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Insane: "Boots On The Ground" von Massive Attack und Tom Waits

16.04.2026 von Stefan Baumgartner

“Boots On The Ground”: Der gemeinsame Song von Massive Attack und Tom Waits ist ein düsteres Statement zur Zeitgeschichte - zwischen Autoritarismus, Militarisierung und Neofaschismus.

Zu Jahresanfang hat das britische Trip-Hop-Duo Massive Attack angekündigt, dass es endlich neue Musik geben wird: Immerhin ist ihr letztes Album “Heligoland” 2010 erschienen, in einer Zeit, als gerade erst Instagram, dafür noch kein TikTok existierten, Taylor Swift noch Country-Sängerin war und Harry Styles gar Schüler. Den Anfang macht “Boots On The Ground”, eine Kollaboration mit niemand Geringerem als Tom Waits: Passenderweise ist es - abgesehen von gelegentlichen Filmscores - auch sein erster musikalischer Beitrag seit “Bad As Me” 2011.

Ihr gemeinsamer musikalischer Beitrag ist ein schwermütiges wie flammendes Porträt des Zeitgeschehens mit Blick (nicht nur) gen Amerika, Stichwort ICE-Razzien und staatlicher Autoritarismus: “In der gesamten westlichen Hemisphäre verschmelzen staatlicher Autoritarismus und die Militarisierung der Polizeikräfte erneut mit neofaschistischer Politik. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Notlage, im Inland wie im Ausland, enthält dieser Track Impulse von gefühlloser Impulsivität und eines verlassenen Geistes”, erklärt Robert Del Naja von Massive Attack - wobei er nicht nur als Musiker hochpolitisch agiert, sondern zudem Teil des Banksy-Kollektivs ist, das hinter den berühmten Graffitis steht. Und auch als Privatperson zeigt er sich engagiert: Erst vergangenes Wochenende wurde bekannt, dass er Teilnehmer der von der britischen Regierung als terroristisch eingestuften Gruppe “Palestine Action” war, die auf dem Londoner Trafalgar Square gegen den Völkermord in Palästina protestierte. Er wurde abgeführt und wegen des Verdachts der Unterstützung einer verbotenen Organisation festgenommen. Dazu äußerte er sich in einer ausführlichen Erklärung auf Instagram, in der er die "drakonische Regierung" scharf kritisierte.

Aber zurück zu “Boots On The Ground”: Zum Song zeigt man ein knapp siebenminütiges Video von US-Fotograf thefinaleye, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: Eine Montage über eine von gesellschaftlichen Spannungen und Gewalt gezeichneten Epoche der amerikanischen Geschichte - von den Ermordungen von Breonna Taylor & George Floyd bis zu den ICE-Einsätzen in Minnesota. “Die Torheit der Menschen ist ein Festmahl für die Fliegen”, verrät Del Naja weiter - und leitet damit auch gleich auf die B-Seite der Single über: “The Fly” ist ein von ebenfalls Waits gesprochenes Spoken-Word-Stück. Über Spotify werden die neuen Stücke übrigens nicht verfügbar sein - erstmals in der Bandgeschichte. Als eine der ersten Majorlabel-Künstler überhaupt hatten Massive Attack letztes Jahr beschlossen, ihre Musik aus Protest gegen die Investitionen des CEOs Daniel Ek von der Streamingplattform abzuziehen. Den gesamten Erlös aus dem Verkauf der Vinyl-Ausgabe werden sie dafür passenderweise an die American Civil Liberties Union und das US Immigrant Defense Project spenden.

Wie bringt die Zukunft?

Würde man Massive Attack nach ihrer Einschätzung ob der Zukunft fragen, würde man als Antwort wohl “Düster.” bekommen. Aber immerhin einen Lichtblick gibt es: Während ihr letztes Album “Heligoland” 2010 erschein, und ihre letzte Single “The Spoils” auch schon ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat, dürften zumindest Massive Attack aus dem Irrsinn der Welt wieder Kraft schöpfen und Fahrt aufnehmen.

Die Reaktionen auf “Boots On The Ground” zeigen: Zumindest die Boomer wurden nun erneut daran erinnert, wie nachhaltig Massive Attack die musikalische Landschaft der Neunziger verändert haben, man könnte sogar argumentieren, dass ihr Debüt “Blue Lines” (1991) eines der einflussreichsten britischen Alben seiner Ära war und quasi im Alleingang das Subgenre Trip-Hop begründete. Auch 35 Jahre später hallt es nach - bis hinein in den Mainstream-Pop einer Billie Eilish und einer Lana Del Rey. Freilich ist es lange her, dass Massive Attack selbst noch so klingen wie auf “Blue Lines”: Seit den späten Neunzigern wurde ihr Sound zunehmend dunkler, abstrakter und beunruhigender - stärker geprägt von kantigem Post-Punk-Experimentalismus als von Hip-Hop, insbesondere wenn Del Naja und nicht Bandkollege Grant Marshall das Steuer übernahm. Dieser Zustand wird durch “Boots On The Ground” mit dem unruhigen Atem und dem arrhythmischen Klappern noch unterstrichen. Und auch mit dem Mut zur Stille, zum Schweigen - durchzogen von einer unheilvollen WTF?!?!-Note, die perfekt in diese Zeit passt.

Ob es hingegen auch von Tom Waits neue Musik geben wird, das steht in den Sternen: Dabei klingt er auf “Boots On The Ground” so brachial wie schon lange nicht mehr. Offenbar aus der Perspektive einer enthemmten Autoritätsfigur, eines Aggressors und Kriegstreibers vorgetragen gerät sein Part vielleicht gar noch verstörender als die Musik: “I kill a brown man I never ass knew, choked on spit and then he turned blue.”

Mit dieser Kollaboration ist man jedenfalls schon perfekt aufgewärmt und auf Betriebstemperatur für den morgigen Freitag: Da erscheint nach ihrem Coachella-Auftritt die nächste Traum-Kollaboration, diesmal aus der Feder von Nine Inch Nails und Boys Noize.


Live-Termine


Massive Attack

07. Juni 2026 | Berlin, Zitadelle Spandau


Infos auf dem Stand vom 16.04.2026  

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