Bild: Ginger Dunnill
Die in Paris und den USA lebenden Musikerinnen und Schwestern Bianca und Sierra Casidy bilden das Duo CocoRosie. Ihre Musik klingt im besten Sinne verrückt: immer ein bisschen neben der Spur, fantasievoll, abenteuerlich. Am wohlsten fühlen sich die beiden in ihrer ganz eigenen Nische zwischen Indie, Pop, Avantgarde und Hip-Hop. Mit „Little Death Wishes“ liegt aktuell wieder mal ein feines neues Album vor. Demnächst tritt das außergewöhnliche Duo in Wien auf. Wir haben Bianca Casidy auf Tour in ihrem Hotelzimmer in Mailand erreicht.
Ja, fast ohne Pause. Wir haben auch viel Theater-Musik gemacht zwischen den Alben.
Es ist wie eine Ehe. Wahrscheinlich enger als die meisten Ehen. Als Schwestern haben wir uns als Erwachsene nicht so sehr auseinander entwickelt, wie wir es hätten, wenn wir verschiedene Karriere verfolgen würden. Bei CocoRosie gibt es viel Verzweiflung und viel gemeinsame Geschichte, Hoffnung und Überwindung. Aber ja: Es ist unser Geheimnis und macht uns aus, dass wir Schwestern sind.
Da hat es einfach Klick gemacht. Meine Schwester studierte klassischen Gesang an einem Konservatorium. Und sie spielte mehrere Instrumente nicht sehr gut, aber ziemlich gut. Sie ging im Schreiben von Liedern auf. Ich kam eher von der Wortseite und hatte eine unendliche Menge Poesie im Gepäck. Ich denke, sie fand heraus, dass ich die fehlenden Qualitäten hatte, die sie wollte und brauchte, um Musik zu machen. Sie wollte das Ganze zu Beginn mehr als ich. Meine Ambitionen in Bezug auf Musik waren zu der Zeit begrenzt. Für mich war es nur ein weiteres Medium, das ich erforschen konnte. Ich hatte keine Vorstellung, dass es für ein Leben lang sein würde.
Wir ticken da unterschiedlich. Der kreative Prozess ist sehr frei. Wir haben aber unsere Tendenzen. Sierra spielt meistens Klavier. Ich bin mehr in der Beat-Produktion tätig. Man könnte sagen, ich bin das Drum-Departement, was ein großer Teil unserer Musik ist. Besonders unser neues Album „Little Death Wishes“ ist sehr drum-heavy. Mit den melodischen Instrumenten habe ich nicht so viel zu tun. Wir kommen einander nicht in die Quere, wenn man so will. Wenn das Gerüst zu einem Song steht, ist noch viel Platz für Improvisation etwa beim Gesang. Wir singen ihn mehrmals und probieren aus, welche Stimme besser passt. Manchmal singe ich mehr Songs als sie, manchmal ist es umgekehrt. Wir kontrollieren das nicht und gleichen es auch nicht an, damit es 50:50 ist.
Ja. Wir ergänzen uns einfach gut. Ich denke mehr an die Beats, sie an die Melodie. Zusammen ergibt das etwas Größeres, als eine von uns allein je erschaffen könnte.
Ich denke schon. Es ist immer noch ein Mix aus Genres und Kulturen, den wir anstreben. Eine Zeitreise, eine Mischung aus verschiedenen Epochen der Musik, eine Collage. Ein Freund, der neulich zu unserem Show kam, sagte auch, dass unsere heutige Musik viel geradliniger ist. Wir erzählen jetzt mehr Geschichten, wo wir früher abstrakte Poesie machten.
Um 2009 wurde es schwieriger. Zuvor haben wir sogar als Indieband noch sehr viele Platten verkauft. Durch Streaming Geld zu erwirtschaften, ist bei weitem schwieriger. Du musst Millionen um Millionen Streams haben, um etwas zu verdienen. Wir haben das irgendwie kompensiert, indem wir in verschiedenen Bereichen aktiv sind. Zum Beispiel haben wir mit dem Theaterregisseur Robert Wilson für mehrere Produktionen zusammengearbeitet. Es ist notwendig, mehrere Feuerstellen zu haben, um unsere Musikkarriere zu erhalten.
Hip-Hop ist das einflussreichste Musikgenre unserer Zeit. Ich mag auch den Ansatz, der sehr zu unserem passt. Es ist eine Art Recycling bereits bestehender Musik. Viel Hip-Hop basiert ja auf älterer Musik, und die Poesie steht im Vordergrund. Zu der Zusammenarbeit mit Chance the Rapper kann ich sagen: Sie kam zustande, weil er sehr beeinflusst von unserer Musik war. Das soll nicht arrogant klingen. Er hat sich während seines Studiums mit uns befasst und uns später kontaktiert. Wir sind im alten Hip-Hop bewanderter als bei aktuellen Sachen und kannten ihn gar nicht. Es war eine sehr inspirierende Begegnung.
Die Sachen, mit denen man aufgewachsen ist, sind einem einfach näher. Wir konkurrieren auch nicht mit den großen Namen in der heutigen Rap-Welt, drum können wir das links liegen lassen. Hip-Hop ist für uns primär etwas, das wir gut in unsere Richtung bringen können. Wir erschaffen unsere eigene Hip-Hop-Fantasie.