Bild: Ingo Pertramer
Unermüdlich sind die alten Herren von Queen auf Achse und lassen sich ihr Alter nicht anmerken. Brian May ist stolze 76, Drummer Roger Taylor immerhin schon 74 Jahre alt, doch die Freude am Livespielen koaliert perfekt mit der nicht enden wollenden Nachfrage seitens der Fans. Erst letzten Oktober und November tourten die beiden mit ihrem etatmäßigen Sänger Adam Lambert ausgiebig durch Nordamerika. Im Februar stehen knapp zwei Wochen Japan an, weitere Termine für 2024 werden gewiss folgen und ein paar leise Hoffnungen darf man sich immer machen, dass es vielleicht doch noch einmal für einen Stopp hierzulande in der Wiener Stadthalle reicht. Auch wenn die 1970 in London gegründete Hitschmiede immer noch gerne von der strengen Rock-Geschmackspolizei verlacht wird, kann ihnen strenggenommen niemand das Wasser reichen.
Das geht weit über den unsterblichen Mythos von Freddie Mercury und den Jahrhundertsong „Bohemian Rhapsody“ hinaus – Queen ist ein Lifestyle, der nicht zuletzt durch den Welterfolg des Biopics „Bohemian Rhapsody“ mit einer beneidenswerten Darstellung von Rami Malek als Mercury auch jüngere Generationen in den Band der Kultband zog. Angeblich verhandelt man sogar schon über einen zweiten Teil. Die mehr als 50 Jahre andauernde Geschichte der Band gibt schließlich noch genug her. Im Laufe der Geschichte haben Queen rund 300 Millionen Tonträger verkauft, obwohl das letzte Studioalbum knapp 30 Jahre zurückliegt. Bis 2022 gingen ihre 40 Jahre alten „Greatest Hits“ allein in England mehr als sieben Millionen Mal über die Ladentische. Das Musikvideo zu „Bohemian Rhapsody“ wurde mittlerweile mehr als eine Milliarde Mal geklickt und ihr Sound inspirierte von Nirvana über Lady Gaga bis zu Rob Zombie so gut wie alle Stars, die die Musikwelt in den letzten 40 Jahren in unterschiedlichsten Genres hervorbrachte.
Natürlich lag das vor allem an der Vielzahl an Mega-Hits, doch nebenbei auch an der Zugänglichkeit der Band und den einzelnen Protagonisten, dass die Band einen derart hohen Kultfaktor einnahm. Auf der einen Seite Freddie Mercury als blühender Charismatiker mit der vielleicht besten Stimme der Rockgeschichte, auf der anderen der bodenständige Astrophysiker und Tierschützer Brian May an der Gitarre. Dazu der mit markanten Rockstar-Genen ausgestattete Roger Taylor an den Drums und der ruhige Bassist John Deacon, der nach Mercurys Tod 1991 bis auf wenige Ausnahmen völlig von der Bildfläche verschwand und eindrucksvoll bewies, dass man sich mühelos über Nacht von einer ruhmreichen Megakarriere und der Öffentlichkeit trennen kann. May und Taylor machen indes mit Feuereifer weiter, ohne Mercurys Andenken zu beschmutzen. Das Experiment mit dem Blues-gestählten Sänger Paul Rodgers ging nicht auf, dafür singt sich „American Idol“-US-Star Adam Lambert seit mehr als zehn Jahren erfolgreich in die Herzen der Fans.
Wer nicht ewig auf ein mögliches Österreich-Konzert von Queen mit Adam Lambert warten will, der kommt seinen Helden mit „One Vision Of Queen“ rund um Marc Martel am nächsten. Der Kanadier klingt nicht nur wie Freddie Mercury, er sieht ihm auch verblüffend ähnlich. Außerdem wurde er vom „Inner Circle“ geadelt – 2011 holte ihn Roger Taylor persönlich in die offizielle Coverband Queen Extravaganza und bescherte ihm damit eine respektable Karriere. Erst die „Greatest Hits“-Compilation von Queen machte ihn zum großen Fan und bereitete ihm den Weg. „Mir ist es immer noch unbegreiflich, wie talentiert Freddie Mercury war. Wie viel Ausdruck eine einzige Person besitzen konnte. Alle Musiker tragen ihre Note zu Songs bei, aber Freddie hat zeit seines Lebens alle übertroffen.“ Martel ist es wichtig, trotz allem eine gewisse Distanz zu Mercury und seinem Vermächtnis zu wahren.
„Ich bin kein Repräsentant von Freddie, aber ich zolle ihm definitiv Tribut. Am Wichtigsten ist es mir, mich nicht selbst in ihm zu verlieren. Ich mache immer sofort klar, dass ich mithilfe der Musik von Queen meine persönliche Geschichte erzähle und die Leute einlade, daran teilzunehmen. Die Menschen vergleichen mich aufgrund meiner Stimme ohnehin mit Freddie, somit habe ich nicht das Gefühl, dass ich noch mehr dazu beitragen muss.“ Die Parallelen zu Mercury sieht Martel weniger in der Stimme, sondern mehr in der Persönlichkeit der beiden. „Wir sind beide diese Jekyll-&-Hyde-Personen. Abseits der Bühne sind wir reserviert und manchmal sogar schüchtern. Sobald wir aber die Bühne betreten, drehen wir den Regler hoch, sind Entertainer und liefern die Show ab. Freddie war wohl auch so, aber ich würde niemals behaupten, dass ich weiß, wie er wirklich tickte.“ Dass wissen wiederum May und Taylor umso besser – und ziehen weiter durch die Welt, um Abertausende von Fans noch so lange wie möglich glücklich zu machen.
Doch auch das ehemals habsburgerische Österreich ist dank Austrofred wahrlich geadelt: Die zur Austrofred-Trademark gewordene Mischung aus Queen-Musik und Austropop-Texten wirkt auf den ersten Blick krude, auf den zweiten frech und charmant, auf den dritten einfach nur mehr grandios. Wer den Text von „Märchenprinz” zu „Bohemian Rhapsody” singt und „Schifoan” zu „We will rock you”, der ist entweder ein Genie oder ein Genie. Dazu ein Freddie-Mercury-Outfit auf Madame Tussaud’s-Niveau, ausgesuchte Wembley-Moves und ein gepflegter Schnauzbart – Grund genug, Austrofred zu Queen ein paar Fragen zu stellen!
Also, in den Achtzigern hat es vielleicht noch ein bisschen Abschätzigkeit Queen gegenüber gegeben, aber das hat sich in meiner Erinnerung schon 1991 gelockert, als der an sich als Queen-skeptisch positionierte Musikexpress die „Innuendo” zum „Album des Monats“ gemacht hat, einfach weil sie so gut war. Und nach dem Tod vom Freddie war das dann sowieso passé. Meiner Beobachtung nach checken heute auch solche, die die Musik nicht mögen, dass das von der Attitüde und von der Musikalität was ganz Besonderes war. Und dass der Freddie Mercury eine absolute Ikone ist, das weiß auch jeder.
Ich vertrag grundsätzlich ja einiges, wenns um einen gute Show geht, und mir ist klar, dass man manches biegen muss, damit die Dramaturgie stimmt, aber bei „Bohemian Rhapsody“ war mir das doch zu viel, da haben sie ja komplett auf die historische Timeline geschissen. Ein anderes Problem ist, dass der Rami Malek von Haus aus schon Froschaugen hat und dann verpassen sie ihm für den Film auch noch den Pferdebiss vom Freddie – das ist einfach zu viel. Weil einen optischen Makel, den machst du mit Ausstrahlung wieder gut, aber Überbiss und Froschaugen – damit wäre sogar ein Freddie Mercury niemals ein Star geworden. Wobei ich selbstkritisch genug bin, dass ich sage: Gar kein optischer Makel ist in Wirklichkeit auch nicht optimal, weil das empfinden viele fast schon als kitschig. Sehr gut war dafür der Brian-May-Darsteller und die Musik ist natürlich auch enorm gefahren, da haben sie schon wieder Millionen neuer Fans gewonnen. Plus ein paar Oscars.
Ich habe mir, ganz klassisch – und heute fast vergessen – beim Hartlauer einen Stapel Platten durchgehorcht und die neue Queen-Platte „Hot Space“ habe ich mir dann einfach auch aufgelegt, weil mir das Cover gefallen hat. Was für ein Erweckungserlebnis! Die Chöre! Die Power! Die Rhythmuswechsel. Ich war Fan auf den ersten Ton!
Ich bin schon auch ein Sammlertyp, aber mir reicht die offizielle Diskografie, ich brauch dann nicht mehr unbedingt auch noch die äthiopischen Pressungen und irgendwelche 7-Inches. Und ich kenne durchaus auch weibliche Sammlerinnen, wenn auch auf jeden Fall weniger. Was mir allerdings schon aufgefallen ist an Geschlechterunterschieden: Ich habe bei mir in der Wohnung sehr große Lautsprecherboxen und weibliche Besucher hängen da immer wieder einmal den Mantel und später sogar die Unterwäsche drüber. Ein Mann hat das noch kein einziges Mal gemacht!
Das Phänomen kenn ich gut, und ich habe aber auch schon festgestellt, dass man, wenn man ein paar Jahr Abstand hatte, beim Wiederhören schon auch wieder weiß, warum genau die großen Nummern die großen Nummern sind. So ging es mir zum Beispiel vor kurzem, als ich mir mal wieder „Close to the Edge“ von Yes aufgelegt habe. Unkaputtbar von den großen Queen-Hits sind in ihrer Aufgekratztheit für mich „Killer Queen“ und „Don’t stop me now“, als Geheimtipps würd ich mal so frühe Bombastnummern wie „The Prophet’s Song“ oder „The Fairy Fellers Master-Stroke“ nennen. Überhaupt das zweite und dritte Album.
Nein, Freddie Mercury war zu essentiell für Queen, als dass man ihn ersetzen könnte. Wenn man sich Queen plus Adam Lambert anschaut, dann kriegt man mit May und Taylor zwei Rock-Legenden, die ihre Hits spielen – that’s it. Das ist die Hälfte von Queen. Dann kommts halt drauf an, ob man eher ein Queen-halb-voll- oder ein Queen-halb-leer-Typ ist. Ich finde das mit Lambert aber grundsätzlich ein stimmiges Konzerterlebnis, das passt besser zusammen als damals mit Paul Rodgers, der natürlich ein super Sänger ist, aber halt ein Blueser. Ich meine, ein Queen-Song, wo der Sänger aufwacht und der Hund ist tot? Geh, bitte! Beim Freddie wäre höchstens eine Katze gestorben und dann spielts aber keinen Blues sondern Operetten-Drama! „Il gatto! Morto!“ Oder so.
Mich nervt dieses KI-Gerede, in Wirklichkeit kann man halt das Bandl besser ausputzen als noch vor ein paar Jahren, aber es hat ja kein künstlicher Lennon gesungen. Im Übrigen haben Queen mit „Made in Heaven“ und auf der „Forever“-Compilation dasselbe auch schon gemacht. Das sind nette Fußnoten, wie ein neuentdeckter Livemitschnitt oder ein paar Demos, spricht nix dagegen, her damit, aber das Werk an sich ist vollendet.
Eigentlich nicht. Mir fallen bei den anderen immer nur die Fehler auf, das nervt mich. Und wenn sie wider Erwarten was besser machen als ich, dann nervts natürlich noch mehr.
1. Brian Mays „Red Special“ ist fast so legendär wie er selbst – und mythenumrankt. Mit seinem Vater, von Beruf Elektroingenieur, bastelte der junge Brian ab 1963 rund 18 Monate an seiner Gitarre. Unter anderem besteht sie aus dem Mahagoniholz eines Kamins, einem Brotmesser und Teilen eines Motorrads. Das dafür verwendete Holz war bis zu 200 Jahre alt.
2. Der stille John Deacon ist auf allen wichtigen Queen-Songs zu hören, aber er war kein Gründungsmitglied. Vor ihm versuchten sich Mike Grose, Barry Mitchell und Doug Bogie (erfolglos) am Bass.
3. Was wäre der Sound von Queen, ohne Roger Taylors pointiertes und wuchtiges Drumming? Ein Glück, dass er sich vor der großen Queen-Karriere nicht für die zu dieser Zeit aufstrebenden Prog-Rocker von Genesis entschied, deren Angebot er auch vorliegen hatte. Dort setzte sich dann ein gewisser Phil Collins auf den Schemmel …
4. Das Budget der Rock-Götter war anfangs denkbar knapp, weshalb man die ersten Musikvideos kostengünstig zu Hause drehte. „We Will Rock You“ und „Spread Your Wings“ hat man stilecht in Taylors Hinterhof eingefangen.
5. Sich lange in den Charts festzusetzen ist möglich. In Österreich tut dies etwa Andrea Berg mit einer „Best Of“ seit vielen Jahren. Aber 26 Jahre durchgehend in den Charts vertreten sein? Eigentlich nicht möglich. Dann aber doch. Nämlich durch Queen in Großbritannien.
6. Die Bassline von Deacon bei „Another One Bites The Dust“ gehört zu den Ikonischsten in der Musikgeschichte. Dass die Nummer überhaupt so erfolgreich wurde, lag an Pop-Superstar Michael Jackson. Der hat seine Kumpels von Queen erst dazu ermutigt, den Song zu veröffentlichen.
7. Brian May war und ist ein großer Fan der Marx Brothers. Das war ein entscheidender Faktor dafür, dass Queen mit „A Night At The Opera“ (1975) und „A Day At The Races“ (1976) gleich zwei ihrer Alben nach deren Kurzfilmen benannten.
8. Queen gelten gemeinhin als familientauglich. Im prüden Amerika gelang es ihnen trotzdem, vom einst so großen Musiksender MTV verbannt zu werden. Der Grund? Die Drag-Kostümierungen der Bandmitglieder im Video von „I Want To Break Free“ erschienen dem Sender als zu riskant zur Ausstrahlung.
9. Auch eine absolute Größe kann sich einmal irren: „Bohemian Rhapsody“ ist für viele der beste Rocksong aller Zeiten. Sir Elton John konnte sich damit nicht so gut anfreunden und fand ihn „zu abgedreht“ für Radio-Airplay.
10. Der stets hochkreative Freddie Mercury wollte nichts dem Zufall überlassen. Weil es immer sein konnte, dass ihm eine neue Eingebung überkam, musste er stets bestmöglich gerüstet sein. Als er sich in München ein Klavier an die Badewanne stellen ließ, kam ihm die Grundstruktur für „Crazy Little Thing Called Love“ in den Sinn.
„One Vision of Queen” mit Marc Martel erleben Sie am 19. September in der Wiener Stadthalle D. Ebenfalls für Queen-Fans empfehlenswert ist „The Spirit of Freddie Mercury” ab März in ganz Österreich, sowie „Queen Symphonic” mit dem Alla Vienna-Chor und Orchester im Jänner und Februar in Wien und Salzburg. Tickets gibt es bei oeticket.
Austrofred erleben wir mit Kurz Razelli am 22. März im Orpheum Wien, sowie mit "in Theorie und Praxis" ab Jänner im Theater Forum Schwechat. Tickets gibt es bei oeticket.