Bild: Stefan Baumgartner
Immer, wenn sich neue Bekanntschaften dafür interessieren, welche Musik ich privat gerne höre, spiele ich ihnen Death Metal vor - und delektiere mich an den entgleitenden Gesichtszügen. Wenn da, bei einer der härtesten Ausprägungen des Heavy Metals, der Sänger würgt und gurgelt, als würde er gerade an einer halben, frisch aufgeschlitzten Sau ersticken, die Gitarren wie ein Stakkato-Feuer ihre Salven durch die Gehörgänge pfeifen lassen, der Bass wie ein Enddarm kurz vorm Durchbruch wummert und das Schlagzeug brettert wie die aufgestachelte Stampede aus “Jumanji", dann steigen Ö3-Hörer*innen üblicherweise aus - und fragen sich wohl insgeheim, was in der Psyche eines Menschen vorgehen muss, um das überhaupt noch Musik nennen zu können, geschweige denn, das freiwillig auch zu hören.
Viele Gleichgesinnte halten es jedoch wie auch ich mit dem deutschen Liedermacher Funny Van Dannen, wenn er singt:
Und weil ich immer so friedlich bin brauch' ich zum Ausgleich ein bisschen Krieg,
Und deshalb höre ich privat am liebsten Menschenverachtende Untergrundmusik
Death Metal, das ist mehr als nur Musik - es ist eine kathartische Abrissbirne jenseits des guten Geschmacks, irgendwo zwischen morbider Poesie und dem Soundtrack zum endzeitlichen Weltenbrand. Inmitten der peitschenden Dissonanz liegt eine raue Schönheit, Death Metal ist ein Ventil, ein Exorzismus - aus Zerstörung erblüht bekanntlich nicht selten neues Leben.
Doch welche Werke gelten heute als meine persönlichen Säulenheiligen dieser infernalischen Kakophonie? Seit der Geburtstunde des Death Metals Ende der Achtziger sind ja abertausende Platten erschienen, zahlreiche Bands gegründet worden - und insbesondere Florida und die Gegend rund um Stockholm haben gerade in den Frühzeiten zahlreiche Klassiker hervorgebracht: Da wird es gerade für Spätberufene und Neueinsteiger schwer, sich bei den ersten Gehversuchen durch all die Leichenberge zurecht zu finden.
Ich zäume das Pferd zur Abwechslung von hinten auf. Für viele Genrekenner stellt sich die Glaubensfrage: Ist “Seven Churches” von Possessed, das im Oktober 1985 veröffentlicht wurde, das erste Death-Metal-Album überhaupt - oder “Scream Bloody Gore”, das Debüt von Death, das im Mai 1987 das Licht der Welt erblickte? Für mich ist der Fall ganz klar: Death Metal begann erst wirklich mit Death - und “Scream Bloody Gore” ist nicht nur das erste, sondern zweifelsohne auch das beste Death-Metal-Album aller Zeiten.
Angefangen beim stilprägenden Cover, das von Großmeister Ed Repka entworfen wurde, über die Texte, die sich allesamt um Blut und Beuschel drehten und mit “Evil Dead” sogar eine Hommage an einen der besten Horrorfilme aller Zeiten kredenzten, bis hin zur Musik, die für damalige Zeiten unglaublich brachial geraten war, ist “Scream Bloody Gore” bis heute die ultimative Blaupause für das komplette Genre. Egal ob "Infernal Death", "Zombie Ritual", "Mutilation", ”Torn to Pieces", “Evil Dead” oder das Titelstück - die gesamte Scheibe ist nicht nur ein wichtiges Zeitdokument des klassischen Death Metals, sondern wurde später auch nie übertroffen, maximal ex aequo erreicht. Ja, ich möchte sogar so weit gehen und behaupten: wer „Scream Bloody Gore“ nicht kennt, kennt Death Metal nicht.
Kopf hinter Death war der Amerikaner Chuck Schuldiner, der dank des amerikanischen Gesundheitssystems im Dezember 2001 im Alter von nur 34 Jahren an einem Gehirntumor verstarb - uns aber neben “Scream Bloody Gore” noch sechs weitere fantastische Alben mit Death hinterließ, die allesamt in wechselnden Besetzungen entstanden, gleichzeitig aber auch immer technischer und ausgefeilter gerieten. Heute zollen ihm, dem Vorreiter und “Godfather” des Death Metals, der zu Frühzeiten den Beinahmen “Evil Chuck” trug, gleich drei Bands Tribut:
Die neun weiteren, wichtigsten Death-Metal-Alben aller Zeiten liegen so knapp zusammen, dass man über die Reihung natürlich vortrefflich diskutieren könnte. Aber das Beste an persönlichen Bestenlisten ist: Man ist niemand Rechenschaft schuldig! Und natürlich sollte auch klar sein: Wenn man ein ganzes Genre auf nur 10 Platten reduzieren muss, dann fallen natürlich viele Klassiker - Spoiler: Bolt Thrower, Pestilence, Asphyx, Vader, Suffocation, Gorguts, Napalm Death und viele mehr - aus der Liste raus - aber der Weg hin zu den besten 25, 50, 100 oder auch 1000 Death-Metal-Alben kann dann von jedem Interessierten im Alleingang beschritten werden, wenn man mutig genug ist!
Mein "erstes Mal" mit Death Metal hatte ich, als Cannibal Corpse einen Cameo-Auftritt in “Ace Ventura” mit Jim Carrey hatten - von da an war es um mich geschehen. Das ikonische Cover, die abgedrehten Texte, die wilde Manie in Gesang und Text - und eine Produktion, die herrlich basslastig geraten ist, machen ihr drittes Album zum besten in einer fehlerlosen Discographie. Heute sind Cannibal Corpse die größte und prominenteste Death-Metal-Band weltweit - und “Hammer Smashed Face” ist live immer mit dabei!
“Like an Everflowing Stream”, das Debütalbum von Dismember, ist das Paradebeispiel für Death Metal aus Schweden, Stichwort: Buzzsaw-Gitarren mit diesem klassischen, kompromisslosen HM-2-Sound. Mehr archetypische Death-Metal-DNA geht wohl kaum, zumal das Besondere an dem Album die Lead-Gitarren sind, die durchaus an Iron Maiden denken lassen. Dazu gibt es mit dem Cover von Dan Seagrave ein unglaublich stimmungsvolles Eintauchen in eine Welt, in der der leibhaftige Deibel regiert.
Für ihr drittes Album “Necroticism - Descanting the Insalubrious” haben sich die Briten Carcass die Brachialität ihrer Grindcore-Anfänge bewahrt, mischen sie aber mit einer geschmackvollen Mixtur aus fast schon massentauglichen Melodien und den progressiven Elementen ihrer Zukunft. Dazu gibt es herrlich makabre Texte, die direkt dem Anatomielehrbuch und Leichenhallen entsprungen sind - nicht umsonst bedeutet der sexuell aufgeladene Albumtitel übersetzt in etwa „die ganze Ekel erregende Schlechtheit aus einem menschlichen Körper herausreißen“.
Deicide - und insbesondere Frontmann Glen Benton - sind Blasphemie pur, ihr Debütalbum “Deicide” hat damals mit den antichristlichen Texten einen Schockfaktor gehabt, den selbst Cannibal Corpse nicht wirklich toppen konnten: Dabei sind die gegen die katholische Kirche gerichteten Texte keine abscheulichen Schauergeschichten allein, sondern tatsächlich aus der Realität gegriffen. Musikalisch geht das Album für damalige Verhältnisse ultrabrutal zur Sache, lässt aber hie und da die eine oder andere Melodie aufblitzen.
Nachdem Schlagzeuger Chris Reifert nach “Scream Bloody Gore” bei Death ausgestiegen war, gründete er mit Autopsy eine eigene Band - und ist bis heute einer der wenigen Schlagzeuger, die nebenbei auch noch “singen”. Mit ihrem zweiten Album “Mental Funeral” klingen Autopsy elendig und grauslich und dreckig und hässlich wie kaum eine andere Band im Genre, und haben mit den gequälten Riffs gleichzeitig auch das Doom- und Sludge-Genre maßgeblich geprägt. Textlich dreht es sich hier vor allem um Necrophilie - gut, dass man nur wenig versteht …
Nachdem Bands wie Possessed und Death Vorreiter gewesen waren, erlebte der Death Metal Ende der Achtziger in den USA zunehmend einen Aufschwung. Obituarys Debüt “Slowly We Rot” war die erste namhafte Produktion von Scott Burns in den Morrisound Studios, die in der Folgezeit von Death- und Thrash-Metal-Bands häufig frequentiert wurden - und bis heute ein Album mit dem unmenschlichsten Gesang, der jemals aufgenommen wurde. Ein Musikjournalist hat damals über das Album geschrieben, es klinge wie “a remorseless assault against the senses and body”.
“Altars Of Madness”, das Debüt von Morbid Angel klingt wie ein böser Zauber - eine Qualität, die sie sich zumindest über ihre ersten drei Alben “Blessed are the Sick” und “Covenant” auch weiter behalten haben. Gitarrist Trey Azagthoth sagte einmal in einem Interview, dass er während der Aufnahmen zum Album vom innerlichen Drang, “die ganze Welt zu verschlingen, die Menschheit im Rauch aufzulösen”, angetrieben war. Klingt abgedreht, aber danach klingt das Album auch - selten hat man im Genre ein so meisterhaftes Schlagzeug- und Gitarrenspiel gehört!
Das vergleichsweise jüngste Album dieser Liste stammt aus Kanda, es ist das zweite Album von Cryptopsy: Bis heute findet man wohl kaum ein Album, das so roh und brutal und ungezügelt klingt, dabei aber immer einen roten Faden verfolgt. Der Groove ist monströs, das Tempo manisch und der Gesang von Lord Worm - im Brotberuf übrigens Lehrer! - jenseitig - und auch wenn man über Kannibalismus singt, sind die Texte jedoch äußerst literarisch, ironisch und zeigen sich an vielen Stellen gar von Burroughs inspiriert.
Das Debüt “Left Hand Path” von Entombed ist wie auch Dismember die Blaupause für den schwedischen Death-Metal-Sound - kein Wunder, dass es sogar von renommierten Rolling Stone Magazin zu den “100 besten Metal Alben aller Zeiten” gezählt wird. Tatsächlich war es sogar das allererste Album, das diesen typisch schwedischen Gitarrensound verwendete - und der das Album (neben dem ikonischen Cover) zu einem der düstersten Alben der Death-Metal-Geschichte überhaupt gereichen lässt: So muss es klingen, wenn man lebendig begraben wird!
Zum Abschluss sei noch ein Album erwähnt, dass es zwar knapp nicht in die Top-10 geschafft hat: “For God Your Soul … For Me Your Flesh” von der Wiener (!) Band Pungent Stench. Stench sind neben Belphegor, Disastrous Murmur und Disharmonic Orchestra eine der Aushängeschilde des heimischen Metals, aber nie klangen sie so gut wie auf ihren ersten beiden Alben. Doch etwas haben sich Pungent Stench über all die Jahre beibehalten: Die kranken Texte werden mit Feingefühl durchzogen vom typisch wienerischen schwarzen Humor.
Für Plattensammler interessant: Ab Mai werden ihre Alben peu a peu auf Vinyl via Hammerheart Records neu veröffentlicht!
Zum Abschluss kommen wir wieder zurück zu Death, genauer gesagt zu Left To Die: Wie auch schon bei ihrem letzten Konzert vergangenen August im Wiener Viper Room werden Left To Die Mitte September und erneut im Viper Room Songs von den ersten beiden Death-Alben spielen, und zwar “Leprosy” in voller Länge, sowie ausgewählte Stücke von “Scream Bloody Gore”. Ein paar Eindrücke von damals als Einstimmung gefällig?
Hier findet ihr alle 10 (11) Songs gesammelt in einer Playlist – ideal für eine knappe Stunde Blut & Beuschel.