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Deichkind spielen mit der KI

20.06.2024 von Stefan Baumgartner

Die übersteuerte Bassline scheppert gradlinig auf 120 BPM, hektisches Geklapper crasht in Maschinenraum-eske Störgeräusche, zornige Synth-Spuren klettern grobmotorisch durch’s Gerüst, dann setzt verspult bellender Staccato-Gesang ein. Bei oberflächlichem Hinhören klingt "Könnt Ihr Noch?" nach einem klassischen Deichkind-Song, erinnert speziell in Sachen Stimmeffektierung an frühe Hymnen der Marke "Aufstand im Schlaraffenland". In Wahrheit ist Deichkinds neue Single aber vielmehr ein Experiment, das auf dem deutschen Musikmarkt bislang seinesgleichen sucht und dem zeitgenössischen Diskurs mit Meilenstiefeln vorauseilt. "Könnt Ihr Noch?" ist ein Phönix aus dem Datensalat, ein orakelhafter Gruß aus dem frostigen Paralleluniversum der Einsen, Nullen und Algorithmen.

Während die Kreativbranche kollektiv über die negativen Begleiterscheinungen neuerlicher KI-Technologien diskutiert, haben Deichkind mithilfe eines KI-Tools einen Song aus dem Computer gestampft, dessen Lyrics von digitalen Stimmklonen eingesungen wurden. Sämtliche Vocal-Parts in "Könnt Ihr Noch?" basieren einzig und allein auf dem nachgesprochenen Wort einer "Silicon Intelligence" und kommen ohne jeglichen realen Stimmeinsatz aus. Dem kreativen Wagnis zuliebe demonstrieren Deichkind damit freiwillig die eigenen Austauschbarkeit - und im Gegensatz zu fast jeder anderen Band können sie das auch bringen. Selbstverständlich wären Deichkind nicht Deichkind, wenn ihr neuester Streich ohne mehrdimensionale Metaebenen auskäme, kein vielschichtig-verkopftes, dialektisch lesbares Aktionskunst-Projekt wäre.

Auf der einen Seite stellt "Könnt Ihr Noch?" eine Reaktion auf den unlängst langbärtigen, von stumpfer Panik beherrschen Diskurs über den Siegeszug künstlicher Intelligenz dar. Der Song illustriert - schon allein durch den riesigen Pool an halbrealen Stimmfarben, dem er sich bedient - das progressive Potential, das den ohnehin nicht bremsbaren Zukunftstechnologien innewohnt. Gleichzeitig spiegelt "Könnt Ihr Noch?" die menschlichen Berührungsängste mit künstlicher Intelligenz: Der Song klingt auf eine weirde Weise gruselig, fasziniert durch seine Barschheit. Man würde gerne weghören - das gelingt aber nicht, weil der von "Awareness-Team und Chicken Wings" schwadronierende Computer da einen Hit ausgespuckt hat. Überhaupt ist fast jede Zeile in "Könnt Ihr Noch?"  - von "Mogelpackung Bildschirmzeit, Abrissbirne Wirklichkeit" bis "Wer nicht fragt, bleibt eingeloggt" - ein nahezu Tattoo-würdiger Claim, wie wir ihn von Deichkind kennen.

Nicht zuletzt durch seine Textebene kommt "Könnt Ihr Noch?" einer dystopischen Zukunftsvision gleich, in der menschengemachtes Kulturhandwerk vollends an Bedeutung verliert. Das zum Song gehörende Musikvideo - ein Hommage-Gewirr, das sich unter anderem am Bildwerk zu Herbie Hancocks Smash-Hit "Rockit" aus den frühen Achtzigern bedient - verdeutlicht eindrucksvoll, in welch atemberaubender Geschwindigkeit die Roboterisierung der Gesellschaft im Laufe der letzten vierzig Jahre vorangeschritten ist.

DEICHKIND: LIVE

Deichkind werden am 28. Juni übers LIDO SOUNDS in Linz querbeet fegen, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr steht. Tickets gibt es bei oeticket.

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