Bild: Barracuda Music
Das Patriarchat hat ausgedient: Von Charli XCX über Amyl & The Sniffers und den Lambrini Girls bis So Good reißen die „Brats“ das Ruder an sich – laut, kompromisslos, rotzig.
Seit Jahren wird gefordert, dass auf Festivalbühnen und in den großen Konzerthallen endlich mehr Frauen sichtbar werden – in Wirklichkeit hat (fast) niemand mehr Lust auf die „alten, weißen Männer“, die viel zu lange in der Welt das Sagen hatten und auch in der Musik den Ton angaben. Spätestens mit dem Album „Brat“ von Charli XCX ist aber klar: Diese Forderung hat längst ein Gesicht, einen Sound, eine Haltung, vor allem aber einen Namen bekommen – „Brat“ (englisch für „Göre“) ist ein Statement, das den Moment markiert, in dem eine neue Generation lauter, kompromissloser, rotziger „Gören“ dem Patriarchat offensiv den Kampf ansagt.
„Brat“ steht für eine Haltung irgendwo zwischen provokanter Selbstermächtigung, Trash-Ästhetik, Y2K-Nostalgie und Ironie. Brat Pop ist hyperfeminin, sexuell aufgeladen, rotzig und die knallige Bühne für die verdiente Selbstdarstellung von Frauen – das bewusste Überdrehen, um sich endlich Gehör zu verschaffen.
Die „Brats“, die starken Frauen, entmächtigen – oder entmannen! – die alten, weißen Männer, indem sie sich das Recht nehmen, laut, schrill und peinlich, dabei aber geil zu sein. Es geht darum, endlich die Kontrolle an sich zu reißen – hier hat jede die Chance, ihre eigene Identität, ihre Wut, ihre Andersartigkeit auszuleben und zu feiern – ohne sich erklären oder zurücknehmen zu müssen. Brat Pop, das ist eine queere, empowerte Supernova, die immer stärker wird und auf dem besten Weg dahin ist, ein neues Musikzeitalter nicht nur einzuläuten, sondern auch zu dominieren.
Dabei ist Charli XCX mit ihrem letztjährigen Album „Brat“ nur die Spitze des Eisbergs – die Mutter der „Brats“: Sie forciert keineswegs, erfolgreich im Mainstream zu sein, sondern macht einfach, was sie will. Sie spielt gekonnt mit Nostalgie und Futurismus, erzählt von Selbstzweifel und Selbstermächtigung und schafft einen Spagat zwischen Overthinking und Kopf ausschalten – und liefert damit die Blaupause für immer mehr Frauen, die mal mehr, mal weniger poppig als Charli klingen, aber dennoch eins gemein haben: Grenzen zu sprengen, und dabei laut und authentisch zu sein.
Ein perfektes Beispiel dafür sind etwa auch sowohl Amyl & The Sniffers, als auch die Lambrini Girls: Sie spielen Punk Rock, verkörpern dabei den DIY-Geist, sind direkt, authentisch, roh und bewusst unkonventionell. Ihre Songs sind knackig und unpoliert, sie provozieren, machen feministische Perspektiven erlebbar und vor allem: Auf der Bühne explodieren sie, jagen dabei das konservative, rückwärtsgerichtete Denken in die Luft. Sowohl bei Amyl, als auch den Lambrini Girls ist die Sozialkritik vor allem eins: ein kollektiver Befreiungsakt, ein „Fuck you!“ gegen die bisher ungerechte, ungleiche Welt.
So gut, dass sie sich gleich so genannt haben, ist aber auch die britische Band So Good rund um Sophie Bokor-Ingram, die wie ein Ping-Pong-Flummi zwischen Hip-Hop, Punk und Pop hin- und herspringen. Kein Wunder, dass sie da bereits seit Jahren auf TikTok regelmäßig mit ihren Songs viral gehen, unter anderem mit der Über-Satire „Give Me My Presents“. Dabei heißen So Good nicht nur so, sondern sie sind es auch: Und das auf eine charmante, angenehm unprätentiöse Weise, die daran erinnert, warum wir Indie-Bands überhaupt mal so geliebt haben (Nostalgie: check). Sie klingen, als würden The 1975, Arctic Monkeys und ein bisschen Bloc Party gemeinsam eine WG-Party schmeißen – mit Dosenbier aus der Badewanne, aus dem Fenster rauchen und einem Röhren-TV nachschmeißen. Sie kombinieren typisch britische Gitarrenhooks mit tanzbarem Sound, der vor Rebellion nur so strotzt, und einem gigantischen Gespür für eingängige Melodien.
Was dabei auffällt – wie auch bei Charli XCX, Amyl & The Sniffers und den Lambrini Girls: Trotz ihres Internet-Hypes wirkt nichts, und zwar absolut nichts an ihnen kalkuliert. Sie sind laut und anstrengend, weil sie es so wollen. Sie sind stylisch, aber nicht gestylt. Und man nimmt ihnen ab, dass sie wirklich einfach Bock auf Musik haben – und zwar Musik mit Message, die nicht in einem Algorithmus entstanden ist, sondern aus dem tiefsten Inneren kommt, aus eigenen Emotionen und Erfahrungen schöpft. Ungefähr so, als würde Cher Horowitz von „Clueless“ nicht Jus studieren, sondern Musik machen: So Good ziehen toxische Maskulinität verdient ins Lächerliche – und machen verdammt viel Spaß damit. Sogar mir, als alten, weißen Mann.