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Konzerte

Das Belfaster Hip-Hop-Trio Kneecap bringt Hype und Kontroverse nach Wien

01.08.2025 von Stefan Baumgartner

Für ihre Bubble gilt das Belfaster Trio Kneecap als die neuen Rage Against The Machine: Künstler, die nicht nur die „richtige“ Einstellung vertreten, sondern ihre Plattform auch dafür nutzen, die Welt zu einem besseren Planeten zu gestalten. Die anderen wähnen hinter Kneecap terroristische Tendenzen.

Programmatisch ist ja schon die Entstehungsgeschichte von Kneecap: Während Bands oder künstlerische Kollektive üblicherweise durchs gemeinsame Saufen im Stammlokal, durch Annoncen oder gar ein Casting zusammenfinden, ist die Geburtsstunde von Kneecap in einer Polizeistation in Belfast. 2017 wurde Móglaí Bap (Naoise Ó Cairealláin) nämlich am Vorabend des Marsches für den Irish Language Act von der Polizei aufgegriffen, als er das Wort „Cearta“ (irisch für „rights“ – „Menschenrechte“) auf eine Belfaster Bushaltestelle sprühte. Weil er sich im Verhörraum weigerte, Englisch zu sprechen, wurde ihm ein Dolmetscher zur Seite gestellt, der glücklicherweise im Hauptberuf auch Musiklehrer ist: J.J. Ó Dochartaigh (alias DJ Próval). Er erkannte das musikalische Potential von Móglaí Bap und seinem Kumpanen Mo Chara (Liam Óg Ó hAnnaidh) – und bewegte sie zur gemeinsamen Gründung von Kneecap, als musikalisches und friedliches Sprachrohr für die Rechte Irlands. So erzählt zumindest der teils-fiktive Film „Kneecap“, der unter großem Andrang Anfang des Jahres auch in den österreichischen Kinos gezeigt wurde.

Unter dem Fazit der Presse „Kneecap is a riot“ beginnt der Höhenflug: Aus zwei wütenden Buben aus der Arbeiterklasse (und einem Lehrer) wird nicht nur ein Hip-Hop-Trio, das (bevorzugt) auf Irisch rappt und so für die Erhaltung der irischen Kultur – und einen Mittelfinger an die britische Krone – eintritt, sondern gar ein gigantischer Hype. Doch Zensur und Gewalt pflastern die kurze Geschichte sein Anbeginn: 2019 wurde Kneecap etwa von der Democratic Unionist Party öffentlich stark kritisiert, nachdem Videos von einem Auftritt der Band in der Empire Music Hall in Belfast aufgetaucht waren, in denen sie „Brits out!“ (also: „Briten raus!“) sangen. Einen Tag vor dem Konzert hatten der britische Thronfolger Prinz William und seine Frau Kate einen Auftritt in der gleichen Halle gehabt.

Kneecap – ihr Name ist übrigens eine Anspielung auf das sogenannte „kneecapping“, einer innerhalb der IRA durchgeführten Bestrafung, bei der in eine oder beide Kniescheiben geschossen wird – sind also stark mit dem irischen Republikanismus verbunden, der eine Wiedervereinigung Irlands und damit ein Ende der britischen Kontrolle anstrebt. Sie bezeichnen sich selbst als „Republican Hoods“ und rappen beinahe ausschließlich auf Irisch – als Akt des Widerstands. Ihre Kritik bezieht sich dabei vor allem auf die Klassenungleichheit – insbesondere in der Arbeiterklasse. Eine Ungleichheit, so Kneecap, die bis in die psychische Gesundheit hinein Wurzeln schlägt und nicht selten auch in den unausweichlichen Drogenkonsum und die Kriminalität führt.

Freiheit für Palästina!

Doch ihr politisches Engagement hört nicht in der Heimat, auf der Insel auf: Wie ein Gros der „linken Bubble“ sind auch Kneecap öffentliche Unterstützer eines unabhängigen Palästinas und zeigen sich bei ihren Konzerten häufig mit palästinensischen Flaggen. 2021 waren sie Teil einer Aktion der „Ireland Palestine Solidarity Campaign“, bei der über 1000 irische Künstler zu einem Boykott des Staates Israel aufriefen.

Beim diesjährigen Coachella warf die Band dem Staat Israel Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen vor und verbreitete Parolen wie „Fuck Israel!“: Dies war auch der Grund, wieso die BBC ihren Auftritt am diesjährigen Glastonbury nicht live streamte – sehr wohl jedoch den darauffolgenden von Bob Vylan, der während des Auftritts Sprechchöre wie „Death to the IDF“ („Tod der israelischen Armee“) anstimmte. Da wird wohl der eine oder andere Kopf bei den BBC gerollt sein …

Liam Óg Ó hAnnaidh wurde zudem wegen einer terroristischen Straftat angeklagt: Ihm wurde vorgeworfen, in einem Londoner Konzertsaal eine Flagge der in Großbritannien verbotenen im Libanon agierenden proiranischen Terrormiliz Hisbollah gezeigt zu haben – ein Vorfall, der schließlich dazu führte, dass die ungarische Regierung ihnen die Einreise für einen Auftritt beim Sziget Festival (6. bis 11. August) untersagt hat: Ihre Präsenz auf ungarischem Grund und Boden würde „die nationale Sicherheit ernsthaft gefährden“ – wenngleich bei allen Kontroversen Kneecap stets betont hat, „Angriffe auf Zivilisten stets zu verurteilen“. „Cancel-Culture und Kulturboykotte sind keine Lösung", hieß es daraufhin von den Organisatoren des Sziget.

Österreich-Ungarn

Auch wenn Österreich und Ungarn dereinst, in der Monarchie, Hand in Hand gingen: Die österreichische Politik denkt wohl (noch) progressiver als Orbán – nicht nur, was etwa die Pride und Rechte von LGBTQIA+ Menschen betrifft, sondern Meinungs- und Sprachfreiheit im Generellen. Zumindest gibt es unsererseits noch keinen politischen Gegenwind für Kneecap: Nach ihrem verhaltensunauffälligen Auftritt 2022 am FM4 Frequency Festival schickt man sich nun am 1. September an, den Wiener Gasometer zu bespielen. Eine volle Hütte gilt als höchstwahrscheinlich: Auch wenn es kein geschickt gesetzter Marketingschmäh ist, die Kontroversen rund um Kneecap fördern ihren Hype – allerdings wird wohl mit Demonstrationen sowohl von der Pro-Palästina-Front als auch Israel-Sympathisanten zu rechnen sein. „This is a moment and a movement. And it’s only just begun.”


Live-Termine


Kneecap

01. September 2025 | Wien, Raiffeisen Halle im Gasometer


Infos auf dem Stand vom 01.08.2025  

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