Bild: VBW
“Als wir das Plakat zu ‘Maria Theresia’ erstmals gezeigt haben, hat eine Tageszeitung geschrieben, das sehe fast aus wie von einer Netflix-Produktion”, muss VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck lachen. Aber auch wenn es natürlich einen Bruch zum klassischen Musical-Geschäft darstellt, wenn man plötzlich den Streaming-Anbieter als Vergleich heranzieht: Die VBW beweisen mit ihrem neuen Musical “Maria Theresia” Mut und ein Gespür für den Zeitgeist - und mit einem modernen Maß aller Dinge verglichen zu werden, ist per se einmal nichts Schlechtes.
Und dieser mutige, neue Ansatz - ohne den klassischen Zugang dabei gänzlich unter den Tisch zu kehren - hört nicht beim Plakat auf: Wie schon “Elisabeth” in den Neunzigern könnte “Maria Theresia” mit dieser Denkweise so auch zur Blaupause eines neuen Musical-Zeitalters - und das weltweit! - werden. Wie? Das haben wir uns von Christian Struppeck erklären lassen.
Klar, Musicals sind keine Opern oder Operetten. Musicals haben generell einen populären Ansatz. Doch “Maria Theresia”, das am 10. Oktober Weltpremiere feiert, geht noch ein Stück weiter als andere Musicals, setzt man doch beim Kreativteam auch auf Personen, die es mit ihrem Feingefühl und Geschick verstehen, die Welt der Musicals im wahrsten Wortsinn in die der Popmusik rauschen zu lassen:
Für die Arrangements und die Orchestrierung zeichnet das Vater-Sohn-Duo Dieter und Paul Falk verantwortlich: Der Vater produzierte zum Beispiel die deutschen Megaseller Pur, darunter auch den Überhit “Abenteuerland”. Aber auch mit Nazareth, Guildo Horn, Karel Gott und Nana Mouskouri sowie Nino de Angelo hat er bereits erfolgreich zusammengearbeitet. Außerdem war Dieter Falk 2006 Jurymitglied der ProSieben-Sendung “Popstars”, aus der die Girlgroup Monrose hervorging. Auch sein Sohn Paul kann bereits beeindruckende Zusammenarbeiten vorweisen: Zu seinen Arbeiten gehören Songs für Künstler*innen wie Helene Fischer, DJ Ötzi, Michelle und Howard Carpendale. Für die Liedtexte zeichnet wiederum der junge deutsche Singer-Songwriter Jonathan Zelter verantwortlich: Sein “Ein Teil von meinem Herzen” gilt bereits jetzt als fester Bestandteil deutschsprachiger Musik.
Aber natürlich konnte die VBW auch frischen Wind aus der Welt der Musicals ins Boot holen: Die Choreographien verantwortet da etwa Jonathan Huor, er war bereits bei “Tanz der Vampire” in der Schweiz und in Mörbisch bei “Mamma Mia!” federführend mit dabei. Dabei ist es fast ein Wunder, dass er für “Maria Theresia” Zeit findet: Er ist auch Chef-Choreograph vom Eurovion Songcontest, der in wenigen Wochen in der Schweiz über die Bühne geht!
Ebenfalls “aus Mörbisch geholt” wurde Aleksandra Kica für die Kostümierung: “Mamma Mia!” hat sie eingekleidet, aber auch schon Produktionen in der Josefstadt und in der Volksoper. Und fürs Lichtdesign konnte die Koryphäe aus dem Londoner Westend gewonnen werden: Ben Cracknell, der aber auch für “Wicked” in Brasilien verantwortlich zeichnete!
Und was ist nun das Ergebnis?
Bereits bei “Elisabeth” von 1992 vermischte die VBW kongenial eine historische Geschichte mit populärer Musik, ganz im Geiste von “Evita” oder “Jesus Christ Superstar”. “Maria Theresia” geht nun einen Schritt weiter, aber immerhin sind seit ehedem auch drei Jahrzehnte vergangen - drei Jahrzehnte wohlbemerkt, in denen “Elisabeth” unter Begeisterungsstürmen durch die Welt zog.
Bevor man sich an “Maria Theresia” machte, stellte man sich eine Frage, die alles weitere bestimmte: “Wie würden sich junge Leute heute die Geschichte erzählen - und warum ist Maria Theresia heute immer noch relevant?” Und so kamen die VBW auf die Idee, nicht nur klassische Musicalnummern mit Balladen und großen Chören das Stück tragen zu lassen, sondern auch Hip-Hop-Einlagen - nicht unähnlich zum Musical “Hamilton” oder auch “SIX”. Aber keine Sorge: Gerappt werden nur die Dialoge, nicht die Songs - und wir müssen uns auch nicht vor Gangstern auf der Bühne fürchten, die Geschichte bleibt sehr wohl nahe an der Geschichte und wird nicht vom Habsburger Hof in die Straßen der Bronx transportiert.
Der Arbeitstitel zu “Maria Theresia” war “Working Mom” - der Titel ist dem Musical immerhin als einer der Songs erhalten geblieben. Ihn singen die 16 Kinder von Maria Theresia über ihre Mutter, die früh und unvorbereitet gleich zwei herausfordernde Rollen meistern musste: Nicht nur, dass sie als Herrscherin Strategin und Kriegsführerin gleichermaßen war, sondern freilich eben auch Mutter: Maria Theresia war fast durchgehend während ihrer Regentschaft schwanger. Und daneben musste sie sich mit Männern herumschlagen, mit Männern, die dachten, eine Frau könne keine Führungsposition einnehmen - wie etwa Friedrich der Große, der ihr gleich Ländereien wegnehmen wollte. Oder wie viele Männer auch heute noch denken.
Mit “Maria Theresia” wollen die VBW relevante Themen wie diese, die emotionalen Konflikte, die daraus resultieren in den Vordergrund rücken - die historischen Ereignisse bilden zwar das Fundament und den Rahmen, doch mit “Maria Theresia” strebt man insbesondere danach, emotional zu berühren und nicht geschichtlich zu bilden. Dies würde auch nicht zur Musik und zum Tanz - der sich ebenfalls am Hip-Hop anlehnt und entsprechend wagemutig geraten ist - passen: “Maria Theresia” ist in erster Linie eindringlich, frisch, prächtig und opulent und versucht geschickt, mit dem Lebensausschnitt, der aus Maria Theresias Leben gezeigt wird, mit Fragen zu Geschlechterrollen und Machfragen nebst der Unterhaltung auch wirklich relevante Gedankenanstöße im Publikum zu treffen.
Wir sind schon sehr gespannt - und der einzige Wermutstropfen vorerst ist: Die Besetzung wird zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben. Aber selbst ohne die Besetzung ist “Maria Theresia” schon jetzt ein Erfolgsmusical: Der Vorverkauf läuft so gut wie schon lange nicht - und bremst damit sogar das “Falco”-Musical aus … Also: Ranhalten!