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Konzerte

St. Vincent: Manchmal muss man einfach nur schreien

10.03.2025 von Stefan Baumgartner

Hinter dem Pseudonym St. Vincent steht die amerikanische Musikerin Annie Clark - für all diejenigen, die bisher noch nichts von ihr gehört haben, betreiben wir einmal ein kleines Namedropping und eine Einordnung:

Clarks Solokarriere begann 2007 mit ihrem Debütalbum “Marry Me”, ihren Künstlerinnennamen entlehnte sie aus dem Song “There She Goes, My Beautiful World” von Nick Cave, wenn er über den walisischen Dichter Dylan Thomas singt: “And Dylan Thomas died, drunk in St. Vincent's Hospital”. Seitdem ist sie nicht nur vom Rolling Stone Magazin als eine der besten Gitarristinnen aller Zeiten ausgezeichnet worden, sondern auch zu einer der Lieblingsmusikerinnen zahlreicher Musikergrößen geworden: Zusammen mit David Byrne von Talking Heads veröffentlichte sie 2012 ihr Album “Love This Giant”, Kamasi Washington spielte auf “Masseducation” (2017) das Saxophon ein, Dave Grohl von den Foo Fighters saß für zwei Stücke ihres aktuellen Albums “All Born Screaming” (2024) hinterm Schlagzeug - sind Grohl und Clark doch alte Bekannte: Als Nirvana 2014 in die Rock'n'Roll Hall of Fame einzogen, sang sie mit ihnen den Klassiker “Lithium”, dieses Jahr beim “Fire Aid” den Klassiker “Breed”.

Apropos Gastrollen: Anne Clark hören wir nicht nur auf “To Be Kind” (2014) von den Swans, sie sang auch auf “What's The Use of Won'drin” am Amanda-Palmer-Album “Who Killed Amanda Palmer” (2008), und für das Charity-Tribute-Album “The Metallica Blacklist” (2021) wurde sie von den Heavy-Metal-Giganten Metallica höchstpersönlich erwählt, “Sad But True” zu covern. Teil vom “Song Machine”-Projekt der Gorillaz war sie übrigens auch, und für Taylor Swift schrieb sie am “Lover”-Hit “Cruel Summer” (2019) mit.

St. Vincent spielte bereits im Vorprogramm von etwa The Black Keys, zwei ihrer Songs - “Rosyln” mit Bon Iver und “The Antidote” - waren im Soundtrack der “Twilight”-Saga zu hören, ihr Lipps Inc.-Cover “Funkytown” in “Minions: The Rise of Gru”. Und nicht zuletzt haben auch die Grammys an St. Vincent einen Narren gefressen: Seit 2015 wurde sie mit sechs Grammys ausgezeichnet, bei der Preisverleihung 2019 stand sie gemeinsam mit Dua Lipa für drei Songs auf der Bühne. Dieses Jahr konnte sie gleich drei Auszeichnungen mit nach Hause nehmen und festigte so ihren Ruf als eine der einflussreichsten, dabei aber auch experimentellsten Künstlerinnen der Gegenwart - wenn etwa die New York Times über sie schreibt:

Nach sieben Alben in 17 Jahren hat sich Anne Clark einen einzigartigen Platz in der Welt der Popmusik erobert, der sich zwar gelegentlich mit dem Mainstream überschneidet, aber zumeist kompromisslos gegenkulturell bleibt.

Dass sie, im Privatleben, für kurze Zeit von sowohl dem Model Cara Delevingne, als auch dem “Twilight”-Star Kristen Stewart die Partnerin war, sei bei all dieser künstlerischen Brillanz (um die es uns ja in erster Linie gehen soll) nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Bleiben wir also bei der musikalischen Brillanz, die bei St. Vincent im breiten Spektrum zwischen David Bowie und Nine Inch Nails, Björk und Kate Bush zu verorten ist: Vergangenes Jahr erschien also ihr siebtes Album “All Born Screaming”, das wie gesagt gerade erst bei den Grammys dreifach premiert wurde - und übrigens unter dem Titel “Todos Nacen Gritando” auch in einer spanischen Version veröffentlicht wurde.

Ist es eine künstlerische Wiedergeburt von St. Vincent - der Albumtitel lässt es ja erahnen? Kaum ein Moment im Leben eines Menschen ist so voller Leben wie der allererste, wenn der frisch geborene Säugling seinen ersten Schrei (von vielen) erbricht: Der erste Schrei ist ein deutliches Lebenszeichen des Neugeborenen, es schnappt mit dem Schrei automatisch nach Luft, die Lunge entfaltet sich, und der Kreislauf stellt sich auf das Leben außerhalb des Mutterleibs um. Aber St. Vincent hat mit ihrem stets forschenden, sich immer wieder häutenden Zugang zur Musik seit jeher die Neuerfindung und demnach künstlerische Wiedergeburt auf den Leib geschneidert, sich auf jedem ihrer Alben eine neue Maske aufgesetzt - wie etwa auch kongenial David Bowie vor ihr.

Und genau dies ist ihre Brillanz: St. Vincent lässt sich nicht in eine Schublade stecken, ja, nicht einmal auf einem Album selbst - ist ihr auf “All Born Screaming” doch sowohl eine Hinwendung zu Industrial-Bässen und kreischenden Noise-Gitarren gelungen, wie gleichermaßen auch zum avantgardistischem, mal auch theatralischem Pop. Darüber legt sie ihre innersten Emotionen von Trauer bis Wut aber auch Zuversicht frei, mit Texten durchdrungen von intensiven, körperlichen Bildern - und zeigt, der Grammy-Sammlung zum Trotz, dass auch in der Welt der überbordenden Popmusik nicht alles glatt und flauschig und zuckerlsüß und aufgeplustert sein muss, sondern, dass auch Ecken und Kanten ihren Raum haben und wirklich guter Popmusik erst Konturen verschaffen.

“All Born Screaming” ist ein Album, das inspiriert, erhebt und zeigt, dass Annie Clark alias St. Vincent als Künstlerin noch lange nicht auserzählt hat.

Die Qual der Wahl

Am 24. Juni wird St. Vincent dann ihr breites Œuvre - wohl mit Fokus auf “All Born Screaming” - im Wiener Globe auch live vorstellen, der Kartenvorverkauf startet diese Woche Freitag; Der einzige Nachteil daran: Nur anderthalb Kilometer weiter stadtauswärts zelebrieren taggleich die zwar ruppigeren, aber nicht minder fantastischen Amyl & The Sniffers im Gasometer mit ihrer musikalischen Abrissbirne einen kollektiven Befreiungsakt.

Aber ich fürchte mich ohnehin schon vor dem nahenden Erste-Welt-Problem: Im Juni heißen wir generell nicht nur eine Vielzahl an fantastischen Musikerinnen in unserer Landeshauptstadt - von Pom Pom Squad über Billie Eilish und Tate McRae bis hin zu Emiliana Torrini - willkommen, sondern freuen uns natürlich auch auf zahlreiche weitere tolle Konzerte über einen Fokus auf die Geschlechter hinaus, ein übervoller Terminkalender ist also vorprogrammiert. Für St. Vincent-Fans könnten folgende Juni-Konzerte jedenfalls auch interessant sein:

NIИ

Am 27. Juni gastieren im Rahmen ihrer “Peel It Back”-Tour endlich wieder Nine Inch Nails in Österreich, in der Wiener Stadthalle D. Im Vorprogramm: der Hamburger DJ Boys Noize.

CocoRosie

Am 18. Juni stellen Bianca und Sierra Casady alias CocoRosie mit kaleidoskopischen Geschichten ihr neues Album “Little Death Wishes” in der Simm City vor.

STEREOLAB

Einen Ohrenschmaus für alle, die sich zwischen David Bowie, Sonic Youth, Placebo, Radiohead und Daft Punk zuhause fühlen, zelebrieren am 16. Juni die Hypnotiseure Stereolab im WUK.

THE THE

Lange Schatten, große Hoffnungen, eine kanalisierte Wut, fiebrige Leidenschaften und eine süßlich verstörende Ergriffenheit zelebrieren The The am 30. Juni in der Arena (Open Air).


Die Grammy-Stars in Österreich

Bereits vor einem Monat habe ich darüber jubiliert, dass zahlreiche Grammy-Stars im Sommer auch den Weg über den großen Teich finden und in Österreich konzertieren werden - nun reiht sich St. Vincent in die überraschend lange Liste noch ein! Hier nochmal der Überblick:

  • Am FM4 Frequency (13. bis 15. August, St. Pölten) spielen Post Malone und Chappell Roan
  • Am LIDO SOUNDS (27. bis 29. Juni, Linz) spielen Justice
  • Green Day spielen am 17. und 18. Juni in der Wiener Stadthalle D
  • Am Nova Rock (11. bis 14. Juni, Nickelsdorf) spielen Idles, Knocked Loose, Poppy und Spiritbox
  • Joe Bonamassa spielt am 6. Juli auf Burg Clam
  • Fontaines D.C. spielen am 21. August in der Freiluft Arena B in Graz
  • Nine Inch Nails spielen am 27. Juni in der Wiener Stadthalle D
Tickets für die Grammy-Stars

Tickets für St. Vincent sind erhältlich ab Freitag, 14. März um 10 Uhr - meldet euch gleich beim oeticket-Ticketalarm an, um pünktlich erinnert zu werden, sobald der Verkauf startet!


Live-Termine


St. Vincent - "All Born Screaming"

24. Juni 2025 | Wien, Globe


Infos auf dem Stand vom 10.03.2025  

Ticketalarm
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