Bild: Marylise Vigneau
Alle Jahre wieder lässt das renommierte Blue Bird Festival etwas Farbe durch das Grau des ach so tristen Herbsts gleißen: Traditionell werden im November erneut zwölf Indie-Künstler*innen ein Programm der “gehobenen Popkultur” im Porgy & Bess kredenzen.
Eines meiner Lieblingsgedichte stammt vom deutschen Dada-Dichter Kurt Schwitters, es heißt “An Anna Blume”, und dieses Merz-Gedicht ist seiner Absurdität zum Trotz tatsächlich dermaßen populär, dass unter anderem die Hip-Hop-Fraktion Freundeskreis in ihrem Song “A-N-N-A” Bezug auf das Gedicht nimmt. In einem Vers von Schwitters heißt es:
Preisfrage:
1. Anna Blume hat einen Vogel,
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Natürlich darf man bei diesem Dada-Text keine klare Antwort auf die Frage erwarten, denn die Aufklärung führt in die Irre: “Rot ist die Farbe deines grünen Vogels.” Aber vielleicht ist der grüne Vogel auch: blau. Oder: grau.
Es gibt da nämlich diesen alten Blues-Klassiker aus den Sechzigern, mit dem Titel “Is a Blue Bird Blue?” - am bekanntesten ist vielleicht die Version des britischen Rockabilly-Sängers Shakin' Stevens. Während auch in diesem Lied die Frage nach der tatsächlichen Farbe des Vogels nicht beantwortet wird, verrät das Biologiebuch über die Hüttensänger, wie der “Blue Bird” im Deutschen heißt, folgende spannende Tatsache: Sie sind nicht blau, sie erscheinen nur blau! Das “Blaue” in ihrem Gefieder entsteht nicht durch Pigmente, sondern durch die mikroskopische Struktur der Federn, die das Licht auf besondere Weise streut. In Wirklichkeit sind die Federn graubraun - und somit ergibt sich auch ein wunderbarer Brückenschlag zum Blue Bird Festival, das diesen Herbst bereits zum 22. Mal im renommierten Wiener Jazzclub Porgy & Bess gastiert.
Denn auch das Programm des Festivals changiert seit jeher zwischen betrübten - also graubraunen - und beschwingten - also lichtblauen - Sänger*innen, die die Weite des Indies durchmaßen - mal laut, mal leise, mal introspektiv, mal extrovertiert: Wir können bereits alle zwölf Namen verraten, und unsere graublaue Playlist spricht wohl für sich!
Wie immer durchmaßt das Festival nicht nur eine stilistische Bandbreite, sondern bietet auch heuer erneut ein Entdeckerprogramm, das bekanntere und weniger bekannte Namen behutsam und ausgewogen mischt - sie alle eint lediglich die hohe Qualität, in denen die Liedermacher*innen ihr Kunstverständnis zelebrieren. “Es sind Künstler*innen, die selbst gestalten wollen und denen Texte wichtig sind”, sagte Festivalkurator Klaus Totzler einmal zur programmatischen Ausrichtung - und dabei kann es Ausprägungen hin zu Joni Mitchell und Nick Drake, zu Bob Dylan oder Neil Young, aber auch zu Amanda Palmer und Adam Green, oder auch bis hin zu Wallis Bird und Mira Lu Kovacs geben.
Das Programm des Blue Bird Festivals ist für eine mittlerweile recht groß gewordene Publikumsnische maßgeschneidert, die mehr will als Mitgrölhits und Easy Listening, Konfettiregen und bombastische LED-Videowalls. Hier ist von sanftem Folk über fein ziseliertem Pop bis hin zu knarzigem Rock vieles möglich - man hört Lieder ”der gehobenen Popkultur", die intensiv berühren, dabei aber nicht anstrengen.
Clara Luzia aus Österreich ist eine der langjährigsten Wegbegleiterinnen des Blue Bird Festivals, bereits 2005 trat sie mit ihrer damaligen Band Alalie Lilt auf. Und dies ist bei Gott keine Einfallslosigkeit der Kuratoren, sondern vielmehr Beweis dafür, dass Clara Luzia über die Jahre hinweg sowohl mit Vielfalt, als auch Format punktet - erst vergangenes Jahr hat sie mit “Horelia” (erneut) bewiesen, dass sie nicht nur lärmig, sondern auch ruhig kann.
The Ocelots, ein Zwillingsduo aus Irland, hat erst vergangenes Jahr mit ihrem Zweitling “Everything, When Said Slowly” bewiesen, dass es immer noch die Musik gibt, die sich unweigerlich über Hammer, Amboss und Steigbügel ins Gedächnis schleicht und dort peu à peu eine ganz besondere, eigene Magie entfaltet. In ihrem Fall ist es insbesondere das Geschick für eine behutsame Intensität, die mit einer Leichtigkeit fast schon intim ist.
Die norwegisch-irische Songwriterin Tara Nome Doyle knüpfte vergangenes Jahr mit ihrem dritten Album - passend zur “Odyssee” aktuell in den Kinos - an der griechischen Mythologie an: Denn als sich die Nymphe Echo in den selbstverliebten Narziss unglücklich verguckt, verliert sie ihre physische Existenz. Was bleibt, ist nur ihre Stimme, ihr Echo. Doyle baut darauf ein unglaublich feinfühliges, mystisches Album mit Arrangements aus Klavier, Gitarren und Streichern auf.
Bei Almuth aus Wien erwartet uns ein sehr unikales, überaus zauberhaftes Potpourri aus Indie-Pop, Folk und Country: Hinter dem Namen steckt Clara Gottsauner-Wolf, die als Kind einige Jahre in den USA gelebt und von dort auch ihre Einflüsse, darunter Dolly Parton, mit nach Österreich zurückgebracht hat. Seit 2018 macht sie Musik, 2024 gab es die Debüt-EP “A Wind That Never Dies” und vergangenes Jahr folgte die Single “The Shell”, ein akustischer Ausdruck der Leichtigkeit des Seins.
Der Norweger Sondre Lerche legte vor drei Jahren mit “Avatars Of Love” nicht nur sein neuntes Album, sondern gar ein Meisterwerk des “Sophisticated Pop” vor. Ehrenvolle Vergleiche von Paul McCartney bis zu den Pet Shop Boys klangen da gar nicht mal nicht übertrieben - und die lull und lall machende, sanfte Stimme sucht ohnehin ihresgleichen. Die Lieder sind traumhaft, cineastisch und szenisch - und hie und da finden sich auch Hooks, die gar Taylor Swift vor Neid erblassen lassen …
Die Isländerin Elín Hall ist zweifelsohne eine charismatische Sängerin mit einem eigenen Sound, aber viel mehr noch eine Grenzgängerin des zeitgenössischen Alt-Pops: Dass Musik von der nördlichsten Insel für innovative Sounds (Björk, Sigur Rós) berühmt ist, ist nun ja nichts Neues. Angesichts ihrer innovativen Stilbrüche und einem offenbar unerschöpflichen künstlerischen Facettenreichtum wird man wohl nicht mehr lang am Festland von einem Geheimtipp sprechen dürfen!
Marius Ziska ist ein Multiinstrumentalist von den Färöern, der wie im Norden gebräuchlich auf das nationale Erbe der Balladen zurückgreift und damit seine eigene Wege geht. Fünf zauberhafte Alben im Gepäck, wurde er bereits sogar mit Bon Iver verglichen und brilliert zum einen mit einer unglaublichen Vielschichtigkeit, zum anderen mit einer sehr eingängigen Klangästhetik zwischen Folk und Alternative und natürlich einer typisch skandinavischen Melancholie.
Mit seinem rauen, hymnischen Storytelling und seinem Indie-Folk-Sound wird irische Singer-Songwriter Dave Lofts häufig musikalisch mit einem jungen Van Morrison sowie dem authentischen Soul von Paolo Nutini verglichen. Erst im Mai bewies er mit der Single “Holy”, warum gerade er zu den spannendsten Stimmen aus Irlands Indie-Folk-Szene zählt: Sogar “Gladiator” Russell Crowe legte “Holy” unter einen Instagram-Post und schrieb dazu: “Dive deep with this artist. Thank me later.”
Die britische Band This Is The Kit veröffentlichte zuletzt vor drei Jahren “Careful Of Your Keepers” - eine Sammlung von Liedern, die in ausgeklügelte Symbiose mit dem Herbst treten, lösen sie doch ähnliche Glücksgefühle aus, wie die erste kühle Kastanie in der Hosentasche. Bei wem es übrigens beim Bandnamen irgendwo klingelt: “Bashed Out” wurde 2015 Teil vom Soundtrack zu “Sex Education”. Aber: Seitdem sind die Band und die zart drängende Stimme deutlich pfeffriger geworden …
Die in London geborene Französin Flora Hibberd hat man vielleicht schon vergangenes Jahr am Waves mitbekommen und weiß: ihre Songs können wuchern wie Gestrüppe; Dabei schielt ihr pulsierender Indiefolk selten auch einmal in Richtung Country, hat generell aber viel mit dem Art Pop von Cate LeBon, aber auch Kate Bush, Joni Mitchell und The Velvet Underground gemein: Die (manchmal) vermeintliche Leichtigkeit, den nonchalanten Gesang oder auch die zärtliche Dramatik.
Die Deutsche Marla Moya macht Musik, die direkt dazu einlädt sich gedankenlos treiben zu lassen - treffen in ihren Songs doch chillige Folk-Country Vibes auf eine flirrende Prise Soft-Pop. Dazu eine Stimme, die von den Höhen und Tiefen des Lebens erzählt. Das Resultat? Ein Sound, der mit beeindruckender Leichtigkeit zwischen nostalgischer Wärme und gegenwärtiger Klarheit pendelt: Das gefällt sowohl Fleetwood Mac-Fans, als auch denen von Angel Olsen und Weyes Blood.
Gefühlvoller, ehrlicher Coming-Of-Age-Indiepop mit einer kraftvollen, aber doch zarten Stimme erwartet uns bei ELI aus London, der sich in seinen Liedern seinem queeren Selbst stellt: Das klingt naturgemäß manchmal nach Prince, aber auch nach The 1975 und spannt einen Bogen von Identitätsfragen bis hin zum Wunsch nach persönlichen Wachstum. Aber live, da geht es bei ELI in erster Linie darum, Party zu machen: Witzigerweise funktioniert das sogar mit Klavierbegleitung.