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Cannibal Corpse: Schlagzeuger Paul Mazurkiewicz im Gespräch

05.04.2023 von Stefan Baumgartner

Was Metallica für den Heavy Metal, sind Cannibal Corpse für den wilden, kleinen Bruder des Death Metals: Sie sind nicht nur die größten, die das Genre zu bieten hat, das Aushängeschild und schlechthin die Blaupause für alle, die bereits zu ersten Gehversuchen nacheifern wollen. Sie sind mittlerweile fast als Synonym einer ganzen Bewegung zu sehen, ein Synonym allerdings, das sich im Gegensatz zu Metallica deutlich vitaler gehalten hat. Während die nicht viel älteren Metallica 35 Jahre später kein zweites „Master of Puppets“ mehr schreiben können und sich im chart- und hausfrauenfreundlichen, generischen Heavy Rock verlieren, wiederholen Cannibal Corpse von Album zu Album den Punch ihrer hochgelobten, ikonischen Frühwerke – zuletzt 2021 auf „Violence Unimagined“.

Eine brachiale Konsequenz, die die Mittfünziger nicht nur im Studio schaffen, sondern immer noch auch live: Death Metal ist Extremsport und kein Honiglecken, aber wenn Cannibal Corpse wie zuletzt in der rappelvollen Arena die Bühne betreten, wird selbst Caesars „Veni, vidi, vici“ in neue Höhen gepeitscht. Von der Eröffnung mit „Scourge of Iron“ von „Torture“ (2012) bis hin zum stets wiederkehrenden, aber würdigen Finale mit „Hammer Smashed Face“  von „Tomb of the Mutilated“ (1992) flogen die Menschenleiber durchs Publikum wie sonst amputierte Körperteile in einem überzogenen Splatterstreifen – und Schlagzeuger Paul Mazurkiewicz fand kurz vor der Show noch Energie für ein gelöstes Gespräch über Gewalt, ihre Verherrlichung und das Bild, das seine Tochter von ihm hat.

Cannibal Corpse wurden aufgrund ihrer Stringenz schon mit AC/DC und Motörhead verglichen – Vergleiche, die ihr als gerechtfertigt anerkennt. Gerade Alex und du loten künstlerische Grenzen anderswo aus – du mit Heaven’s Gate und Umbilicus. Überwiegt da beim Verfassen neuer Corpse-Songs die Routine, ist Cannibal Corpse in eurer Wahrnehmung tendenziell ein „Job“?

Cannibal Corpse begleitet uns schon fast unser ganzes Leben, aber es fühlt sich immer noch toll an, wenn wir Ideen für neue Songs haben. Ich denke, für „Violence Unimagined“ haben wir einige unserer besten Songs überhaupt geschrieben – auch, weil wir versuchen, unsere Fähigkeiten als Musiker immer noch etwas weiter an die Spitze zu treiben, das hält die Sache für uns frisch. Aber natürlich würde ich lügen, wenn ich sagen würde, wir hätten immer noch den jugendlichen Elan, den wir in den frühen Tagen der Band hatten (lacht).

„Violence Unimagined“ hat nun auch bereits zwei Jahre am Buckel – da müsste doch schon langsam das nächste Album am Horizont zu sehen sein?

Wir nähern uns langsam an, ja. Aber ich kann da noch keine genaue Einschätzung dazu geben, wann es so weit ist – vielleicht nächstes Jahr dann, aber wir befinden uns dahingehend erst am Anfang.

Ich gehe einmal davon aus, dass Erik erneut eine Doppelrolle – als Produzent und Gitarrist – übernehmen wird. Verändert das euren Songwriting-Prozess, wenn euch kein externer Produzent auf die Finger schaut?

Nicht wirklich. Erik war auch als er noch nicht in der Band war, sondern nur an den Reglern saß, ein enormer Mehrwert und ein guter Freund von uns, und das hat sich jetzt, als Teil der Band, nicht geändert. Nachdem wir nicht zusammen an Songs schreiben, gehen wir nicht anders vorbereitet ins Studio, als zuvor – aber das, was er musikalisch zu Cannibal Corpse beisteuert, ist natürlich großartig.

Und Vincent Locke? Euer Cover-Artist begleitet euch immerhin seit den Anfängen. Ist er, wie im Fußball das Publikum, der „12. Mann“?

Nein, überhaupt nicht. Er ist nicht eingebunden und hört die Musik oft auch nicht früher als du zum Beispiel. Er weiß, wie ein Album heißen wird, weiß vielleicht auch einige Songtitel oder Texte, und bekommt auch manchmal grobe Ideen, welches Setting wir gerne am Cover abgebildet hätten, kommuniziert, aber es ist nicht so, dass er im Schaffensprozess eingebunden ist.

Als ich damals, Mitte der Neunziger, auf Cannibal Corpse aufmerksam wurde, hatte ich das romantische Bild vor Augen, dass ihr als Band gemeinsam auf einer Couch herumlümmelt, Bier trinkt und Horrorfilme schaut und so Ideen zu neuen Songs entstehen. Das mag zumindest teilweise der Wahrheit entsprechen, wie schaut es aber heute aus? Immerhin seid ihr alle nun in den Fünfzigern, habt Familien und demnach auch ein häuslicheres Leben als früher.

Die letzten 15, 20 Jahre schreiben wir ja individuell an den einzelnen Songs und nicht mehr so wie früher, gemeinsam im Proberaum. Ich kann da nur für mich sprechen, aber wenn bei mir einmal ein Songtitel steht, ergibt sich die Geschichte dazu von selbst – da brauche ich keine Inspirationen. Über die Jahre hinweg haben sich so viele Ideen angesammelt, dass man da dann leicht drauf zugreifen kann.

Wie entscheidet ihr, wer wie viele Songs für ein Album schreibt, oder wer den Text zu einem anderen Song beisteuert? Das ist ja nicht durchgehend konsistent.

Als Pat noch in der Band war, habe ich fast alle seiner Texte geschrieben, weil er zwar ein hervorragender Songwriter, aber kein Texter war. Alex zieht es vor, die Texte zu seinen Songs selbst zu schreiben, Rob, früher einmal Jack und ich ebenso. Die Texte kommen bei uns aber immer erst ganz zum Schluss – und da kann es schon einmal vorkommen, dass jemand anders dann den Text verfasst, während an der Musik noch gefeilt wird – einfach, um die Zeit zu straffen.

Eines eurer wenigen Instrumentale fand sich zuletzt 2006 auf „Kill“, „Infinite Misery“. Nun lebt Cannibal Corpse definitiv zu einem großen Teil an der textlichen Bildgewalt. Böse Zungen können behaupten: Euch lief die Zeit davon und es war einfach keine Muße da, dafür noch einen Text zu verfassen.

Dass wir neben „Infinite Misery“ nur noch zwei weitere instrumentale Songs – „Relentless Beating“ auf „Vile“ und „From Skin to Liquid“ auf „Gallery of Suicide“ – hatten, kommt definitiv nicht von ungefähr, ja (lacht). Der Text ist, wie du richtig sagst, schon sehr wichtig bei Cannibal Corpse.

Wie relevant sind die Texte tatsächlich – oder ist euer Anspruch allein, dass sie möglichst brutal sind und George sie gut singen kann?

Unser Anspruch ist es schon, Kurzgeschichten zu schreiben, die nicht nur gut klingen, wenn George sie singt, und dabei möglichst brutal sind, sondern wo auch die Geschichte selbst mehr als eine reine Phrasendrescherei ist. Ich versuche schon, einen auch textlichen Spannungsbogen aufzubauen, der von der Musik natürlich mitgetragen wird, die Musik aber theoretisch nicht bräuchte. Das gesagt, bei einem Song ist es natürlich wichtig, dass du aber auch wiederkehrende und/oder catchy textliche Elemente hast.

Gerade zu euren Hochzeiten war die Zensur ein ständiger Begleiter von Cannibal Corpse. Hat sich mit eurem Älterwerden auch eine gewisse Form der Selbstzensur eingeschlichen, habt ihr euch selbst Grenzen gesetzt? Oder wäre ein Song wie „Necropedophile“, wo es um Sex mit toten Kindern geht, auch heute noch denkbar?

Auch wenn Cannibal Corpse immer sehr drastische Texte haben, Chris Barnes war noch einmal eine ganz andere Liga (lacht). Aber nein, eine Selbstzensur sehe ich bei uns nicht wirklich, wenngleich auch wir natürlich älter und etwas reifer werden. Dass die Zensur in gewissen Teilen der Welt ein ständiger Begleiter ist, ist zwar richtig – haben wir aber tatsächlich nicht so wirklich im Hinterkopf, schreiben also auch unsere Texte nicht mit dem Ziel, möglichst irgendwo anzuecken, um aufzufallen. Das, was wir schreiben, ist einfach unsere DNA, die möglichst unbeeinflusst aus uns heraussprudelt.

Du hast zuvor Pat angesprochen, der bekanntlich 2018 verhaftet wurde und 2020 von Erik Rutan ersetzt wurde. Pat ist mittlerweile bei Exhorder engagiert – weißt du, ob er sich mittlerweile also gefangen hat?

Nein, da weiß ich genauso viel wie du.

Zurück zur Gewalt: Mitdenkenden Menschen braucht man vermutlich nicht zu erklären, dass zwischen Gewaltfantasien und reeller Gewalt Welten liegen. In Europa wird Amerika als ein Land wahrgenommen, bei dem kaum eine Woche ohne Polizeigewalt oder Schulschießerei vergeht, erst letzte Woche gab es erneut eine in Nashville. Du bist Vater einer schulpflichtigen Tochter – wie weit plagen dich da die Sorgen?

Es ist schon zach, als ich noch Schüler war, mussten meine Eltern diese Sorgen noch nicht haben, dass ihr Kind vielleicht die Schule nicht mehr lebend verlässt. Da gehen mir, als Vater, natürlich Gedanken durch den Kopf – zumal es immer mehr und immer schlimmer wird. Andererseits musst du auch versuchen, Sorgen wie diese beiseitezuschieben. Es bringt nichts, wenn du stets angstgeplagt durchs Leben gehst – auch Autounfälle passieren, täglich.

„Shredded Humans“ – die Eröffnung von „Eaten Back to Life“.

Richtig (lacht). Schlimme Erlebnisse sind Teil des Lebens, sie gehören, so unglücklich ich darüber bin, nun einmal dazu. Ich glaube, wenn ich heute bei meiner Tochter nachfragen würde, wäre sie selbst nicht besonders alarmiert, aber natürlich wird Gewalt auch bei ihr in der Schule thematisiert und man wird dazu angehalten, ein wachsames Auge zu haben. Es ist traurig, dass es mittlerweile so weit gekommen ist, aber dennoch versuche ich, meiner Tochter und mir ein Leben außerhalb eines Schutzbunkers zu ermöglichen, denn das wäre auch nicht zielführend.

Oft heißt es von Außerhalb, dass Gewalt in Computerspielen oder in der Musik Jugendliche erst dazu anstachelt. Ab welchem Alter würdest du einem Elternteil empfehlen, dass ihre Kinder Cannibal Corpse hören dürfen? Hältst du diesbezüglich Kinder- und Jugendschutz für sinnvoll?

Kinder- und Jugendschutz ist definitiv sinnvoll, aber es ist natürlich schwer, das an einer Jahreszahl fest zu machen. Manche Jugendliche sind mit 16, 17 oder 18 geistig durchaus so weit, Fantasien nicht Wirklichkeit werden zu lassen – manche haben damit viel später noch ihre liebe Not. Aber für Kinder ist Cannibal Corpse definitiv nichts (lacht).

Ganz gleich ob sich Jugendliche, junge Erwachsene oder Erwachsene bei euch im Publikum befinden – wenn ich jeden einzelnen davon befragen würde, würde er vermutlich jedem aus der Band eine gewisse Coolness attestieren. Wie cool findet es deine Tochter, dass ihr Vater zu „I Cum Blood“ oder „Stripped, Raped and Strangled“ die Stöcke schwingt?

Ich glaube schon, dass ich tendenziell ein cooler Vater bin, natürlich mit einigen „uncoolen“ Tendenzen – speziell, wenn ich ihr etwas nicht erlaube (lacht). Aber dieses Problem hat vermutlich jeder Vater, egal wer du bist. Cannibal Corpse selbst ist für sie nicht ein so großes Thema. Natürlich weiß sie, was ich mache, und ich gehe mal davon aus, dass sie sich darüber freut, dass ich mit meinem Leben etwas mache, was mich erfüllt, aber sie ist definitiv kein Fan. Ja, sie gehört in ihrem Umfeld zu den „coolen Kindern“, weil ich in Cannibal Corpse spiele und demnach kein Vater mit einem „normalen“ Job bin, und manchmal bringt sie mir auch CDs zum Signieren mit nach Hause. Insgeheim wird ihr das natürlich schon gefallen, auch wenn sie es nicht zugibt (lacht).

Deine Tochter ist Teil einer Generation, bei der viel – und auch Musik – auf TikTok passiert. Gibt sie dir dahingehend Nachhilfe?

(lacht) Sie zeigt es mir, und ja, Kinder heutzutage sind deutlich anders als zu meiner Zeit – ich glaube, das bekommen wir alle in der Band, die einen mehr, die anderen weniger, mit. So kritisch ich vielen Dingen gegenüberstehe, so faszinierend ist es auch zu sehen, auf welche Art und Weise man sich heute – auch als Band – vermarkten kann. Aber das sind letztendlich Entscheidungen, die unser Management und nicht wir selbst treffen.

Ja, Cannibal Corpse haben eine Prominenz, in der ihr als Musiker euch selbstverständlich nicht mehr um jeden Scheiß kümmern müsst, ihr Personal und Angestellte habt, die sich um Fragen wie diese, um Merchandise und ähnliches kümmern. Aber wie weit schlägt die Endentscheidung über eure Vermarkung und Präsenz bei euch letztlich auf?

Wir halten uns zumeist aus all den Themen raus, sofern es nicht um die persönliche Vermarkung durch zum Beispiel Endorsements geht. In erster Linie sind wir Musiker, darauf legen wir unseren Fokus – es ist hilfreich, dass wir auf ein Team bauen können, auf das wir uns auch verlassen können, die wissen, was wir wollen. Wir haben zum Beispiel alle Zugriff auf unseren Instagram-Account, aber das Posten übernehmen andere. Aber ja, das letzte Wort haben immer wir, als Band. Es passiert nichts, hinter dem wir nicht auch stehen.

Demokratisch?

Ja. Auch wenn Alex und ich die einzigen Ur-Mitglieder sind, haben wir es immer schon so gehalten: Wer in der Band ist, ist Teil der Band.

Zum Abschluss unseres Gespräches ein Sprung zum Abschluss eurer Konzerte: Ohne „Hammer Smashed Face“ verlässt niemand die Halle. Geht dir der Song, mit der Frequenz, mit dem du ihn mittlerweile bereits gespielt hast, auch manchmal auf die Nerven?

Nein, weil „Hammer Smashed Face“ nicht nur unser populärster Song ist, sondern mir auch spielerisch viel Spaß bereitet. Natürlich könnte ich jetzt lang und breit diskutieren, ob ich persönlich ihn als unser Glanzstück erachte – aber diese Entscheidung liegt ja letztlich beim Fan und nicht bei der Band (lacht). Und wenn du auf der Bühne merkst, wie die Leute auszucken, dann verfliegt jede Unlust, wenn sie denn je existiert hat, in Windeseile. Und man muss auch sagen: Es ist schon bemerkenswert, einen Song geschrieben zu haben, der selbst außerhalb der Genregrenzen gewissermaßen als ikonisch wahrgenommen wird.

 

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