statue einer üppigen Frau.

Die Venus von Willendorf kenne ich natürlich. Ich wollte immer schon ein Kleid mit Bildern von ihr draufhaben. Das ist ja eine tolle Geschichte. Die hätte ich gern selbst erlebt. Melanies „Lay Down (Candles In The Rain)” will ich schon seit Ewigkeiten covern. Sie war definitiv ein Vorbild für mich, denn auch sie hat sehr laut gesungen.

Sie war zuletzt recht drall – das mochten einige alte Fans gar nicht.

Furchtbar. Dabei hat sie einmal einen lustigen Song übers Essen und misslungene Diäten geschrieben. „Animal Crackers“ hieß der. Die Zeile „If you eat your animal crackers, the children in Europe won’t starve anymore.” hat mich immer zum Lachen gebracht.

Sie sind als „lustige Dicke“ bekannt. Leiden Sie nicht zuweilen unter diesem Image?

Nicht wirklich. Ich fühle mich nicht darauf reduziert, denn es stimmt ja, dass ich ein lustiges und dickes Mädchen bin. Was mich auf die Palme bringt, ist bloß, wenn man mir eine Traurigkeit andichtet, die gar nicht da ist. Ich bin keine depressive Fette, sondern eine ganz natürlich Dicke.

Was ist für Sie schön?

Schönheit ist etwas sehr Relatives. Unser Empfinden verändert sich diesbezüglich beständig. Das, was wir darüber denken, gleichfalls.

Ihr erstes Solalbum „Fake Sugar“ klingt erstaunlich erdig. Es ist eine musikalische Rückkehr zu Ihren Wurzeln im amerikanischen Süden. Wie hat dieser Ihre Persönlichkeit geprägt?

Die Kultur des Südens ist sehr merkwürdig. Die guten Dinge sind sehr gut und die schlechten wahnsinnig schlecht. Der Alltag ist von Widersprüchlichkeiten dominiert. Das hat mich früh Empathie gelehrt. Früh sah ich echte Armut, wurde Zeuge, wie hart arbeitende Menschen wie Dreck behandelt wurden. Der weit verbreitete Rassismus lehrte mich, wie ich nicht sein will. Auf der anderen Seite verdanke ich dem Süden auch meinen speziellen Humor, meine Lärmigkeit und vielleicht auch ein wenig Weisheit. Hier lernte ich singen, nähen und fischen. Im Süden teilt man auch, wenn man wenig hat.

Mit Gossip sind Sie jetzt wieder beim schmutzigen Disco angelangt. Wie wichtig ist Tanzbarkeit für Sie?

Enorm wichtig. Diese Idee stand von Anfang an im Zentrum unserer Überlegungen. Immer schon hat es mir wahnsinnig viel Freude bereitet, wenn sich Menschen gezwungen sahen, zu meiner Musik herumzuhüpfen. Spaß und Tanz, das gehört einfach zusammen.

Welche Rolle spielt das Liedermachen für Ihre seelische Balance?

Eine sehr, sehr große. Meine Lieder sind tiefe, tiefe Therapie für mich. Man lernt so viel über sich selbst, wenn man sich beim Songschreiben dem Bewusstseinsstrom hingibt. Sämtliche Gedanken, die da auftauchen, sind ungefiltert und du fühlst den Augenblick, als wäre er ewig.  Ich liebe diese magischen Momente, in denen Lieder entstehen. Die haben etwas von Selbsthypnose.

Sind also sämtliche Ihrer Lieder autobiographisch?

Auf jeden Fall. Auch wenn es mir manchmal selbst nicht gleich bewusst ist. Es kann vorkommen, dass ich die eigentliche Aussage eines Songs erst nach Jahren richtig kapiere.

Warum macht es Sinn, immer noch Alben zu machen, obwohl es so viele Hörer gibt, die nur mehr auf Playlists zugreifen?

Vielleicht sind Alben mittlerweile etwas Altmodisches. Aber mir ist das egal. Ich liebe diesen Prozess, an dessen Ende du eine ganze Torte samt brennenden Kerzen hast.

Gossip gastieren im Rahmen des gut bestückten, viertägigen LIDO SOUNDS am zweiten Tag, den 28. Juni, in Linz, am zentral gelegenen Urfahrmarkt. Tickets gibt es bei oeticket.

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