Bild: Benjakon
Anlässlich ihres neuen Albums „Neues vom Dauerzustand“, dessen Tour sie auch nach Wien führen wird, räsonieren die Deichkind-Masterminds Kryptic Joe, Porky und DJ Phono im Gespräch über Spaziergänge, Langlebigkeit, Marketinggags und die Arbeit im Kollektiv.
Porky: Auf jeden Fall. Spazierengehen ist das Gesündeste und Geilste. Beim Spazierengehen kann das Gehirn gut Sachen wegsortieren, gleichzeitig wird Adrenalin abgebaut.
Kryptic Joe: Schon beim letzten Album hat mir das oft geholfen. Ich gerate beim kreativen Prozess manchmal an einen Punkt, wo ich nicht mehr weiterkomme. In solchen Situationen mache ich lange Spaziergänge. Die Landschaft geht an einem vorbei und man kommt auf positive Gedanken.
Porky: In Fitnessstudios funktioniert das übrigens nicht. Es ist was Anderes, wenn du das draußen machst und die Umgebung sich ändert. Ich hätte einen Crosstrainer zu verkaufen. Die Leute können sich über Instagram melden.
Kryptic Joe: Mich wundert mehr die Schnelllebigkeit des Seins als die Langlebigkeit von Deichkind. Nein, es ist schon erstaunlich. Fettes Brot haben irgendwann mal einen Song „Fast 30“ genannt. Das fand ich damals krass. Jetzt sind wir auch bald da angelangt.
Porky: Wir planen, das noch ungefähr 15 Jahre zu machen.
Kryptic Joe: Es ist ja nicht die einzige Frage, ob du noch auf der Bühne rumhüpfen kannst. Hat man auch noch was zu sagen, kann man ein Thema auf eine spannende, humorvolle, satirisch zugespitzte Form behandeln?
Kryptic Joe: Sinnlosigkeit. Nein. Wir haben vor der Pandemie unsere erfolgreichste Tour ever absolviert. Diese gesamtgesellschaftliche Krise hat uns dann auch ein wenig durchgeschüttelt. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht nur für den Erfolg angetreten bin. Was wir uns aufgebaut haben, hat für mich an sich sehr viel wert. Es ist ein großer Spaß, das zu erleben und mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten.
DJ Phono: Ich möchte über Deichkind auch meinen Blick auf die Gesellschaft teilen. Dieses Mitteilungsbedürfnis habe ich. Irgendwie habe ich noch die naive Idee, die Welt mit meinem künstlerischen Schaffen ein ganz kleines Bisschen zu verändern. Das ist mir in dieser krisenhaften Zeit wieder stärker bewusst geworden. Wann, wenn nicht jetzt, nochmal alles zuspitzen und aus künstlerischer Perspektive betrachten?
Kryptic Joe: Ich bin dankbar, dass ich meine Gefühle in diesem Projekt ausdrücken darf. Zum Beispiel im Track „Kein Bock“: Da labere ich nur rum, grade auf nix Bock zu haben. Diese Stimmung kennt jeder, aber es gibt nicht viele Songs darüber.
Kryptic Joe: Wir haben davon gehört und sie auf den letzten Drücker noch auf unser Album geholt. Wir möchten den Fans von Fettes Brot die Möglichkeit geben, zu uns rüberzukommen. Wir würden uns gern als Ersatz anbieten.
Porky: Ich habe letztens zufällig den Sohn von Howard Carpendale getroffen. Der hat mir erzählt, dass kurz davor König Boris bei seinem Vater zu Besuch war. Ich kann mir vorstellen, er hat mit ihm darüber geredet, wie man nach einem angesagten Karriereende wieder zurückkommen kann, ohne dass es peinlich ist. Es ist ja auch ein großer Ticketseller, wenn eine Tour als die letzte angekündigt wird. Ich gebe Fettes Brot fünf Jahre, dann sind sie wieder da.
Kryptic Joe: Ach so, natürlich. Das ist ein Marketing-Gag.
DJ Phono: Es ist zumindest kein offensichtlicher Kommentar zur Weltlage. Der Kommentar steht bei uns immer zwischen den Zeilen. Und man kennt jetzt noch nicht alle Videos. Die geben dem Ganzen nochmal eine andere Perspektive. Wir versuchen, mit den Bildern die Bedeutung der Texte sichtbarer zu machen und sie zu erweitern. Das gilt dann auch für die Bühnenshow.
Kryptic Joe: Das war für uns eine interessante Frage: Wie verhält sich der Hofnarr in der Krise? Wir haben immer mit Ironie und Satire gearbeitet. Einige Stilmittel, die vorher gepasst haben, empfindet man in der aktuellen Lage vielleicht als unpassend. Wahrscheinlich lassen wir mit diesem Album die jugendliche Phase hinter uns und werden erwachsen. Ich sehe uns gerade mitten in einem Veränderungsprozess.
Kryptic Joe: Phono macht viel visuell. Porky ist im Studio der Joker. Ich bin der disziplinierte Arbeiter. Wichtig ist, dass wir uns Schritt für Schritt gegenseitig bestätigen und offen miteinander umgehen. Das ist unser Prinzip. Der kommerzielle Erfolg hält uns natürlich auch zusammen. Aber ganz oben steht, dass wir gemeinsam eine Schnittmenge haben, was uns künstlerisch aus der Seele spricht.
Porky: Ich glaube auch, dass es kein Egogewichse ist. Wir lassen eigene Ideen los, um den Anderen Raum zu geben.
Kryptic Joe: Mittlerweile haben wir ein gewisses Profi-Level erreicht, wo der Laden intuitiv wie ein Uhrwerk läuft. Das hat sich aber über Jahre entwickelt. Früher standen wir uns beim Proben oft gegenseitig im Weg.
Porky: Das ist immer gleich schwierig. Manche Sachen, die einen früher gestresst haben, sind jetzt sogar leichter.
Kryptic Joe: Ich schreibe oft für mich allein. Diesmal haben wir mit ein paar anderen Leuten zusammengearbeitet. Dafür musst du dein Innerstes sozusagen mit Fremden teilen. Und es klappt. Am Abend sagt man: Wir kennen uns eigentlich gar nicht richtig, aber haben tolle Sachen gemeinsam gemacht. Zum Beispiel waren wir in Erfurt und haben ein Stück mit Clueso aufgenommen. Eine Kombination, mit der man erst mal nicht gerechnet hätte.
DJ Phono: Deichkind wird viel, viel nüchterner hergestellt, als die Leute glauben. Bei mir gibt es keine einzige Sekunde, in der ich besoffen oder nicht nüchtern arbeite. Wir sind nicht die Typen, deren alleiniger Lebensinhalt hedonistisches Partymachen wäre. Dann wäre unser Werk sehr eindimensional. Wir machen nüchtern Musik, zu der später gefeiert wird.
Deichkind gastieren am 21. Juni in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.com.