Bild: Jörg Steinmetz, Robert Eikelpoth Bild: Jörg Steinmetz, Robert Eikelpoth
Konzerte

Die Opel-Gang im Schatten der Ärzte?

03.05.2023 von Robert Fröwein

Oasis gegen Blur, GAK gegen Sturm Graz, die Beatles gegen die Rolling Stones oder Qualtingers unvergessenes Simmering gegen Kapfenberg – Rivalitäten befeuern Sport, Kunst und Kultur. Sie sorgen für leidenschaftlichen Diskurs unter Anhängern und können selbst dicke Freundschaften auf eine harte Probe stellen. Sie heizen die beteiligten Protagonisten zu kreativen oder athletischen Höchstleistungen an und kratzen durch den zusätzlich vorhandenen Ehrgeiz noch eine Extraportion Passion aus dem hintersten Winkel des Körpers. Rivalitäten potenzieren Leidenschaften und befriedigen die niedersten Instinkte. Ohne sie hätten Personen der Öffentlichkeit weniger Licht und Schatten um sich gebündelt.

Tote Ärzte nach einem Watschentanz

Unzählige große Lieder ob derartiger Fehden können im deutschsprachigen Raum die zwei größten Punkbands singen. Die Ärzte aus Berlin und die Toten Hosen aus Düsseldorf formierten sich beide 1982, gelten gleichsam als wichtigste Vertreter des deutschen Punkrock, linkspolitische Sprachrohre und Hitlieferanten mit einem untrüglichen Hang zur Ohrwurmgarantie. Die vier Jahrzehnte andauernde Beziehung zueinander ist – im besten Rivalitätssinne – von markanten Höhen und Tiefen gefüllt.

Hosen-Frontmann Campino erinnerte sich schon vor einem guten Jahrzehnt, als die Bands zum damals 30. Bandgeburtstag zu ihrer Historie befragt wurden, über anfängliche Verstimmungen in den 80er-Jahren. „In den Anfangstagen waren wir gut befreundet, aber dann sind wir uns ein bisschen in die Haare geraten über die Art und Weise, was man bereit ist, für den Erfolg zu tun.“ Die anfangs noch gut miteinander klarkommenden Bands bewegten sich in derselben Szene und hatten dementsprechend oft deckungsgleiche Fans und Freunde. Doch mit zunehmenden Erfolgen und größer werdenden Konzerten, erwuchsen die Animositäten gegeneinander. Eine durchaus markante Rolle spielten dabei die Medien, die ihre Auflagenzahlen durch das Säen von Zwietracht in den Wochen- und Monatsmagazinen markant erhöhten. „Wir haben uns damals alle sehr gut ausspielen lassen. Ich erinnere mich an eine Nacht, in der es zum Showdown kam, wo vor dem Ballhaus Tiergarten gegenseitig ein paar Ohrfeigen geflogen sind.“ Nach dem Watschentanz waren die schlimmsten Zwiste überstanden und mit steigendem Alter (und höherer Reife) erwuchs zwischen den beiden Bestsellern ein zuerst respektvolles und später überaus freundschaftliches Verhältnis zueinander.

Schrei nach Liebe

Das kulminierte vor allem in den letzten zwei Dekaden zu diversen Querverstrebungen, die man früher nicht für möglich gehalten hätte. Die Hosen covern seit geraumer Zeit immer wieder den Ärzte-Smash-Hit „Schrei nach Liebe“, Ärzte-Bandmitglied Rod González trat im Video des Hosen-Songs „Wannsee“ auf und die Ärzte wiederum schätzten in veröffentlichten Interviews gerne die unermüdlichen Sozialaktivitäten von Campino und Co. „Ich würde sagen, wir sind befreundete Kollegen“, erzählt Campino in einem Ärzte-Podcast, „wir würden auf der Straße nie aneinander vorbeilaufen und die beiden Bands gehen längst sehr liebenswert miteinander um.“ Dass beide Parteien viele Jahre lang lieber im eigenen Sud schmorten, findet der agile Hosen-Sänger rückblickend schade. „Wir hätten da sicher mehr daraus machen können. Was einen Schulterschluss anging, waren beide Bands früher sehr sparsam unterwegs.“ Ärzte-Blondschopf Farin Urlaub verortet im Rückblick vielmehr einen „positiven Neid“. Die ewigen Vergleiche zwischen den Bands habe er aber nie nachvollziehen können, denn „die Hosen waren immer ernsthafter und wir viel alberner“.

Im Rampenlicht bis der Arzt kommt

Auch in Zahlen gegossen ist es ein lebenslanges Duell der Giganten. Die Toten Hosen haben bislang rund 15 Millionen Tonträger verkauft, die Ärzte firmieren bei knapp neun Millionen. Wenn man Studioalben, Live-Alben und Compilations zusammenzählt, landeten die Hosen in Deutschland zwölfmal und in Österreich viermal an der Spitze der Charts. Den Ärzten gelang der Sprung auf den Thron in ihrer Heimat elf- und in Österreich viermal. Beiden gelingt zudem seit den späten Neunzigern das Kunststück, mit jedem Studioalbum sofort ganz nach oben zu gelangen. Ganz zu schweigen von den unzählbaren Gold-, Silber- und Platinauszeichnungen, Single-Hits und ausverkauften Stadien, Hallen und Arenen.

Der sportlich gesunde Wettkampf zwischen den beiden alternden Punk-Großmächten lässt sich ohnehin vielmehr in der Wirkkraft nach außen, denn mit nackten Zahlen ermessen. Beide Bands öffneten mit ihrer musikalischen und politischen Haltung Künstlern wie Kraftklub, den Broilers, Feine Sahne Fischfilet oder den Beatsteaks Tür und Tor für eigene Karrieren im strahlenden Rampenlicht.

Mittlerweile sind die Musiker der Hosen und Ärzte über 60 oder nah dran. Vom Punk-Spirit der frühen Tage ist in der Realität naturgemäß wenig übriggeblieben, doch auch wenn sich beide musikalisch weit stärker dem herkömmlichen Pop angenähert haben, darf man nicht darüber hinwegsehen, dass das gesellschaftspolitische Engagement in und außerhalb des Rampenlichts noch immer sehr stark vorhanden ist. Diesen Sommer kommen die Toten Hosen nach Linz, die Ärzte ins Burgenland und nach St. Pölten – womit beide Bands einmal mehr eindrucksvoll beweisen, dass hierzulande kein großes Festival ohne die Epigonen des deutschen Punkrock auskommt. Angesichts der musikalischen Hitqualitäten und der körperlichen Fitness ist noch kein Ende in Sicht. Urlaub meinte, man wolle so lange weitermachen, solange die Menschen sie noch sehen wollen. Campino gab augenzwinkernd bekannt, dass man dann aufhöre, wenn es auch den Ärzten reicht. Was sich viele wirklich wünschen würden, war bislang aber nur ein mehrfach ausgesprochener Aprilscherz: ein gemeinsam geschriebener Song. Vielleicht fehlt dieses Puzzleteil noch zur Missionsvollendung beider Größen ...

Die Toten Hosen live

Die Toten Hosen spielen am zweiten Tag des dreitägigen LIDO SOUNDS am 17. Juni. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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DIE ÄRZTE LIVE

Die Ärzte gastieren am letzten Tag des Nova Rock, also am 10. Juni, und irgendwann zwischen 17. und 19. August am FM4 Frequency, wann genau, das ist noch streng geheim. Auch hier gibt es die Tickets bei oeticket.com.

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