Bild: Europavox
Europa, das ist zunächst einmal in Kontinent – oder viel mehr: ein Subkontinent. Europa, das ist aber auch ein Bündnis zahlreicher Nationen und etwa 700 Millionen Menschen – einige davon sind auch Musikschaffende: ABBA, U2, Coldplay, Rammstein und Muse sind weltweit die wohl bekanntesten Künstler aus Europa, doch zwischen Longyearbyen und Tarifa, zwischen Reykjavik und Tiflis tummeln sich noch viele Bands mehr, von denen sich zahlreiche auch zu entdecken lohnen. Das französische Europavox-Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, in sechs europäischen Städten – darunter auch Wien – aus dem Pool der noch unbekannten Namen zu fischen und so zu einer musikalischen Entdeckungsreise zu laden: Am 17. und 18. November zieht also das musikalische Europa – hochwertiger, als beim Eurovision Song Contest präsentiert – zum bereits sechsten Mal im WUK ein und macht Lust, nicht nur über die eigenen Landesgrenzen hinauszublicken, sondern auch Bands, die fernab von einem omnipräsenten Megasellerstatus musizieren, ein Ohr zu schenken und so, für einen Moment, den Problemen, unter denen auch Europa laboriert, zu entfliehen und die Strahlkraft zu genießen.
Auf ihrem 5. Album „Heaving”, das dieses Frühjahr erschienen ist, taucht die südafrikanische Wahl-Berlinerin Lucy Kruger ein in eine dunkle, intensive, atmosphärische Pop Noir-Welt, mit Texten, die irgendwo zwischen Verlangen und Verlust, Angst vor dem Tod, Einsamkeit und der großen Liebe changieren. So geraten Text und Musik sehr körperlich und sprechen sämtliche Sinne an, brechen wie eine Welle über den Hörer herein – wirken direkt greifbar. Kein Wunder, ist es immerhin auch Lucys Anspruch, mit ihrer Musik „das Dazwischen” zu berühren. Fans von PJ Harvey: unbedingt reinhören!
Für das im Jahr 2018 im oberösterreichischen Ebensee gegründete und mittlerweile in Wien beheimatete Quartett rund um Frontfrau Leni Ulrich zeigt die Karrierekurve steil nach oben: Im Mai ist nach der EP „Piccolo Family” nun das Debüt „Ein fragiles System“ erschienen, live wurden die neuen Songs erst kürzlich u. a. auch am renommierten Popfest vorgestellt – und das mehr als energetisch. Hier gibt es Krawallwatschen gegen das Patriarchat, Loblieder auf Bodypositivity, Songs gegen Konsumwahn und viel mehr, noch dazu im klassischen Setup mit (lauten) Gitarren, Bass und Schlagzeug und ohne viel Schnickschnack – als ob wir es hier mit einer erfrischend direkten Nachwehe des Post-Punks oder des 90er-Schluder-Rocks zu tun hätten, allerdings: mit gesteigerten Popsensibilitäten und massiven Hooks.
„Haunted”, das ist wahrlich das perfekte Adjektiv, um den bittersüßen Dream Pop, den wir hier beim belgischen Aufsteiger hören, zu umrahmen: Frontmann Joachim Liebens quälte sich auf dem im vergangenen November erschienenen Debüt „Dawn of the Freak” durch ein Spannungsfeld aus Teenage Angst, Zweifel und Hoffnung, kurz: den zeitlosen Sorgen und Nöten des Erwachsenwerdens und vom schwierigen Alltag im Hier und Jetzt, mit inneren und äußeren Sollbruchstellen. Musikalisch wird diese himmelhochjauchzende Depression jedoch in anschmiegsame Gewänder getaucht, wir hören einen hypnotischen, melodiestarken Klang, der irgendwo zwischen The Cure und MGMT changiert und The Haunted Youth so etwa zu einem Highlight am Reeperbahn Festival gereichen ließ.
Der experimentelle Post-Punk von MNNQNS verführt ins London der späten Siebziger. Kein Wunder: Sänger und Gitarrist Adrian d’Epinay, dessen pathetischer Gesang insbesondere hervorzuheben ist, verbrachte seine Studienzeit nicht nur in Cardiff, sondern diese Zeit auch mehr damit, durch die örtliche Clubszene zu pilgern. Das Ergebnis sind seit 2016 nach zwei EPs nun mittlerweile auch zwei Alben, das letzte mit dem Titel „The Second Principle” und 2022 erschienen. Auf jenem zeigt sich das Quartett „von Thermodynamik, dem Weltall, H.P. Lovecraft und den retrofuturistischen Klängen von Nine Inch Nails” beeinflusst. Wie das klingt? Manchmal wie The Beach Boys, manchmal wie Bowie, und dann wieder wie Roxy Music. Jedoch immer fieberhaft, energetisch und experimentell.
All die Bands der neuen britischen Post-Punk-Welle lernen rasch, über den zu engen Tellerrand hinauszublicken; Das gilt nicht nur für etwa Fontaines D.C., sondern auch für shame: Zwar türmen sich auf ihrem aktuellen dritten Album „Food for Worms” immer noch die Gitarren auf und stolpern übereinander, doch dann schält sich daraus auch schon mal ein (wenngleich ziemlich kaputtes) Klavier und Charlie Steen singt mit einer Stimme zwischen Pubschlägerei und Verletzlichkeit. Letztere ist neu, und lockert den von Joy Division oder auch The Fall geschulten Krawall etwas auf. Aber keine Sorge: Zugänglich sind sie immer noch nicht geworden, vielmehr werden Punk, Garage, Alternative, Blues und Indiepop durch den Fleischwolf gedreht und in ein kontrolliertes Chaos verwandelt. Rotzig!
Der quirlige, an Weezer erinnernde Stil des Quartetts hat seinen Ursprung im Jazz, so verwundert es kaum, wenn ihre beiden Alben – das 2019 erschienene „Birthday” und „Cheater” von 2021 – einer rasanten Achterbahnfahrt beinah schon den Rang ablaufen, wenn hinter jeder Kurve, hinter jeder Berg- und Talfahrt eine neue Überraschung wartet. Verzerrte Gitarren treffen auf zuckersüße Melodien, bevor Tempo- und Rhythmuswechsel den geneigten Hörer zwischen Kratzigkeit und Kuscheligkeit tanzen lassen. Neben Improvisation spielt bei den Trondheimer Jazzstudenten aber auch handwerkliches Geschick eine entscheidende Rolle, sodass trotz minimalistischer Besetzung ein fulminanter Sound eruptiert, bei dem die Instrumente zwar oft gegeneinander anspielen, aber schließlich doch gemeinsam des Weges tänzeln. Dazu gibt es absurde Texte, von Traumszenen inspiriert.
Globalen Einflüssen offen gegenüberstehen und trotzdem regionale Musiktraditionen respektieren und integrieren – das ist oft genug das Rezept für einen eigentümlichen, plakativ formuliert: geilen Sound. So auch bei Koikoi aus Belgrad, die seit 2017 gekonnt Balkan-Melodien mit lautem Electro-Rock verweben und noch dazu einen ordentlichen Schuss Neo-Psychedelia einweben. So gelingt ihnen mühelos anstatt gekünstelt der Spagat zwischen unkonventioneller Pop-Sensibilität und abenteuerlustigen Stilbrüchen, sodass das Quartett eine ureigene musikalische Identität gefunden und gleichzeitig auch etabliert hat, eine Identität, die wie einer der namensgebenden japanischen Koi-Karpfen mal in die eine, mal in die andere Richtung tigert: So klingen Koikoi zwischen Gitarren und Synthesizer gleichzeitig eng und ausladend, straff und doch locker, mal minimalistisch, dann wieder mit kontrolliertem Overdrive überaus verführerisch, abwechslungsreich und dynamisch.
„Niente Da Offrire“ brüllt Victoria Barracato, die Sängerin der belgischen Lo-Fi-Post-Punk-Band Ada Oda, in ihrer italienischen Muttersprache auf der Debütsingle im März 2022. Nichts zu bieten, wirklich? Weit gefehlt! Das Debütalbum „Un Amore Debole” kredenzt gleichermaßen poppige wie auch punkige super-effektive Vintage-Nummern, eine donnernde Kombination aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dass das auch live funktioniert (und das obwohl die Band erst frisch seit Corona gemeinsam musiziert) zeigte sich dieses Jahr bereits am großen Europavox-Festival in Clermont Ferrand, wo Ohrenzeugen von einer unprätentiösen, sich ständig steigernden Performance schwärmten, die am Höhepunkt ganz nonchalant den Stecker zog: So wirkt ihre Intensität nur noch gewaltiger nach.
Am 17. und 18. November findet das Europavox im WUK statt. Tickets gibt es bei oeticket.