Bild: Bierpartei
Dominik Wlazny will mit seiner Bierpartei ins Parlament. Der Turbobier-Sänger, Unternehmer, Buchautor, Kabarettist und studierte Mediziner verstand sein politisches Engagement zunächst als Satireprojekt. Inzwischen ist es ihm Ernst damit. Aber wofür steht die Bierpartei? Wen will sie ansprechen? Und sind Politik und Rock’n’Roll vereinbar?
Wien-Simmering, unweit der Gasometer. In einem Gewerbebau, der mehrere Firmen beheimatet, findet sich das Büro der Bierpartei. Es herrscht emsige Betriebsamkeit. Parteigründer und Spitzenkandidat Dominik Wlazny, auch bekannt unter dem Namen Marco Pogo, gibt am laufenden Band Interviews. Von seinen Erfahrungen als Musiker weiß er: Jegliche Promo und mediale Präsenz hilft. Ende September möchte er mit der Bierpartei gleich beim ersten Antreten den Einzug ins Parlament schaffen.
(Alle Informationen zur Nationalratswahl am 29. September findet ihr hier)
Spannend. Ein Beispiel: Prinzipiell duze ich alle. Ich merke aber, dass nicht mehr alle zurückduzen. Daran muss ich mich erst gewöhnen. Wahrscheinlich liegt das an meinen politischen Ambitionen. Oder daran, dass ich doch nicht mehr 18 bin.
Das kann man so sagen. Ich hab die Bierpartei als Satireprojekt gegründet, aber auch zu Beginn schon immer wieder durchblitzen lassen, wo ich stehe und was mir am Herzen liegt. Ich find’s auch leiwand, wenn sich Projekte weiterentwickeln. Das ist ähnlich wie in der Musik, immer nur dasselbe Album zu veröffentlichen ist auf Dauer auch fad.
Das war nach der Wien-Wahl 2020. Mit elf BezirksrätInnen kann man schon was bewegen, und das haben wir dann auch gemacht. Es wäre für mein Empfinden schade gewesen, diese Mandate nicht sinnvoll zu nutzen. Außerdem hat man es als Satirepartei in Österreich auch nicht mehr sonderlich leicht bei der Konkurrenz im Parlament. Da habe ich mir gedacht: Dann muss halt die vormalige Satirepartei Ernst machen.
Den darf man sich nicht nehmen lassen. Generell gilt das für das ganze Leben. Alles muss von einer gewissen Leichtigkeit getragen sein. Sonst sollte man es besser bleiben lassen.
Cut. Dominik Wlazny nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Der Raum für Meetings der Bierpartei verfügt neben einem sehr langen Tisch mit entsprechenden Sitzgelegenheiten auch noch über einen prall gefüllten Kühlschrank, in dem sich ausschließlich Turbobier befindet: Unter dem Namen seiner Band verkauft Wlazny auch Bier. Beim Gespräch gibt es wohlgemerkt nur Leitungswasser. Was zur nächsten Frage führt.
Ich habe am Anfang viele Schmähs mit Bier gemacht. Man muss einem Projekt aber wie gesagt auch zugestehen, dass es sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt. Der Name Bierpartei bleibt trotzdem. Ich finde ihn gut. Wir haben ihm Sinnhaftigkeit gegeben, indem wir sagen: Das „Bier“ in Bierpartei steht für „Bin in einer Reformbewegung“. Das drückt gut aus, was wir wollen. Außerdem mag ich Bier nach wie vor. Bier ist in Maßen genossen eine gute Sache. Es bringt die Leute zusammen. Auf Bier reimt sich „wir”. Dieses Wir-Gefühl wollen wir zurückbringen. A bissl mehr Miteinander und weniger Gegeneinander, das würd der Politik generell gut tun.
Ein Miteinander gibt es für uns mit jenen, die konstruktiv daran interessiert sind, die Situation für die Menschen in diesem Land besser zu machen.
Vermutlich würden das viele von sich behaupten. Was ich meine: Wenn jemand eine gute Idee einbringt, soll man sich die anhören und unterstützen. Man darf nicht gleich automatisch alles ablehnen, weil es von einer bestimmten Partei kommt. Das ist sicher auch ein Grund, warum die Leute so politikverdrossen sind. Dieses ständige Hickhack interessiert niemand.
Das halte ich für einen Blödsinn. Ein Einzug der Bierpartei könnte auch eine Zweierkonstellation Schwarz-Blau verhindern. Aber ich bin kein Politikwissenschaftler. Man wird sehen, was am Wahlabend rauskommt. Die Wähler der Bierpartei kommen aus allen Richtungen daher. Wir reichen allen die Hand und hören ihnen zu – egal, was jemand vorher gewählt hat.
Wir haben keine spezifische Zielgruppe. Die Dinge, die wir ansprechen, gehen uns alle was an, ob jung oder alt, ob Stadt oder Land. Von einem Zukunftsministerium, wir wir es fordern, profitieren alle Menschen, die in Österreich leben, von einer höheren Kompetenz in den Ministerien durch unseren „Eignungstest“ profitieren auch alle, wenn einfach bessere Entscheidungen getroffen werden.
Das Wichtigste ist, ein offenes Ohr für sie zu haben. Man muss ihre Sorgen ernst nehmen. Auf die Jungen und ihre Bedürfnisse wurde während und nach Corona nicht geschaut. Die Rechnung dafür bekommen wir jetzt präsentiert. Psychische Erkrankungen sind massiv angestiegen. Sie fühlen sich auch von der Politik nicht repräsentiert und nicht abgeholt. Das ist für unsere Gesellschaft ganz schlecht.
Die Bierpartei ist bislang ein Parteiprogramm, in dem sie ihre Standpunkte gesammelt präsentiert, schuldig geblieben. Auf der Website finden sich nur Positionen zu ein paar ausgewählten Themenbereichen. Manche Beobachter vermuten, Wlazny will vor der Wahl inhaltlich nicht zu viel sagen, um sich nicht angreifbar zu machen. Oder braucht eine moderne Partei etwa gar kein Programm mehr? Wir fragen nach.
Diese Frage beantworte ich sehr gerne: Wir hackeln intensiv an unserem Menü.
Ja. Das Menü (--> zum Menü der Bierpartei) soll ein dynamischer Prozess sein. Die relevanten Themen verändern sich ja ständig. Was in Parteiprogrammen niedergeschrieben steht, ist oft sehr starr. Und veraltet. Das Parteiprogramm der Grünen ist aus 2001. Das war eine andere Welt, würde ich sagen. Deshalb überspringen wir diesen Schritt einfach. Wir arbeiten stattdessen an unserem Menü. Das wird auch nicht mit 29. September fertig sein, es ist ein laufender Prozess. Wir setzen uns mit den Menschen an Stammtischen zusammen, diskutieren, versuchen die Probleme herauszufinden, die sie beschäftigen. Und dann machen wir Experten-Stammtische mit Menschen aus der Praxis. Wenn ein Menüpunkt fertig ist, gehen wir damit raus. Es werden noch etliche Punkte folgen.
Unsere Bundesliste, die wir gerade präsentiert haben, hat 17 Kandidaten. Das sind fähige, gute Leute aus allen Ecken des Landes, die sich uns angeschlossen haben. Sie sollen die Bevölkerung abbilden. Das tut das Parlament aktuell nicht. Es ist zu alt, zu männlich. Man kann gar nicht alleine bei einer Nationalratswahl kandidieren. Will ich auch nicht. Ich brauche ein gutes Team um mich herum. Ich vereine nicht alleiniges Expertentum in meiner Person, sondern höre gern Fachleuten zu, die wissen, worum’s geht.
Da liegt sehr viel im Argen. Es gibt nicht die eine Maßnahme, die alles wieder gut macht. Wir können aber an vielen Schrauben drehen, um für die Menschen in den Gesundheitsberufen wieder bessere Arbeitbsbedingungen zu schaffen und ihnen Wertschätzung entgegenzubringen. Damit sie wieder gerne dort arbeiten. Und bleiben. Die Leute rennen ja aus diesen Beruf raus. Gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter. Da wird es irgendwann mächtig paschen.
Es ist ein wunderbarer Beruf. Aber ich bin seit zehn Jahren selbständiger Musiker und sehr dankbar, dass ich das sein kann. Es gelingt nicht vielen, von der Musik leben zu können. Und jetzt bringe ich mich politisch ein. Ich glaube, da werde ich gerade dringender gebraucht.
Wir müssen begreifen, dass Kultur in Österreich über die Salzburger Festspiele und Grafenegg hinausgeht. Es gibt sehr viel Subkultur und alternative Musikkultur. Da hängen auch Jobs dran. Auf die darf man nicht vergessen.
Wir wollen einziehen und frischen Wind bringen. Je mehr Prozent, desto besser, denn dann haben wir auch die notwendige Kraft, lang überfällige Reformen einzufordern. Fürs erste sind wir mit 51 Prozent zufrieden, wir wollen ja nicht übertreiben.
Schön wär’s schon. Jedes Mal wenn ich mir im Fernsehen „Hohes Haus“ anschaue, denke ich mir: Sehr viel Rock’n’Roll ist im Nationalrat nicht. Aber wir von der Bierpartei haben unseren Spirit. Und der wird bleiben. Wir werden für Rock’n’Roll im Parlament sorgen.
Turbobier spielen am 7. Dezember im Alten Schlachthof Wels, am 12. im VZ Komma. Tickets gibt es bei oeticket.