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In der HEADLINER-Serie "Bücherwurm" empfehlen wir euch in regelmäßigen Abständen aktuelle Bücher und Lesungen. Denn Lesen ist, so finden wir, eine der wertvollsten Gewohnheiten, die das Leben bereichern: Wir tauchen ab in eine andere Welt, unsere Gedanken werden entfesselt und unser Bewusstsein erweitert. Wir lernen dazu, werden unterhalten oder schaffen es, für einen kurzen Moment aus der Realität auszubrechen. Lesen ist Entspannung und Bildung gleichzeitig!
Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen.
(Jorge Bucay)
Pünktlich zum Comeback von Oasis erscheint mit “Gallagher - Fall und Aufstieg von Oasis” die Biografie der ikonischen Britpop-Brüder, die nicht die altbekannte Erfolgsgeschichte von Oasis wiederkaut, sondern den Fokus auf die Zeit nach der Trennung 2009 legt: auf Noel Gallagher's High Flying Birds und Liams Beady Eye. Eine kluge Entscheidung, denn die Geschichte von Oasis wurde bereits mehrfach hinlänglich auserzählt. Allerdings begleitet Autor PJ Harrison Oasis von Anfang an auch als Fan - blickt daher nicht distanziert, sondern durchaus mit rosa gefärbter Brille auf die Brüder. Zudem gelten seine Sympathien eindeutig Noel. Auch wenn er sich in manchen Passagen wiederholt und die Geschichte in seiner eigenen Euphorie merklich verklärt, ergibt sich besonders für Nicht-Hardcore-Fans ein spannendes Porträt zweier extremer, aber einzigartiger Persönlichkeiten – mit einem starken Fokus auf ihre Emotionen.
Öasis, die österreichische Tribute-Band, spielt am 25. Oktober im ppc.
Im Gegensatz zur kontemporären Pop-Musik dominiert im Heavy Metal immer noch die Männlichkeit: Nur wenige Frauen stehen im Rampenlicht - und wenn, dann dürfen sie oftmals lediglich Bass zupfen oder als optischer Aufputz für operettenhaften Gesang sorgen. Umso bemerkenswerter sind die Karrieren von Koryphäen wie Doro Pesch (die hier das Vorwort verfasst hat) oder Sabina Classen, die über vier Jahrzehnte hinweg (!) mit Holy Moses (und Temple of the Absurd) Geschichte geschrieben hat - bis sich die Band 2023 auflöste. In “Laut. Stark. Leben.", verfasst in enger Zusammenarbeit mit dem Psychologen Nico Rose, blickt sie nicht nur auf ihr Leben zwischen Heavy Metal und ihrer zweiten "Männerleidenschaft" Fußball zurück, sondern verknüpft ihre Biografie mit Reflexionen über psychische Gesundheit – aus ihrer Perspektive als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ein vielschichtiges Werk, das weit über ein klassisches Porträt hinausgeht.
Zahlreiche Hard-n-Heavy-Konzerte findet ihr bei oeticket!
Die britische Journalistin Sophie Gilbert wirft einen Blick zurück auf die Nullerjahre, das Buch beginnt in ihrer Jugend 1999: Britney Spears war damals das supersexualisierte Schulmädchen, Christina Aguilera war “Stripped” - und gerade sie waren für damals heranwachsende Mädchen Identifikationsfiguren, die eine sehr enge Sicht darauf eröffneten, wie “selbstbewusste” und “emanzipierte” Frauen auszusehen und sich zu verhalten hatten. Ja, es war ein “unbeschwerter Moment in der Popkultur”, aber er hat eine Botschaft vermittelt, die hinsichtlich weiblicher Ambitionen und Rollenbilder sehr restriktiv war. In den Nullerjahren ging es vor allem um Entblößung, Idealmaße und Infantilisierung: Die kleinsten Tops, die am tiefsten sitzenden Jeans, die Stars dieser Zeit waren extrem dünn und anstatt von “Frauen” wurde gern von "Mädchen" gesprochen - ein Trend, der heute gerade auf TikTok (Stichwort #SkinnyTok, Tradwives) und dank GNTM ein Comeback feiert. Beunruhigend, findet Gilbert: Das Bewusstsein von heutigen Teenagern gehört mehr geschärft - Entblößung verdient keine Medaille.
Die Rollenverteilung von Frauen in der Musikbranche zu thematisieren, ist allen Erfolgen Künstlerinnen (gerade in der Pop-Musik) zum Trotz immer noch gerechtfertigt; Auch wenn Diversität allerorts großgeschrieben wird, überwiegt nach wie vor die Ausrede: Man wählt Künstler*innen ja nicht nach ihrem Geschlecht aus - zumal sie weniger Zugkraft als ihr männliches Pendant hätten. Allerdings blickt Rike van Kleef auch hinter die Bühne und lässt jene zu Wort kommen, die für den Ton, das Licht, für Booking, Management und all das Drumherum sorgen: Auch hier durchzieht die Unausgewogenheit alle Ebenen - bis hin zum Pay Gap für die gleiche Leistung. Während weiterhin gerade Posten mit Entscheidungsgewalt und Gestaltungsmöglichkeit bevorzugt in Männerhand sind, hebt sie die konstruktive Auswirkung von Diversität auf unsere Gesellschaft hervor und lässt in ihrer Gesamtbetrachtung des Status Quo nicht nur ihren Frust heraus, sondern präsentiert zudem auch Handlungsoptionen, um den bereits angestoßenen Wandel zu beschleunigen.
Wenn Künstler*innen auf der Bühne stehen oder ein Album veröffentlichen, dann haben nicht nur ein oder mehrere kreative Geister ihre Arbeit getan, sondern auch zahlreiche Menschen im Hintergrund - etwa das Management: Dieses übernimmt quasi die Aufgabe der Eltern/eines Babysitters, wenn es die Kinder/Künstler an der Hand nimmt und durchs Leben - durch die Karriere - geleitet. International kennt man da beispielsweise Peter Grant, der für Led Zeppelin gelebt hat. Hierzulande einen Namen gemacht hat sich “Problembär” Stefan Redelsteiner, der etwa Wanda, Stefanie Sargnagel, Nino aus Wien und Voodoo Jürgens unter seinen Fittichen wachsen und gedeihen half. Seine ereignisreiche Geschichte zeichnet nun Falter-Redakteur Gerhard Stöger nach: Redelsteiner, das Arbeiterkind aus Floridsdorf, hat mit Mitte 40 als Schlüsselfigur der österreichischen Popmusik nämlich schon einiges (mit)erlebt …
Wanda spielen vor ihrer langen Pause am 19. Dezember in der Wiener Stadthalle D!
Amira Ben Saoud - bekannt als frühere Chefredakteurin von The Gap und Kultur-Redakteurin beim Standard - legt mit “Schweben” ihr Roman-Debüt vor. Mit der Welt der Musik hat ihr Einstieg in der Literatur jedoch wenig gemein, vielmehr reisen wir mit ihr in eine bedrohliche Welt, in der der Klimawandel längst vollzogen ist. Es werden Erinnerungen an Young-Adult-Dystopien á la “Hunger Games” und “Maze Runner” wach, wenn eine Existenz geschildert wird, in der Siedlungen abgeschottet voneinander existieren, die Bewohner*innen von der Außenwelt nichts mitbekommen - und in den Zwischenräumen der sichere Tod lauert. Im Fokus steht eine junge Frau, die sich nicht mehr an ihren eigenen Namen erinnern kann - auch, weil sie es sich - so surreal das klingen mag - zum Beruf gemacht hat, für ihre Kunden in die Rollen verschwundener Bezugspersonen zu schlüpfen. Somit erzählt der Roman auch von Identitätskrisen in einer Gesellschaft unter den nur scheinbar friedlichen Kulissen eines autoritären Systems mit undurchsichtigen Regeln. Verstörend, aber hochaktuell und fesselnd!