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Konzerte

Massive Attack in Berlin: Freiheit für Palästina

15.06.2026 von Stefan Baumgartner

Die Trip-Hop-Koryphäen Massive Attack bewiesen zu Monatsanfang kurz nach ihrer unwetterbedingten Absage beim Primavera und bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert in der Zitadelle Spandau, dass Musik mit Politik Hand in Hand gehen kann.

Vielleicht ist es ein philiströses Weltbild, aber wenn ich meinen Hintern von der Couch aus dem Haus bewege, eventuell auch noch eine längere Anreise auf mich nehme und dann auch noch gut 80 Euro für ein konzertantes Amüsement löhne, dann bin zumindest ich mir darob bewusst, warum und vor allem wofür ich all dies tue. Dieser Auffassung dürften jedoch zahlreiche Menschen, die sich am 7. Juni in der Zitadelle im Berliner Bezirk Spandau eingefunden haben, nicht gewesen sein: Denn da spielten vor etwa 10.000 Menschen die britischen Trip-Hop-Koryphäen Massive Attack - und hinterließen den einen oder anderen mürrischen Konzertbesucher, darunter gar eine Person mit MAGA-Käppchen. Und dies lag weder an der Musik, dem (malerischen) Ambiente der Zitadelle Spandau oder der Produktion - lediglich an wohl fehlgeleiteten Erwartungshaltungen.

Dabei sind Massive Attack nicht erst seit gestern mehr als “nur” ein musikalisches Gesamtkunstwerk, das ein ganzes Genre begründete und beeinflusste und spätestens mit “Mezzanine” (1998) zu einem globalen Phänomen wurde: Allein, dass Bono Vox von U2 sie als “eine der wichtigsten Bands in der Geschichte der Popmusik” benennt, sollte schon die über das Musikalische hinauswirkende Brisanz ausreichend verdeutlichen. Denn insbesondere Robert Del Naja ist seit jeher für seinen kompromisslosen politischen Aktivismus bekannt und verbindet ihre Shows mit Botschaften zu Klimaschutz, dem Nahostkonflikt und andere systemkritische Themen - und soll zudem auch dem Künstlerkollektiv Banksy angehören. Kein Wunder: Viele Mitglieder und Wegbegleiter von Massive Attack werden der sogenannten Windrush-Generation zugerechnet - den Kindern jener Migrant*innen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus britischen Kolonien ins Vereinigte Königreich kamen, um beim Wiederaufbau der Wirtschaft zu helfen. Diese Bevölkerungsbewegung brachte ein enormes kulturelles Wissen mit sich, das sich rasch mit westlichen Einflüssen vermischte. Genres wie Dub, Reggae, Ska, Jungle und Drum’n’Bass sind eng mit dieser Entwicklung verbunden - und all das hört man bei Massive Attack in Ton und Text heraus.

Wenn sich dann also nicht nur vereinzelte Personen am Konzertareal, sondern tatsächlich eine Vielzahl darüber echauffieren, dass sie für ein Konzert, und nicht für eine “Pro-Palästina-Demo” gelöhnt hätten, dann hat man die Hausaufgaben nicht gemacht. Zumal erst vor wenigen Wochen mit “Boots On The Ground”, ihrer Kollaboration mit Tom Waits, ein düsteres Statement zur Zeitgeschichte zwischen Autoritarismus, Militarisierung und Neofaschismus erschienen ist - man müsste also nicht einmal in der Geschichte von Massive Attack gegraben haben. Zudem: Das einzige Gastspiel von Massive Attack in Deutschland war genauso wenig ein Demo-Zug wie eben ein reines Amüsement - sie haben einfach nur (erneut) bewiesen, dass Musik mit Politik auch gekonnt Hand in Hand gehen kann, zumindest dann, wenn man sich als aufgeschlossener Weltbürger versteht.

Zugegeben: Der Konzertabend muss in den Nachwehen erst verdaut werden. Bereits bei der jordanischen Vorband 47Soul, die zu den relevantesten Vertretern der Shamstep-Bewegung im Nahen Osten gehört, kann man schon erahnen, wohin die Reise gehen wird - flankiert von Videosequenzen aus dem zerstörten Gaza hören wir bereits hier gitarrengetriebene Dance-Lieder reich an politischen Aussagen und folkloristischen Texturen, gefolgt von einer Rede von Arab Barghouti, dem Sohn des “palästinensischen Nelson Mandelas” Marwan Berghouti, ist da der rote Faden schon früh ersichtlich.

Ob jede*r der im Areal Anwesenden im Nahostkonflikt ebenfalls “auf der richtigen Seite” (eben: pro-Palästina) steht, das werden wohl nur wenige tatsächlich eindeutig beantworten können: Eine Schwarz-Weiß-Sicht, wie sie zahlreiche Künstler von Roger Waters bis Kneecap, von den Gorillaz bis Mitski, von Billie Eilish bis Rage Against The Machine ausrufen, hat in einer derart komplexen Problemzone einen fahlen Beigeschmack und etwas schrecklich Populistisches, denn leiden muss die Zivilbevölkerung in jedem Konflikt hier wie dort.

Auch bei Massive Attack überragt das Geschehen auf der Leinwand die Show der Musiker - Massive Attack liefern vielmehr mit Gästen lediglich den Soundtrack zu dem düsteren Treiben aus Bildern von Demonstrationen, Kriegen, Polizeieinsätzen, Kindern, die in Kobaltminen malochen, Klimakatastrophen und mehr - gepaart mit reduzierten politischen Slogans, sogar auf Deutsch. Es mag wie ein Frontalvortrag wirken, als ein missionarischer Versuch, dem Publikum das einzig richtige Weltbild einzumeißeln.

Aber: Ein mündiger Mensch kann dies ausblenden oder als sphärisches Ambiente wahrnehmen. Denn die musikalische Begleitung - um es einmal überspitzt zu formulieren - ist allen Zweifeln erhaben. Wie (leider) auch die Themen sind nämlich auch die Songs von Massive Attack über die Jahrzehnte hinweg zeitlos geblieben, mit einer mal synthetischen, mal organischen Schlagseite atmen sich Massive Attack auch durch die erdrückende Schwere dieser vermeintlichen “Pro-Palästina”-Demo hindurch: Eine schaurig-schöne Stimmung, die zudem durch Gastauftritte von Elizabeth Frasher (Cocteau Twins), Deborah Miller und Horace Andy noch potenziert wurde. Man erlebt hier schwebende, traumartige Sequenzen eines Klangsurrealismus und, wenn man richtig steht, hie und da quakende Frösche in dieser burgartigen Festungsanlage am Rande Berlins. Doch querbeet, da schwebt auch die Hoffnung, die kurz zuvor bereits Arab Barghouti in seiner Rede thematisierte: Massive Attack setzen nämlich nicht nur auf eigenes Songmaterial, sondern auch auf fünf Coverversionen, die als thematische Eckpfeiler fungieren - darunter gleich anfangs das auf einem Sample von Gigi D’Agostino basierende “In My Mind”. Überirdisch wird es hingegen, wenn Fraser eine überwältigende Interpretation von “Black Milk” zelebriert, oder Millers Gesang zu einem der “Massive-Hits”, nämlich “Unfinished Sympathy”, ertönt – nicht minder, als Horace Andy eine besonders düstere Version von “Angel” darbietet: Da muss wohl jede*n die himmelhochjauchzende Euphorie ergriffen haben - hier paart sich Schmerz mit Schönheit.

Aber natürlich ist der mahnende Zeigefinger pointiert auch einmal übergroß: Nämlich dann, wenn Horace Andy zu “Girl I Love You” erneut die Bühne betritt und eine Gesichtserkennungs-Software Menschen im Publikum erfasst und ihre Gesichter auf die Leinwand projiziert. Auch wenn das Gegenteil versichert wird, bleibt da doch die Frage: In welcher Cloud bleibt dieser Moment gesichert?

Mit den bedrohlichen “Take It There” und “Future Proof” widmen sich Massive Attack gar ihren vielerorts unterschätzten Werken “100th Window” und der “Ritual Spirit”-EP: Pop-Appeal gepaart mit eisiger Unruhe. Und zumindest hier wirken die Projektionen auf der Leinwand nicht minder treffend und beeindruckend wie auch bei Kraftwerk: Bei “Future Proof” ist’s etwa ein Chatverlauf mit einer Künstlichen Intelligenz, die sich als Liebespartner ausgibt - in seiner verstörenden Dekonstruktion passt dies perfekt in den Zeitgeist.

Ja, Massive Attack haben bei ihrem Konzert bewiesen, dass (ihre) Musik immer auch politisch ist. Aber vorrangig eben dann doch: Musik. Musik, die insbesondere dank der Gäste auch das Potenzial der Menschheit, Hoffnung und Liebe zu finden, Unterdrückung zu überwinden und den endlosen Kreislauf von Zerstörung zu durchbrechen, reproduziert - mit einer unendlichen Grazie, die stellenweise dann doch die gewaltige emotionale Last von den Schultern nimmt.

Einziger Kritikpunkt: Es war manchmal ein bisschen leise. Aber das mag, wie bei so vielen Open-Air-Locations, auch den Lärmschutzbestimmungen der Stadt geschuldet gewesen sein.


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Infos auf dem Stand vom 15.06.2026  

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