Bild: Santiago Felipe
Konzerte der isländischen Sängerin Björk sind stets von spezieller Anmutung. Viele offene Münder gab es, als sie 1995 im Doppelpack mit dem heute schon fast vergessenen Drum’n’Bass-Künstler Goldie über die Erdbeerfelder in Wiesen geisterte. Drei Jahre später sang sie sirenhaft sie vor begeisterten Fans in der düsteren Wiener Libro-Hall. Seit damals ward dieser Superstar des entrückten Pop hierzulande nicht mehr gesehen. Man musste reisen, um diese grandiose Künstlerin live erleben zu können. Vereinzelt verirrten sich hiesige Fans 2001 nach Paris, wo sie im Le Grand Rex eine spektakuläre Performance ablieferte. Björks charismatische Stimme, unterstützt von einem grönländischen Inuit-Chor, einem Symphonieorchester und dem Technoduo Matmos bezirzten über die Maße. Im Publikum damals gesichtet: Schauspielerin Catherine Deneuve. Das war ein Event, das sich ins Gedächtnis einbrannte.
Das wird auch „Cornucopia“ leisten, ihre bislang im theatralischen Sinn aufwendigste Show, mit der sie bald vier Jahre tourt. Inszeniert wurde die atemberaubende Show von der argentinischen Filmregisseurin Lucrecia Martel. Immens wichtig für die alle Sinne kitzelnde Performance war auch der Virtual Designer Tobias Gremmler, der für famose Motion-Capture-Arbeit steht, wie sie aus den Björk-Videos bekannt ist. Das aktuelle Bühnenbild lockt in die klandestine Welt pilziger Mikroorganismen. Sie veranschaulicht die permanante Wandlung des Lebens. Als Opener und Begleitung von Björk agiert der fünfzigköpfige Hamrahild Choir. In der Regel singt Björk, umtost von diesem Stimmgewitter, ein paar isländische Volkslieder wie „Ísland, farsælda frón“ und „Vísur vatnsenda-rósu“. Manchmal intoniert sie auch „Maríukvæði“, ein auf einem Text des isländischen Liternaturnobelpreisträgers Halldor Laxness basierendes Kleinod. Danach geht es mit einem siebenköpfigen Flötenorchester in die Vollen.
Vogelgesangsflöten standen im Zentrum von Björks Album „Utopia“, das kurz vor der Konzeption der Show veröffentlicht wurde. Lieder dieser Songsammlung stehen im Zentrum, wenngleich auch das Gesamtwerk Björks an wesentlichen Punkten gestreift wird. Flötenallergiker seien also vorab gewarnt. Der Konzertabend wird von vielerlei Lüftchen in Wolkennähe gestemmt. Nie um originelle Zugänge verlegen, kontaktierte Björk im Vorfeld ein nur aus Frauen bestehendes Amateurensemble zur Verstärkung. Hausfrauen und Werktätige aus „ehrlichen“ Berufen kamen schon lange unter dem Signet „Flute Fridays“ zusammen. Björk hat sich diesen im schönsten Sinne, musikalischen Amateuren angeschlossen und das Ensemble letztlich engagiert. Zu diesem Zweck hat Björk ihre eigene, viele Jahre im Etui ruhende Flöte ebenfalls ausgepackt. Steine, wie in „Stonemolker“ von Vorgängeralbum „Vulnicura“, werden aber keine mehr gemolken in diesen zart optimistischen Liedern.
Die feinnervige Björk zeigt, dass es ein Leben nach der Depression geben kann. Kein Moderates, allerdings. Das wäre für eine Künstlerin von der Statur Björks zu gewöhnlich. Sie irrlichterte ja immer schon recht ungezügelt zwischen Manie und Melancholie hin- und her. Wenig überraschend nannte sie „Utopia“ einen Liebesbrief an Enthusiasmus und Optimismus. Dankenswerterweise projiziert sie ihr individuelles Aufbruchsgefühl auf die ganze Welt. „Wenn Optimismus jemals ein Notfall war, dann ist er es jetzt“, sagte sie bei Veröffentlichung in Hinblick auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. „Statt zu klagen oder zornig zu werden, müssen wir nun Vorschläge entwickeln, wie wir unsere Welt haben wollen.“
„Utopia“ ist so ein Vorschlag, der allerdings über das Politische hinausgeht. Die Natur rückt in den Mittelpunkt. Wie überhaupt im Füllhorn „Cornucopia“, wo Songs, die früher als einfache Liebeslieder begriffen wurden, zu Plädoyers für einen pfleglichteren Umgang mit der Natur werden. Bei einer Show in Los Angeles wurde gar Klimaaktivistin Greta Thunberg zugeschaltet. Mit der Natur war die aus Reykjavík gebürtige Björk ja immer ganz eng verbunden. Die Melodien der meisten ihrer Lieder fallen ihr auf stundenlangen Spaziergängen ein.
Und 2011 verblüffte sie mit „Biophilia“, wo sie auf teilweise neu entwickelten Instrumenten Lieder schuf, die jeweils ein Naturphänomen umkreisten. Für jeden Song kreierte Björk dann eine interaktive App. Niemand Geringerer als Naturfilmer David Attenborough sprach die Einleitung zu diesem App-Programm. Im Interview erzählte Björk dem Verfasser dieser Zeilen den Ursprung ihres Interesses an der Natur: „Wir hatten keinen Fernseher zu Hause. Ich ging also immer zu meinen Großeltern um diese tollen BBC-Dokumentationen von ihm zu sehen. David Attenborough war der Rockstar meiner Kindheit. Er brachte Hoffnung, sprach vom Handschlag zwischen der Natur und der modernen Welt. Das hat mich tief beeindruckt.“ Diese tiefe Faszination mit den rätselhaften Vorgängen in der Natur vermittelt die „Cornucopia“-Show auf sehr anschauliche Weise.
Weil Björk mittlerweile ihr zehntes Album „Fossora“ veröffentlicht hat, werden auch einige Lieder davon in die aktuellen Shows eingebaut. „Fossora” steht für „grabende Frau”. Bei dieser Tätigkeit entdeckt sie die wundersame Welt der Pilze, die Björk als Nervenssystem des Waldes bezeichnet. Und so feiert sie das Mysterium des Waldes. „His capacity for love is enormous, his celebrational intelligence is ridiculous.”
Man kann also gespannt sein, auf dieses multimediale Spektakel, bei dem auch der Tiroler Hang-Virtuose Manu Delago mitmischen wird. Die derzeit so missglückt wirkende Romanze zwischen Natur und Mensch wird an diesem Abend jedenfalls in Richtung Happy End gedacht, ganz im Sinne von Björks Liedzeile „Imagine a future and be in it“. Die Losung heißt: Future Forever!
Björk gastiert am 19. September in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.com.