Bild: Venla Shalin
Die neue Videosingle "Banksy" von The Rasmus ist dem berühmten, aber auch umstrittenen britischen Street-Art-Künstler und Aktivisten gewidmet. Doch wer ist er?
Bereits am 12. September erschien mit “Weirdo” das elfte Studioalbum von The Rasmus, nun folgt mit der Videosingle zum Song “Banksy” ein Nachschlag: Das Livevideo wurde von Eero Heinonen, dem Bassisten von The Rasmus, inszeniert und auf ihrer aktuellen Tour in Helsinki gefilmt. Im Song selbst verneigen sich The Rasmus von Banksy, dem umstrittenen britischen Street-Art-Künstler und politischen Aktivisten, der bis heute ein anonymes Mysterium geblieben ist - obwohl er in aller Munde ist. Was haben aber The Rasmus mit Banksy am Hut?
Ungeachtet dessen, dass in der Ukraine immer noch der Krieg wütet, ging diesen Juli erneut das Atlas Festival über die Bühne - es ist dies vor dem Krieg eines der größten Festivals Europa gewesen, Bands wie The Prodigy, Tom Odell, The Chemical Brothers und Placebo haben dort schon gespielt. Dieses Jahr spielten aufgrund des Krieges nur ukrainische Bands am Festival - mit Ausnahme eines ausländischen Gastes: The Rasmus. Sie wollten ein Zeichen setzen und unterstützen mit ihrem Auftritt Kinderkrankenhäuser, den Kauf von Rettungsfahrzeugen und medizinisches Personal im Einsatzgebiet: "Es ist schon unheimlich, inmitten von einem Kriegsgebiet zu spielen, aber wir wollen unsere Unterstützung für die Ukraine und ihre Bewohner deutlich zeigen”, erklärt The Rasmus-Frontmann Lauri Ylönen. “Wir haben hier eine sehr große Anzahl an Fans - und haben ja in der Vergangenheit auch schon mit dem Kalush Orchestra, Gewinner des Eurovision Song Contests zusammengearbeitet.”
Und auch Banksy setzte in der Ukraine mit seinen Graffiti ein Zeichen - allerdings schon 2022, das dafür gleich mit sieben Werken, die [an dieser Stelle] zu sehen sind. “Wir sind alle große Fans von Banksy”, erzählt Lauri Vlönen erneut, und weiter: “Ich habe früher selbst Graffiti gemacht.”
Zuletzt war 2023 nach großen Erfolgen in unter anderem Linz und Graz auch in der Wiener Stadthalle die Ausstellung "The Mystery of Banksy" - A Genius Mind" ein wahrer Publikumsmagnet: Weltweit haben deutlich über eine Million Besucher*innen die Wanderausstellung gesehen, die mehr als 150 Werke des gefeierten aber umstrittenen Street-Art-Superstars zeigte. Graffitis, Fotografien, Skulpturen, Videoinstallationen und Drucke auf verschiedenen Materialien wie Leinwand, Stoff, Aluminium, Forex und Plexiglas wurden eigens für diese Sonderschau reproduziert und zusammengetragen. Es waren also allesamt keine Originale, weil die findet man - wie zum Beispiel in der Ukraine zu sehen - direkt zumeist auf Gebäuden aufgesprayt.
Das Verwunderliche dabei: In den Zeiten vor dem Internet war es noch ein Leichtes, selbst als Künstler seine Anonymität zu wahren und die Werke für sich sprechen zu lassen. Aber heute gibt es die Anonymität kaum noch: Egal ob Musiker, Künstler, Autor - wer ein Superstar ist, dessen Gesicht, dessen Namen, dessen Biographie kennt man oder findet man in Windeseile im Internet. Nicht aber bei Banksy: Er ist nicht nur der wahrscheinlich berühmteste, sondern auch mysteriöseste Graffiti-Künstler der Welt. Seine Identität hält der Schätzungen zufolge etwa 45-50 jährige Brite bislang erfolgreich geheim, während seine Werke international nicht nur die Straßen, sondern vereinzelt auch die Auktionshäuser erobern - man denke an den Moment zurück, an dem sich 2018 Banksys “Ballonmädchen” bei der Versteigerung im Sotheby's selbst zerstörte.
Aber was hebt Banksy von seinen Kollegen ab? Natürlich ist es einerseits seine Guerilla-Taktik: Niemand weiß, wann und wo das nächste Werk von Banksy auftauchen wird. Zumal Banksy selten den “sicheren Weg” geht: Man muss sich schon mal trauen, in ein Kriegsgebiet wie die Ukraine zu reisen. Oder zuletzt tauchte im September am Royal Court of Justice in London (!) ein Kunstwerk von Banksy auf: Eigentlich ein Wahnsinn, dass er unentdeckt auf das Gerichtsgebäude ein Motiv sprayen konnte - ein Motiv, das zeigte, wie ein Richter in traditioneller Robe und Perücke mit einem Hammer auf einen wehrlosen Demonstranten einschlägt. Das Werk erschien justament in einem politisch aufgeladenen Moment: Nur zwei Tage zuvor wurden bei einer Demonstration gegen das Verbot der Aktivistengruppe Palestine Action fast 900 Menschen festgenommen. Banksys Mural wird als deutliche Kritik an staatlicher Repression und der Einschränkung zivilgesellschaftlicher Proteste verstanden - kein Wunder, dass die umstrittene und verfolgte Band Kneecap (deren Wien-Konzert im September kurzfristig abgesagt wurde) das Motiv als Cover ihrer aktuellen Single “No Comment” erwählt haben.
Es ist dies somit sein zweites Alleinstellungsmerkmal: Seine Motive sind eine pointierte Ansage und Basis dafür, um eine alternative Sichtweise auf politische und wirtschaftliche Themen zu bieten - seine Gesellschaftskritik ist hart, aber deutlich. Denken wir da etwa zurück, als Banksy 2006 eine einem Guantanamo-Häftling nachempfundene Puppe im Disneyland platzierte. Übrigens: 2015 schuf er in der westenglischen Stadt Weston-super-Mare mit dem temporären Dismaland eine Parodie eines Freizeitparks.
Oder denken wir zurück, als er 2017 das The Walled Off Hotel in Bethlehem, unmittelbar an der Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland, eröffnete: Banksy gestaltete die Inneneinrichtung des Hotels mit zahlreichen Bezügen auf den (heute mehr denn je wütenden) Nahostkonflikt und den Alltag der Sperranlage - dabei wirbt das Hotel mit der “schlechtesten Aussicht der Welt”.
Auch wenn viele seiner Werke - wie zuletzt das am Londoner Gerichtsgebäude - letztlich entfernt wurden und nach viral gegangenen Fotografien somit verloren sind: Banksy verbreitet mit seinen Kunstwerken stets eine visuelle Botschaft, die eine mediale, politische und öffentliche Debatte entfacht - sein provokatives Timing und seine harte, dabei kreativ umgesetzte Gesellschaftskritik sind immer Teil seiner kongenialen Inszenierung.
Da ist es nur naheliegend, dass eine Frage stets über seinen Werken thront und hie und da in den Vordergrund drängt: Wer ist dieser Banksy eigentlich? Dass es bisher noch niemandem gelungen ist, seine Identität zu enthüllen, spielt ihm natürlich in die Karten: Die Anonymität verstärkt die politische Botschaft seiner Werke als Katalysator, durch fehlende Personalisierung wird der Fokus auf das Werk und dessen Aussage gelenkt. Aber auch: Durch seine Anonymität kann er seine Meinung frei äußern, ohne Angst vor direkten Konsequenzen oder Repressalien zu haben - vor allem, weil seine Kunst oft illegal platziert ist.
Trotzdem gibt es verschiedene Theorien über Banksys Identität. Die gesicherten Informationen über Banksys Ursprung belegen, dass der Künstler seine Wurzeln in der englischen Stadt Bristol hat: Denn dort begann er in den Neunzigern als aufstrebender Künstler, seine Graffitis im städtischen Raum zu hinterlassen. Als eines der wahrscheinlichsten Gerüchte gilt, dass hinter Banksy Robert Del Naja von Massive Attack steckt: Del Naja ist tatsächlich auch ein Graffiti-Künstler und hat in Bristol unter dem Namen 3D gearbeitet - ein Name, den Banksy in spärlichen (und anonymen) Interviews als eine seiner frühen Quellen der Inspiration erwähnt hat: Vielleicht wollte er damit auf eine falsche Fährte locken?
In den letzten Jahren wurden auch Spekulationen laut, die besagen, dass Jamie Hewlett, Gründer der Gorillaz, hinter Banksy steckt. Ein anonymer Forensiker behauptete, dass Dokumente belegen, dass Hewlett Verbindungen zu jeder Firma hat, die in Verbindung mit Banksy steht. Ein weiteres Indiz für diese Vermutung sind Hewletts frühere Arbeiten für Musikvideos der Band.
Aber vielleicht steckt hinter Banksy zumindest mittlerweile auch nicht mehr nur eine Person - sondern gar ein Kollektiv? Wegen des riesigen Volumens und der geografischen Streuung liegt es nahe, dass es sich bei Banksy zumindest heute gleich um eine Kunstmarke handelt, die lediglich vom “ursprünglichen” Banksy gesteuert wird. Aber: Spielt es wirklich eine Rolle? Die Kunstwelt - und auch die Welt außerhalb der Bubble - wird von Banksy auch weiterhin fasziniert sein, seine Bilder werden auch weiterhin neue Diskussionen anstoßen, seine Sozialkritik schafft auch ohne großen, prominenten Namen dahinter vor allem eins: Zum Nachdenken anzuregen.