Bild: John Angus Stewart
Green Day spielen in der Wiener Stadthalle. Bela B von Die Ärzte liest aus seinem neuen Roman im Volkstheater. Sex Pistols spielen vor Guns N‘ Roses im Happel-Stadion. The Offspring in der TipsArena. Beatsteaks am Lido Sounds. Feine Sahne Fischfilet open air in der Arena. Doch Punk Rock ist noch viel mehr, als die großen, alten Namen, die sich – so ehrlich muss man sein – von ihrer punkigen DIY-Ästhetik schon ein bisserl entfernt haben. Das ist jetzt prinzipiell nichts Schlechtes und jeder Band sei zugestanden, sich über die Jahre zu entwickeln und irgendwann auch einmal ordentlich Geld zu verdienen.
Aber ein Fan, der die - vermeintlich - wahre Essenz des Punkrocks spüren will, muss sich vielleicht irgendwann nach Ersatz umschauen, nach Bands, die die “einzig wahren Ideale” des Punk Rocks noch wirklich zu 100 Prozent vertreten: eine authentische DIY-Ästhetik, einen rebellischen, energetischen Geist, musikalische Direktheit und freilich auch einen teils provokant zelebrierten sozialkritischen Ansatz. Zwei Bands, die gerade weltweit durch die Decke gehen, aber gleichzeitig all diese Ideale bis zum Exzess vertreten, sind Amyl & The Sniffers einerseits, die Lambrini Girls andererseits. Und bei beiden Bands steht zudem nicht nur ein weiterer alter, weißer Mann auf der Bühne!
Es war dies für mich eines der zahlreichen Highlights des letzten Konzertjahres: Ende November gastierten die australischen Amyl & The Sniffers in der Münchner Tonhalle - und von der ersten Sekunde an wurde die Halle mit einem Fingerschnippen zum Überkochen gebracht. Das Rezept dafür war denkbar einfach: Gitarre, Schlagzeug und Bass (männlich besetzt) - und die unbändige Energie der Frontfrau und Punk-Furie Amy Taylor, anfangs noch gewandet in Lederjacke und Sonnenbrille, die zwecks Bewegungsfreiheit aber rasch ins Bühneneck gepfeffert wurden.
Die ausverkaufte Halle tobte über anderthalb Stunden hinweg, angepeitscht von der rotzigen Dynamik, aber auch dem wahnsinnigen Spaß, den insbesondere Amy in jedem Moment hochhielt. Gerade sie war es, die an diesem Abend rastlos über die Bühne moshte und auch Ausflüge in das frenetische Publikum wagte, dabei stets ihre blonde, an Debbie Harry erinnernde Mähne beutelte. Crowdsurfer aller Geschlechter wurden da auf Händen durch die Menge getragen, Bierbecher flogen, jeder schwitzte und jeder hatte ein breites Grinsen im Gesicht: gemeinsam hat man (der sozialkritischen Message zum Trotz) die Welt außerhalb der Halle für einen Moment vergessen und auch seine eigene Realität neu kalibriert. Das war, so ehrlich muss man sein, kein Konzert - sondern ein kollektiver Befreiungsakt.
Und zwar ein Befreiungsakt von einer Welt, die irgendwo zwischen Klimakrise, der Bedrohung durch die KI und fehlender Selbstbestimmung changiert, innerlich zerrissen ist: Ihr aktuelles - drittes - Album “Cartoon Darkness” schreit all diesen Hürden, die uns heute kollektiv in den Weg gestellt werden, ein herzliches “Fuck You!” entgegen. Amyl & The Sniffers haben natürlich auch keine Lösungen für die weltweiten Probleme parat, aber sie halten mit sehr viel Humor dagegen - und eine Realitätsflucht bringt auch schon einmal eine gewisse Erleichterung.
Die Lambrini Girls, das sind Phoebe Lunny und Lilly Macieira aus dem britischen Brighton - ihr Debütalbum “Who Let The Dogs Out” wird gerade an Spitzenpositionen durch die britische Musikpresse gereicht, und wir alle wissen: Zumindest musikalisch haben die Briten dem Festland Europa eine Nasenspitze voraus. Und ja, “Who Let The Dogs Out” ist ein furioser Flächenbrand, der selbst das Flammenmeer in Kalifornien mühelos in die Schranken weist: Toxische Männlichkeit, übergriffige Verhaltensweisen am Arbeitsplatz, Catcalling, Rassismus, Polizeiwillkür, Alltagssexismus, Essstörungen, Gentrifizierung - die Liste an Themen ist lang und (badum-tss) brandaktuell. Passend dazu der Sound, der derart kratzig und bissig aus den Boxen rotzt, dass man sich ihm nicht entziehen kann - und selbst Gefallen bei Punk-Urgestein Iggy Pop findet, der die Lambrini Girls als seine “neue Lieblingsband” bezeichnet hat.
Keine Frage: Die Lambrini Girls potenzieren den “BRAT Summer”, den Charli XCX ausgerufen hat - enthält ihre Single “Cuntology 101” immerhin gleich 32 Verwendungen des Wortes “Cunt” ("Fotze"), eine Rückeroberung der despektierlichen, degradierenden, sexistischen Verwendung von Männern. “Cunty”, das heißt im Kontext der Lambrini Girls: Grenzen auszuloten, sie für sich selbst neu zu definieren, Empowerment zu pflegen und dem Patriarchat gehörig ans Bein zu pissen. Bei all dieser pointiert zelebrierten Gesellschaftskritik passt ein kleiner Funfact wie die Faust aufs Auge: Gerüchteweise soll im Studio niemand geringerer als Street-Artist Banksy am Schlagzeug sitzen …